Urban Federer, Abt des Klosters Einsiedeln.
Schweiz

Abt Urban: «Bruder Meinrad hat sich zurückgenommen, ohne in eine Opferrolle zu geraten»

Das Kloster Einsiedeln feiert Bruder Meinrad, der vor hundert Jahren verstorben ist. Der Seligsprechungsprozess läuft seit 1939. Wer Bruder Meinrad war und was er uns heute zu sagen hat, erzählt Abt Urban Federer im Podcast «Laut + Leis».

Sandra Leis

Die Vita von Josef Eugster ist schnell erzählt: 1848 im St. Galler Rheintal geboren, muss er wegen der Armut seiner Familie früh in der Fabrik arbeiten. Er lernt Schneider, tritt ins Kloster Einsiedeln ein und leitet viele Jahre die Kloster-Schneiderei. Am 14. Juni 1925 stirbt Bruder Meinrad 76-jährig im Kloster Einsiedeln.

Eigentlich ein unspektakuläres Leben. Weshalb berührt er trotzdem viele Menschen? «Bruder Meinrad war ein bescheidener Mann, der nicht sich ins Zentrum stellte, sondern Gott und das Wohl der Menschen», sagt Abt Urban Federer.

Ein Mensch der Dankbarkeit

Er sei ein Mann des Gebetes und der Arbeit gewesen und verkörpere die Benediktsregel exemplarisch. Vorbild und Inspiration sei ihm Bruder Meinrad vor allem in einer Eigenschaft: «Er war ein Mensch der Dankbarkeit, und Dankbarkeit fehlt uns oft in der heutigen Gesellschaft.»

Bruder Meinrads Nähutensilien.
Bruder Meinrads Nähutensilien.

Er sei ein sehr hilfsbereiter Mensch gewesen, erzählten Mitbrüder, die ihn noch gekannt haben. Bruder Meinrad habe andere Menschen gefördert und ihre Stärken erkannt. 

So sei beispielsweise ein junger Schneiderkollege geschickter gewesen als er selbst. Deshalb habe er gesagt, dieser solle doch die Leitung der Schneiderei übernehmen.

Wunsch nach Seligsprechung

Bruder Meinrad muss eine Ausstrahlung gehabt haben weit über das Kloster hinaus. «Der Wunsch nach Selig- und Heiligsprechung kam nicht etwa aus dem Kloster, sondern vom Volk», sagt Abt Urban. Das Ganze habe 1939 Fahrt aufgenommen.

Bruder Meinrads Zelle.
Bruder Meinrads Zelle.

«Bruder Meinrad ist eine Art Antifolie zu all dem, was die Menschen während des Zweiten Weltkriegs erlebt haben.» Heute frage er sich, so Abt Urban, ob wir nicht wieder in einer ähnlichen Situation seien.

«Überall werden Grenzen hochgezogen. Viele sprechen von ‹Me first› und vom Schutz des eigenen Landes. Und nun kommt das Jubiläum eines Bruders, der sagt: ‹You first›.»

Es braucht ein Wunder

Seit 1941 liegt Bruder Meinrad in einem Ehrengrab in der Einsiedler Klosterkirche und zieht täglich Pilgerinnen und Pilger an. 1960 schliesslich hat Papst Johannes XXIII. ihm den Titel «Ehrwürdiger Diener Gottes» verliehen.

Das Ehrengrab von Bruder Meinrad Eugster in der Klosterkirche von Einsiedeln.
Das Ehrengrab von Bruder Meinrad Eugster in der Klosterkirche von Einsiedeln.

Das ist eine Vorstufe zur Seligsprechung. Doch seither stockt es, denn es braucht ein Wunder, das medizinisch nicht erklärt werden kann. Nur, wie soll es ein Wunder geben, hundert Jahre nach Bruder Meinrads Tod? 

Dazu sagt Abt Urban im Podcast «Laut + Leis»: «Bei Gott ist alles möglich. Ein Wunder hat seit jeher das Ziel, eine heiligmässige Person nicht nur als Vorbild hinzustellen, sondern zu betonen: Das letzte Wort liegt bei Gott, dem eigentlich Heiligen.»

Kritik von Martin Luther

Die Selig- und Heiligsprechung von Menschen ist in der Geschichte des Christentums auch heftig kritisiert worden. Allen voran vom Reformator Martin Luther: Er hat die Rolle der Heiligen als Mittler zwischen Gott und den Menschen abgelehnt.

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«In der Bibel ist es klar: Es gibt nur einen Mittler, und das ist Jesus Christus», sagt Abt Urban. «Vertrauen hat man in erster Linie in Jesus Christus. Diese Vorstellung ist für Menschen allerdings oft zu abstrakt.» 

Wenn man einen Menschen kenne, der schon etwas von diesem Gott ausstrahle, «ist das wie ein Fenster auf diesen Gott, und das kann das Vertrauen intensivieren».

36’000 Gebetserhörungen

Wie stark dieses Vertrauen in Bruder Meinrad ist, zeigen die Nachrichten von Gebetserhörungen, die das Kloster Einsiedeln erreichen. Bruder Alexander Schlachter sammelt all diese Zuschriften, legt sie feinsäuberlich in Ordner ab. Mittlerweile sind rund 36’000 Gebetserhörungen dokumentiert.

Von Bruder Meinrad sind rund vierzig Briefe überliefert.
Von Bruder Meinrad sind rund vierzig Briefe überliefert.

Ob’s je zu einer Seligsprechung kommt, ist offen. «Im Moment hat Papst Leo XIV. sicherlich andere Prioritäten», sagt Abt Urban schmunzelnd. Das Kloster Einsiedeln feiert Bruder Meinrad das ganze Jahr: mit einer Ausstellung, monatlichen Impulsen und einem Film.

Scharfe Zurechtweisungen

In diesem – übrigens von Reformierten gemachten – Film bleibt eine Szene ganz besonders haften: Neben seiner Arbeit in der Schneiderei ist Bruder Meinrad auch im Speisesaal tätig. Dort wird er von seinem Vorgesetzten regelmässig scharf zurechtgewiesen.

Die Stiftskirche des Klosters Einsiedeln.
Die Stiftskirche des Klosters Einsiedeln.

Und was macht Bruder Meinrad? Er bedankt sich dafür und erträgt die Ungerechtigkeiten. Diese Duldsamkeit sei einigen Mitbrüdern bestimmt auf die Nerven gegangen, ist Abt Urban überzeugt.

Doch Bruder Meinrad habe es so gewollt: «Es braucht Stärke, wenn man – um es biblisch zu sagen – auch mal die andere Wange hinhält.»

«Man darf sich wehren»

Im gleichen Atemzug sagt Abt Urban: «Ich bin auch Lehrer und würde meinen Schülerinnen und Schülern nie raten, bedankt euch bei Leuten, die euch Unrecht tun.» Man müsse im Einzelfall schauen, was man aushalten könne und wolle. Klar sei auch: «Man darf sich wehren.»

Abt Urban in der Ausstellung über Bruder Meinrad.
Abt Urban in der Ausstellung über Bruder Meinrad.

Bruder Meinrad hat sich nicht gewehrt: «Er hat sich zurückgenommen, ohne in eine Opferrolle zu geraten.» Am Ende, so erzählt es der Film, ist er der Einzige, der überhaupt noch Zugang findet zum Mitbruder, der ihn gequält hat. Bruder Meinrad hat ihn für sich gewonnen und wurde auf dem Sterbebett zur Vertrauensperson.

Alles über Bruder Meinrad inkl. Link zum Film: www.bruder-meinrad.ch


Urban Federer, Abt des Klosters Einsiedeln. | © Sandra Leis
6. Juni 2025 | 09:00
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