Jacqueline Straub: «Ein Kardinal, der sich für das Frauenpriestertum ausspricht, kann nicht Papst werden»
Welche Prioritäten setzt Papst Leo XIV.? Einschätzungen der Theologin Jacqueline Straub im Podcast «Laut + Leis». Die Journalistin und Buchautorin engagiert sich seit vielen Jahren für das Frauenpriestertum.
Sandra Leis
«Friede sei mit euch» – das hat Robert Francis Prevost mehrfach betont bei seinem allerersten Auftritt als Papst Leo XIV. «Friede ist also Programm und die wichtigste Aufgabe eines Papstes», sagt die Theologin Jacqueline Straub.
Auf die Frage, wie er sich in die Weltpolitik einbringen werde, antwortet sie: «Ich glaube, dass er viele vatikanische Diplomaten an zentrale Stellen setzen wird.» Papst Leo XIV. kenne das System Vatikan sehr gut, besser als Papst Franziskus, und er sei ein Mann von Welt und könne sich in verschiedene Gesellschaften einfühlen.
Frieden für Missbrauchsbetroffene
«Hinzu kommt, dass er angeboten hat, im Vatikan Gastgeber zu sein für Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland.» Allerdings, und das betont Straub deutlich, Frieden heisse nicht nur kein Krieg zwischen Ländern. «Frieden heisst auch, dass Menschen Frieden finden können.»
Damit spricht sie die Missbrauchsskandale an. «Friede bedeutet auch Friede für Menschen, die Missbrauch erfahren haben. Oder für Angehörige und Freunde von Menschen, die Missbrauch erlitten haben.»
Wunsch nach klarer Kante
Die erste Priorität müsse sein, dass die Kirche Mechanismen finde, um Menschen zu schützen und denjenigen Menschen, die Leid erfahren haben, Frieden zu bringen. «Das erhoffe ich mir von Papst Leo, und ich glaube, dass er dereinst daran gemessen wird», so die Theologin und Redaktorin von kath.ch.
Papst Franziskus hat eine Null-Toleranz-Grenze eingefordert, selber allerdings auch nicht immer ganz konsequent gehandelt. Jacqueline Straub nennt als Beispiel Kardinal Rainer Maria Woelki aus Köln, der immer noch im Amt ist, obwohl er dem Papst seinen Amtsverzicht schriftlich eingereicht hat.
«Da wünsch ich mir vom jetzigen Papst eine klarere Kante.» Ob am Vorwurf, er selber habe in zwei Fällen Missbrauch vertuscht, etwas dran ist, sei von aussen kaum zu beurteilen. Mehrheitlich sei Prevost entlastet worden. «Ich hoffe einfach, dass ihn diese beiden Vorfälle sensibilisieren für das Thema Missbrauch.»
«Der ist aber flott»
Leos erste Priorität ist Frieden und die zweite soziale Gerechtigkeit. Das zeigt sich schon an seiner Namenswahl. Sein Namensvorgänger Leo XIII. hat im 19. Jahrhundert die Sozialenzyklika «Rerum Novarum» geschrieben und ist als Arbeiterpapst in die Geschichte eingegangen.
Für Leo XIV. ist die Künstliche Intelligenz die wichtigste industrielle Revolution unserer Zeit. Dass er KI so in den Fokus stellt, hat auch Straub erstaunt: «Da dachte ich mir: Der ist aber flott und weiss, was in der heutigen Welt so passiert.»
Bekenntnis zum synodalen Weg
Klar bekannt hat sich der neue Papst auch zum synodalen Prozess, den Franziskus angestossen hat. Ihm ist es hoch anzurechnen, dass erstmals auch Laien und Frauen an die Weltsynode nach Rom eingeladen wurden.
Und: Er und Prevost als Personalchef haben dafür gesorgt, dass Frauen jetzt auch im Vatikan wichtige politische Posten bekleiden. «Da haben die beiden Gutes geleistet», so Straub.
Bei der Weihe für Frauen hört’s auf
Doch klar ist auch: Bei der Weihe für Frauen hört’s auf. Papst Leo XIV. ist wie sein Vorgänger Franziskus gegen das Frauenpriestertum. Trotzdem spürt Jacqueline Straub die Berufung zur Priesterin, seit sie 15 ist. Heute ist sie 34 Jahre alt und weiss: «Ein Kardinal, der sich im Vorfeld für das Frauenpriestertum ausspricht, kann nicht Papst werden.»
Prevost beispielsweise hat bereits als Kardinal vor dem Frauenpriestertum gewarnt und gesagt, man müsse Frauen vor dem Klerikalismus schützen.
Da schüttelt Straub nur den Kopf und sagt: «Wir können nicht bei der Weihe anhalten. Ich hoffe, dass der Druck irgendwann gross genug wird, dass sie merken, es geht nicht mehr.»
Prognose für 2040
Vor neun Jahren schrieb Straub in ihrem Buch «Jung, katholisch, weiblich. Weshalb ich Priesterin werden will»: «Ich vertraue darauf, dass die Kirche im Jahr 2040 wieder vollere Kirchenbänke haben wird und die Strukturen der Kirche dann weicher und beweglicher sein werden.»
Und: «Es wird verheiratete Priester und Priesterinnen geben, und Homosexuelle und Geschiedene werden nicht mehr von den Sakramenten ausgeschlossen.»
Die Hoffnung im Herzen
Heute verzichtet sie auf Prognosen: «Es hängt vieles davon ab, was Papst Leo XIV. jetzt anpackt und umsetzt.» Entscheidend sei auch, welche Kardinäle und Bischöfe ernannt werden und ob die Reformkräfte durchhalten und auch in Zukunft einen langen Atem haben.
Im Podcast «Laut + Leis» sagt Jacqueline Straub: «Ich habe die Hoffnung im Herzen und den Willen, mich weiterhin für meine katholische Kirche einzusetzen.»
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




