Papst Leo XIV. als Überraschungsgast bei der Vereidigung der Schweizergarde
Erstmals seit mehr als 50 Jahren hat am späten Samstagnachmittag ein Papst die Vereidigungszeremonie der Schweizergardisten besucht. Papst Leo XIV. bedankte sich bei den jungen Schweizern für ihre Dienstbereitschaft. Als Ehrengäste aus der Schweiz waren Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter mit der Präsidentin des Nationalrats, Maja Riniker, und dem Präsidenten des Ständerats, Andrea Caroni, angereist.
Stefan Betschon
Drei Tore gibt es, durch die man den Vatikanstaat betreten kann. Das grösste und mächtigste Tor ist der Portone di Bronzo. Wer zu diesem Tor kommt, über den Petersplatz und unter den Kolonaden des Nordbogens hindurch, hat von Repräsentationsarchitektur schon etwas mitbekommen. Und doch wird ihn die Wucht dieser Toranlage beeindrucken, wenn er sie am Fuss einer Treppe stehend erstmals erblickt.
Diese Tür ist wohl fast zehn Meter hoch, so dass der Schweizergardist, der hier Wache hält, sich ausnimmt wie eine Spielzeugfigur. Doch man kommt um ihn nicht herum. Er prüft die Ausweise mit strengem Blick. Er trägt eine Brille, von der weissen Halskrause zum Ohr ringelt sich ein Kabel, das die Funkverbindung zum Korps sicherstellt.
Eminenzen und Exzellenzen
Der Besucher muss warten. Kaum gibt die Wache den Weg frei, eilt er zusammen mit vielen anderen die breiten Treppen hoch. Die unglaubliche Pracht des Treppenhauses nimmt er kaum zur Kenntnis, schwer atmend erreicht er das Herzstück des Apostolischen Palasts, den zentralen Cortile San Damaso. Auf drei Seiten des Platzes, auf seiner dem Petersplatz zugewandten südlichen Seite sowie im Osten und Norden sind mehrere Hundert Stühle aufgestellt. Es sind schlichte, braun-beige Sitzgelegenheiten aus Kunststoff. Nur in der Mitte des Platzes gibt es zuvorderst Stühle mit roten Kissen. Und davor, auf einem roten Teppich steht ein Stuhl, der grösser ist als alle anderen. Er ist noch eingepackt.
Rund um den Platz, unterhalb der päpstlichen Gemächer, sind die Fahnen der Schweizer Kantone aufgehängt. Auf dem Platz eilen viele Leute hin und her, Ausschau haltend nach Bekannten und Verwandten. Für die Musik, die ein Urner Trachtenchor zum Besten gibt, scheint niemand ein Gehör zu haben. Uri ist eng mit der Schweizergarde verbunden, aus diesem Kanton stammte zu Beginn des 16. Jahrhunderts der erste Kommandant, Kaspar von Silenen. Uri ist heuer bei der Zeremonie Gastkanton.
Immer mehr Leute stehen herum, die wichtig zu sein scheinen. Das zeigt sich daran, dass sie den Mittelpunkt bilden von kleinen Grüppchen und auch daran, dass sie auffällige Hüte und Mützen tragen. Bischöfe und Kardinäle mit farbigen Käppchen und auch Offiziere mit steifen Hüten oder wuchtigen Schirmmützen sind zu sehen. Als Vertreter der Schweizer Bischofskonferenz nimmt der Bischof von Chur, Joseph Bonnemain, an der Zeremonie teil. Zu ihm gesellen sich beiden Schweizer Kardinäle im Vatikan, Emil Paul Tscherrig und Kurt Koch. Anwesend ist auch der Chef der Schweizer Armee, Korpskommandant Thomas Süssli.
Zusammen mit wichtigen Schweizer Politikerinnen und Politikern betritt die Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter den Damasus-Hof von Norden her. Sie setzt sich in der Mitte des Platzes auf einen Stuhl mit rotem Kissen.
Lebendige Geschichte
Die Vereidigungszeremonie der Schweizergarde ist ein international bedeutendes Ereignis. Das ist mehr als Folklore, das ist lebendige Geschichte. 27 junge Schweizer verpflichten sich, dem Papst «treu, redlich und ehrenhaft» zu dienen. Üblicherweise findet diese Zeremonie am 6. Mai statt, einem Datum, das an das Jahr 1527 erinnert, als 147 Schweizergardisten während der Plünderung Roms ihr Leben zum Schutz des Papstes hingegeben haben.
Diese Zeremonie sei für ihn von grosser Wichtigkeit, erklärte einer der 27 Männer am Vortag im persönlichen Gespräch: «Das ist im Leben etwas Einmaliges» sagte der junge Mann, der sich mit dem Vornamen «Jan» vorgestellt hatte.
«Man schwört, und das gilt für sein Leben. Für mich und für alle anderen Gardisten ist das ein grosses Ereignis, so wie die Hochzeit. Das macht man einmal, man schwört vor allen Leuten. Es ist nicht etwas, zu dem man sich von heute auf morgen entscheidet, es ist ein grosser Schritt, den man sich lange überlegt hat. Es ist mir wichtig, dass ich es mache.»
Spontaner Applaus für den Papst
Dann plötzlich geht ein Raunen durch die Reihen. Alle stehen auf. Von Westen her, aus der Richtung, in der die Sixtinische Kapelle zu vermuten ist, betritt eine weissgewandete Gestalt den Platz. Es ist Papst Leo XIV. Er ist begleitet nur von einigen Geistlichen in schwarzen Soutanen. Hinter ihm geht ein Mann mit roten Hosen und einem silbern glänzenden Harnisch. Auf dem Kopf ein Helm mit einem weissen Federbusch. Das ist der Kommandant der Schweizergarde, Oberst Christoph Graf.
Alle sind still. Man hört nur das Klicken von Kameras. Der Papst winkt den Menschen zu und geht mit raschen Schritten zu seinem Stuhl auf dem roten Teppich. Spontaner Applaus brandet auf. Der Papst gibt den Menschen auf den vordersten Stühlen die Hand, unter ihnen ist die Schweizer Bundespräsidentin.
Laute Kommandos
Eine Glocke schlägt fünf Mal. Es ist 17 Uhr. Trompetenklänge. Auf einem Balkon hoch über dem Tor, durch das der Papst den Hof betreten hat, stehen drei Schweizergardisten mit Langtrompeten. Eine männliche Stimme schreit laut ein Kommando. Trommelwirbel. Schweizergardisten in Zweierreihe betreten von Osten her den Hof. Hinter den Trommlern der Fähnrich, dem links und rechts ein Gardist mit erhobenem Säbel zur Seite steht. Es folgen Musikanten, Blechinstrumente, eine Klarinette, eine Pauke. Und dann folgen die Hellebardiere, die heute vereidigt werden. Alle gehen sie langsam, wie in Zeitlupe.
Einer der Hellebardiere ist Jan. Er ist in Engelberg aufgewachsen, hat bei den Benediktinern die Klosterschule besucht. Seit Januar ist er in Rom, seit Mitte März leistet er, wie er sagt «richtigen, ordentlichen Dienst»: «Die täglichen Dienstpläne sind sehr unterschiedlich, manchmal haben wir nur sechs Stunden Dienst, manchmal sind es 12 Stunden. Es kommt halt darauf an, was der Papst gerade macht. Jetzt im Heiligen Jahr und mit dem neuen Papst sind die Anforderungen höher, es gibt jetzt immer wieder Zusatzaudienzen am Samstag. Viele Politiker möchte den neuen Papst kennenlernen. Da müssen wir Ehrendienst leisten.»
Eine seltene Ehre
Wie und warum wird einer Gardist? «Ich bin katholisch aufgewachsen, und so kam es, dass ich mich während der Rekrutenschule entschied, hierher zu kommen. Der militärische Alltag erfordert sehr viel Disziplin, Genauigkeit, Sauberkeit. Das fängt schon am Morgen an, wenn wir unser Tenue herstellen. Alles muss sauber sein, richtig sitzen, blitzblank. Mir gefällt das, den Alltag so zu beginnen, wenn ich sehe, dass alles seine Richtigkeit hat. Das hilft mir. Das habe ich schon im Schweizer Militär feststellen können. Die Ausbildung in der Rekrutenschule war sehr hart. Auch körperlich wurde viel von uns gefordert. Ich habe im Militär viel über mich selbst gelernt. Ich würde mich eher als sanften Menschen bezeichnen. Ich bin nicht der harte Typ. Das Militär hat mir geholfen, eine neue Seite von mir hervorzubringen, Härte zu beweisen, hinzustehen und laut werden, wenn es sein muss».
Diese laute Stimme braucht es, wenn die jungen Gardisten schreiend die Eidesformel bekräftigen. Doch zuerst hat der Kommandant das Wort. Er redet italienisch, französisch und deutsch. Er weist darauf hin, dass es eine seltene Ehre sei, dass ein Papst die Vereidigungszeremonie besucht. Der letzte Papst, der die Schweizergardisten so geehrt hat, war Papst Paul VI., und das ist schon mehr als fünfzig Jahre her.
Die Gardisten, die heute vereidigt würden, hätten sich während Monaten auf dieses wichtige Ereignis vorbereitet. Bei dieser Vorbereitung geht es aber nicht nur um militärischen Drill, sondern auch um eine ethische Grundhaltung. Kommandant Graf verweist auf Martin von Tours, der einem Bettler seinen Mantel gegeben hat, auf Bruder Klaus, der dem Schweizer Volk geraten hat, sich nicht in fremde Händel einzumischen und auf Franziskus von Assisi, der weltlichem Reichtum entsagte und die Menschen aufforderte, sich als Teil der Schöpfung zu verstehen. Diese Heiligen, die sich in grosser Liebe und Demut der Nachfolge Christi hingegeben hätten, seien jedem Schweizergardisten ein Vorbild.
Treueschwur
Diese Hingabe kommt in der Eidesformel zum Ausdruck, mit der sich jeder Schweizergardist für den Dienst verpflichtet. «Ich schwöre, treu, redlich und ehrenhaft zu dienen dem regierenden Papst, Leo XIV., und seinen rechtmässigen Nachfolgern und mich mit ganzer Kraft für sie einzusetzen, bereit, wenn es erheischt sein sollte, für ihren Schutz selbst mein Leben hinzugeben.»
Die Eidesformel wird vom Gardekaplan, dem Einsiedler Benediktinerpater Kolumban Reichlin, vorgelesen. Danach tritt jeder der 27 jungen Hellebardiere vor, einer nach dem anderen, umfasst mit der linken Hand die Korpsfahne, erhebt den rechten Arm, die drei Schwurfinger ausgestreckt, und schreit: «Ich schwöre, alles das, was mir soeben vorgelesen wurde, gewissenhaft und treu zu halten, so wahr mir Gott und unsere Heiligen Patrone helfen!»
«Eher ein zurückhaltender Typ»
Im persönlichen Gespräch am Tag vor der Vereidigung hatte Jan gesagt: «Dass ich jetzt für die Sicherheit des Papstes mitverantwortlich sein darf, ist mir eine grosse Ehre. Ganz zuerst. Es ist auch eine grosse Verantwortung, die ich als 20jähriger bereits übernehmen darf. Das erfüllt mich mit Stolz. Ich bin stolz, dass wir Schweizer seit 500 Jahren den Papst beschützen dürfen.»
Obwohl er erst seit anfangs Jahr in Rom ist, hat er schon viel erlebt. Er hat zwei Päpsten gedient. «Ich konnte Papst Franziskus gerade noch kennenlernen. Ich habe ihn nicht gut gekannt. Ich war ihm nicht nahe. Aber das, was ich erlebt habe, war sehr schön. Ich gehörte auch zur Totenwache. Es war ein besonderer Moment, als ich dort in der Basilika Wache stand. Mit Papst Leo konnte ich auch schon sprechen. Nur kleine Dinge, Smalltalk. Er ist ganz anders als Franziskus. Franziskus hat jedem die Hand gegeben, er war sehr umgänglich. Papst Leo bedankt sich immer und er schätzt unsere Arbeit sehr, das merken wir. Aber er ist eher ein zurückhaltender Typ. Ich hatte noch nie ein längeres Gespräch mit einem Papst.»
Der Segen des Papstes
Unmittelbar vor der Vereidigung hatte die Musik der Garde den Schweizerpsalm gespielt. Nach der Zeremonie spielt sie leichtere Musk von eher weltlichem Charakter, die Instrumentalversion eines Mundart-Hits – «Alperose» – für die Schweizer Gäste und dann auch noch ein Stück der amerikanischen Rock-Band Toto: «Africa». Warum spielen sie diesen Song, der nun wirklich nicht ins Repertoire von militärischen Blaskapellen gehört? Vielleicht weil er dem amerikanischen Papst gefällt?
Am Schluss tritt der Papst ans Mikrofon und spricht «Worte des Dankes» an alle Anwesenden: «Der heutige Tag hat uns die Wichtigkeit von Disziplin bewusst gemacht, von Opferbereitschaft, von einem Leben im Glauben, das Werte vermittelt und junge Menschen inspiriert, ihr Leben in den Dienst für andere zu stellen. Ich danke Ihnen in meinem Namen und im Namen des Heiligen Stuhls für Ihren Dienst. Gott segne Sie, segne Ihre Familien und begleite Sie immer. Danke.»
Als die Schweizergarde abmarschiert, klatschen die Leute im Takt. Dann rollt ein schwarzes Auto eines deutschen Herstellers auf den Hof. Das Nummernschild mit der Zahl Eins verweist auf den Vatikanstaat. Der Papst fährt davon, die Zeremonie ist zu Ende.
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