Filmkritik zu Dan Browns «Inferno»
Zürich, 13.10.16 (kath.ch) Der Film «Inferno» (ab 13. Oktober in den Schweizer Kinos) ist die Verfilmung des Bestsellers von Dan Brown – mit jeder Menge falschen Fährten und kryptischen Hinweisen. Der Schweizer Bertrand Zobrist hatte schon immer eine ganz besondere Vorstellung von der Welt. Doch im Unterschied zu Normalsterblichen besitzt er als Wissenschaftler nicht nur die Fähigkeiten, sondern als Milliardär auch die Kapazitäten, seine Visionen umzusetzen. Das letzte, so Zobrist, was die Erde brauche, seien zu viele Menschen.
Jörg Gerle
Wie faszinierend wäre es also aus seiner Sicht, wenn durch eine Art »natürliche Auslese» der Welt viele Milliarden «überflüssiger» Menschen erspart blieben? Durch einen Virus, der 95 Prozent der Bevölkerung beseitigt? Die wenigen Überlebenden hätten dann umso mehr Freiraum, zu prosperieren. Allerdings hat Zobrist keine Chance, sein angedachtes Werk selbst zu erleben, da er auf der Flucht vor dem WHO-Kommissar Christoph Bruder den Suizid wählt.
Derweil hat der US-amerikanische Kryptologe und «Symbology»-Professor Robert Langdon ein wertvolles Puzzlestück zur Bekämpfung des perfiden Zobrist-Vermächtnisses in seiner Tasche. Unglücklicherweise liegt er mit partieller Amnesie in einem Krankenhauszimmer in Florenz. Augenblicklich weiss er weder, was ihn nach Italien verschlagen noch wer ihm eine Kopfwunde zugefügt hat. Doch mit Unterstützung der Ärztin Sienna Brooks ist er dabei, das Höllenfeuer in seinem Kopf zu löschen. Plagen ihn doch seltsame Visionen, deren Ursprung aus Dantes Dichtung vom Inferno der Menschheit herrühren könnte.
https://youtu.be/WIX9SQQ9cIc
Ein Gott spielender Wissenschaftler, ein Weltretter und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als MI6-Ersatz: Fertig ist ein neuer «James Bond» mit anderen Mitteln. Dan Brown stand mit seinem Roman «Inferno» erneut Pate für ein weiteres Action-Mysterienspiel, das Ron Howard nach «The Da Vinci Code – Sakrileg» (2006) und »Illuminati» (2009) fast schon zu einer Art Franchise-System erhebt.
Gott spielen
Während sich die ersten beiden Thriller um Robert Langdon um brisante Enthüllungen aus dem Dunstkreis des Vatikan rankten, geht es in »Inferno» gleich um Gott beziehungsweise um die Sehnsucht, selbst Gott spielen zu wollen. Und da der Kombattant ebenso intelligent wie grössenwahnsinnig und spielsüchtig ist, versteckt er Indizien zu seinem Unterfangen in Dantes «Göttlicher Komödie»: «Die Allmacht wollt in mir sich offenbaren!» So haben zumindest Langdon und seine Gefährtin eine letzte Chance, das Mysterium zu entschlüsseln, dem Unheil auf die Spur zu kommen und die Welt zu retten – vielleicht.
Regisseur Howard ist ein genüsslicher Fährtenleger und trefflicher Geschichtenerzähler. Ihm macht es Spass, spannende Geschichten so zu verpacken, dass man ihnen mit Freude zusieht. Einmal mehr hat er mit Tom Hanks einen Verbündeten, den man sowohl das Geerdete des Kumpels als auch das Genie des Superwissenschaftlers abnimmt. Hinzu kommen ein hohes Produktionsbudget und wohl auch die notwendigen Kontakte, um auch an historischen Originalschauplätzen in Italien und der Türkei drehen zu dürfen.
Daraus resultiert eine durchaus unterhaltsame Mischung aus Thriller und Schauder, die von der zum «Dan Brown»-Erkennungszeichen avancierten enigmatischen Musik von Hans Zimmer zusammengehalten wird. Hinterfragen sollte man das ganze Spektakel freilich nicht. So muss man schlicht hinnehmen, dass die WHO ebenso mächtig wie naiv, die italienische Polizei samt Museumswächter so tumb wie die türkische Polizei wohlorganisiert ist – und am Ende ominöse Organisationen alles natürlich schon vorher gewusst haben.
Da fällt es fast nicht mehr ins Gewicht, dass die Fans der literarischen Vorlage angesichts des weichgespülten Filmfinales wohl äusserst erstaunt reagiere werden. Es ist eben alles nur eine unverbindliche Unterhaltungsshow, und die soll tunlichst nicht überfordern oder gar verstören. (kna)
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