Juden in der Schweiz am Purim-Fest 2015. Der Tag erinnert an die Errettung des jüdischen Volkes vor der Verfolgung in Persien.
Schweiz

Jahre alleine sind keine Garantie für Anerkennung

Bern, 18.1.16 (kath.ch) Vor 150 Jahren erhielten Jüdinnen und Juden in der Schweiz die gleichen Rechte, wie die übrige Bevölkerung. Sie durften sich niederlassen, wo sie wollten, sie durften wohnen, arbeiten, ihren Hobbies nachgehen und ihren Glauben leben, kurz: wo sie ihren Lebensmittelpunkt setzen mochten. Zuvor durften sie sich in der liberalen, freien Schweiz gerade einmal in zwei Gemeinden niederlassen. Heute ist das ganz anders, aber nicht alles ist gut. Ein Leitartikel von Martin Spilker.

Am Sonntag, 17. Januar, 150 Jahre und drei Tage nach der Abstimmung über die Gleichstellung der Juden in der Schweiz lud der Schweizerische Israelitische Gemeindebund zu einer Kulturveranstaltung ins Kornhausforum nach Bern. Die Einladung war offen für jedermann und der Saal bald einmal voll. Eine Jubiläumsfeier, wie so manche. – Wäre da nicht vor dem Eingang zum Kornhaus ein Polizeiauto gestanden und der Eintritt in den Saal war nur nach Passieren eines Metalldetektors und einem Blick in die Tasche gewährt worden.

Eine überfällige Änderung

Das, die selbstkritische Rede des Bundespräsidenten Johann Schneider-Ammann und die – mal deutlichen, mal verborgenen – Hinweise in den grossartigen Darbietungen zeigten eindrücklich: Die Verfassungsänderung zur Anerkennung der Juden in der Schweiz vor 150 Jahren war überfällig. Ja, längst überfällig für ein Land, das sich Humanität auch damals auf die Fahne schrieb.

Das Ja der Mehrzahl der Schweizer Männer damals, 150 Jahre des Zusammenlebens, der Annäherung, der Vorbehalte, der gemeinsamen Erfahrungen – Erfolge wie Misserfolge – zeigen letztlich, dass eine politische Entscheidung allein keine Garantie für ein friedliches Zusammenleben ist.

Immer noch Vorurteile

Dieses Ja am 14. Januar 1866 versprach die rechtliche Gleichstellung von Menschen in der Schweiz mit jüdischem Glauben. Bundesrat Johann Schneider-Ammann musste aber auch an diesem Festakt eingestehen, dass die damalige Verfassungsänderung nur durch einen angedrohten Handelsboykott zustande gekommen war.

Und ja, der Bundespräsident hat auch festgehalten, dass die Landesregierung erst kürzlich zusätzliche Mittel zum Schutz der jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner gesprochen hat und sich die Schweiz noch nie leichtgetan habe mit dem Fremden. Jüdinnen und Juden in der Schweiz erleben entsprechend auch 150 Jahre nach der rechtlichen Anerkennung viele religiös begründete Vorurteile.

Erinnerung und Aufforderung

Die auftretenden Künstlerinnen und Künstler dürften das auf die eine oder andere Weise selber auch erlebt haben, manche machten es gar zum Thema. Im Zentrum aber standen die Feier und die Freude daran, das Publikum zu begeistern. Das ist rundum gelungen.

Die nachdenklichen Töne aus dieser Veranstaltung aber sind angekommen. Sie sind Aufruf und Aufforderung zugleich, sich immer wieder neu an die vor 150 Jahren zugesprochene Gleichstellung zu erinnern. Und damit ernst zu machen. Täglich neu. (ms)

Vor 150 Jahren erhielten Schweizer Juden endlich ihre Rechte

Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund

Ausstellung Schweizer Juden – 150 Jahre Gleichberechtigung im Kornhausforum Bern

Juden in der Schweiz am Purim-Fest 2015. Der Tag erinnert an die Errettung des jüdischen Volkes vor der Verfolgung in Persien. | © Keystone
18. Januar 2016 | 16:34
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