Juden im Reigen der Religionen: Bahnhofkirche Zürich.
Schweiz

Vor 150 Jahren erhielten Schweizer Juden endlich ihre Rechte

Zürich, 15.1.16 (kath.ch) Seit 1866 dürfen sich Juden in der Schweiz frei niederlassen. Am 14. Januar des gleichen Jahres gewährte ihnen eine Teilrevision der Bundesverfassung, die vom Schweizer Stimmvolk angenommen wurde, die volle Ausübung der Bürgerrechte. Am Sonntag, 17. Januar eröffnet der Schweizerischer Israelitische Gemeindebund (SIG) die Feierlichkeiten zu 150 Jahren Gleichberechtigung mit einem Kulturfest in Bern, an welchem auch Bundespräsident Johann Schneider-Ammann auftritt.

Georges Scherrer

Der Bundespräsident wird den öffentlichen Teil mit einer Ansprache eröffnen. Die drei Schweizer Landeskirchen werden gemäss SIG durch den St. Galler Bischof Markus Büchel, den Ratspräsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), Gottfried Locher, und den christkatholischen Bischof Harald Rein vertreten. Zu den Landeskirchen pflegt die jüdische Gemeinschaft gute Kontakte. Sie gehört dem Schweizer Rat der Religionen  an und steht mit der katholischen Kirche über die «Jüdisch/Römisch-katholische Gesprächskommission der Schweiz» im Dialog.

Co-Präsident der Kommission ist Rabbiner David Bollag. Der in den verschiedenen Gremien gepflegte interreligiöse Dialog ist sehr wichtig und «funktioniert ausgezeichnet», sagte er gegenüber kath.ch. Die Gespräche würden helfen, das Verständnis zwischen dem Judentum und den anderen Religionen zu verbessern.

Am kommenden Berner Festtag werden die geladenen Gäste vor Beginn des öffentlichen Kulturfestes im Kornhausforum Bern an einer Vorbesichtigung der Wanderausstellung «15 Schweizer Juden stellen sich vor» teilnehmen. Diese Ausstellung wird bis Anfang 2017 in verschiedenen Schweizer Städten gezeigt. Die porträtierten Personen geben die Pluralität der jüdischen Bevölkerung in der Schweiz wieder, teilt der SIG mit.

Am Kulturfest selber ist auch künstlerische Prominenz angesagt. Neben der Opernsängerin und Jurymitglied der Schweizer Castingshow MusicStar, Noëmi Nadelmann, werden unter anderen der Jazzer Omri Ziegele, der World-Musiker Omri Hason und die Slam Poetin Lea Gottheil auftreten.

Viele Tiefs in der Geschichte

Die Präsenz der Juden in der Schweiz ist durch eine wechselvolle Geschichte geprägt. SIG-Präsident Herbert Winter führte in einer Ansprache an einer Tagung zur Situation der jüdischen Minderheit in der Schweiz, die am 1. Dezember in Bern stattfand, aus, dass die Juden bereits zur Zeit der Römer hierzulande lebten. Archäologische Funde im aargauischen Augst und in Martigny im Wallis zeugten von jüdischer Präsenz auf dem Gebiet der heutigen Schweiz.

Im Jahre 1213 ist die Anwesenheit von Juden in Basel bezeugt. Sie liessen sich auch in weiteren Ortschaften auf dem heutigen Gebiet der Schweiz nieder. Sie wurden aber immer wieder massiv verfolgt und schliesslich weitgehend verjagt. Eine Ausnahme bildeten die beiden aargauischen Dörfer Endingen und Lengnau, wo Juden seit dem 17. Jahrhundert Wohnsitz nehmen konnten. Ein kulturhistorisch bedeutender Judenfriedhof zeugt von dieser Präsenz der Juden in der Schweiz.

Zufriedene Bürger …

Seit 1866 dürfen sich Juden in der Schweiz frei niederlassen und ihre Bürgerrechte ausüben. Die Schweizer Juden sind aber auch heute nicht vor rassistischen Vorfällen gefeit. Der SIG betreibt eine Anlaufstelle für antisemitische Vorfälle. In seinem Berner Vortrag meinte SIG-Präsident Winter zwar, dass die 18’000 Schweizer Juden zufriedene Bürgers des Landes seien – auch wenn die «Säkularsierung» die jüdische Gemeinschaft wie andere Religionsgemeinschaften auch treffe. Die Bedeutung der Religion nehme für viele Juden ab, sagte Winter, und auch die Bereitschaft, sich in einer jüdischen Gemeinschaft zu engagieren «und Gemeindesteuern zu zahlen».

Von «Kollateralschäden», unter welchen die Juden litten, sprach der SIG-Präsident ebenfalls. Die aktuelle Diskussion über ein Kopftuchverbot tangiere ebenfalls die Kopfbedeckung der Juden, die Kippa. Auch die Diskussion über Knabenbeschneidung sei ein «Symptom einer zunehmenden Skepsis gegenüber Religion».

… und doch Ängste

Zehn bis zwanzig Prozent der Schweizer Bevölkerung hätten «ein Problem mit Juden», sagte Winter weiter und verwies dabei auf entsprechende Studien. Ein latentes «Antisemitismuspotential» dringe «in Wellen an die Oberfläche». Unter Juden sei eine Angst vorhanden. Synagogen und Gemeindehäuser würden besonders geschützt. Der SIG verweist auf Facebook auf einen Vorfall, der sich erst kürzlich in Zürich abspielte. Nachdem in der Nähe einer jüdischen Schule verdächtige Personen ausgemacht worden seien, habe die Polizei das Gelände gesichert.

Juden sollen in der Schweiz frei und unbeschwert ihren Lebensstil verwirklichen können. «Wir wollen uns nicht verstecken. Wir wollen die Kippa nicht unter einer Mütze tarnen», sagte denn auch Winter. An der Berner Tagung erhielt er Unterstützung von Bundesrat Didier Burkhalter. Dieser erklärte, die Schweizer Regierung tue alles, um auch die Minderheit der Bürger jüdischen Glaubens zu schützen. (gs)

 

 

Juden im Reigen der Religionen: Bahnhofkirche Zürich. | © Andrea Krogmann
15. Januar 2016 | 09:55
Lesezeit : ca. 3  Min.
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Vier Fragen an Rabbiner David Bollag

David Bollag ist ein bekannter Name in der Schweizer Gesellschaft. Der Rabbiner engagiert sich im öffentlichen Leben. Er ist Lehr- und Forschungsbeauftragter an der Universität Luzern und Co-Präsident der Jüdisch/Römisch-katholische Gesprächskommission der Schweiz.

Herr Bollag, was bedeutet es für Sie, dass die Juden vor 150 Jahren anerkannt wurden?

Für die Juden, die damals in der Schweiz schon ansässig waren, war dies eine wichtige und sehr willkommene Entwicklung. Sie ist bis heute für die Juden in der Schweiz von grosser Bedeutung. Die Gleichberechtigung der Juden – in der Schweiz und in vielen anderen europäischen Ländern – ist eine direkte Folge der Aufklärung und der Französischen Revolution. Sie anerkennt, dass alle Menschen – als Menschen – die gleichen Rechte und Pflichten haben, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. Das galt nun auch für die Juden.

Wie ist die Situation der Juden in der Schweiz heute?

Die Juden in der Schweiz sehen und erleben sich als voll integrierte Bürger und Bewohner des Landes. Es muss erwähnt werden, dass sich in der Schweiz jüdische Familien finden, die schon weit mehr als 250 Jahre ansässig sind und sich voll als Schweizer sehen und definieren – als Schweizer Juden.

Schätzen Sie die Bedrohungslage für die Juden in der Schweiz als hoch ein oder sind sie ganz einfach auch Bürger, die den üblichen Gefahren im Lande ausgesetzt sind?

Die Juden in der Schweiz sind heute bedroht, sowohl von arabisch-muslimischem wie auch von lokalem Antisemitismus. Das ist im Moment ein sehr grosses Problem für die Juden in der Schweiz. Die Bedrohung an sich ist ein Problem, aber auch die dadurch verursachten Sicherheits-Kosten belasten die Gemeinden sehr.

Sie gehören der Jüdisch/Römisch-katholischen Gesprächskommission der Schweiz an. Wie gestaltet sich der Dialog mit den anderen Religionsgemeinschaften in der Schweiz?

Der interreligiöse Dialog in der Schweiz ist sehr wichtig, funktioniert ausgezeichnet und hilft, das Verständnis zwischen dem Judentum und den anderen Religionen und die Zusammenarbeit mit ihnen zu verbessern. Der Dialog beruht auf gegenseitigem Respekt und auf gegenseitiger Anerkennung – ohne dass es Ziel des Dialoges ist, die ganz klaren Unterschiede zwischen den Religionen zum Verschwinden zu bringen.

Der Dialog ist durchaus auch ein Rahmen, in welchem die Sorgen und Probleme der jüdischen Bevölkerung in der Schweiz zur Sprache kommen und nach Lösungen gesucht wird. (gs)