Der Einsiedler Abt Urban Federer beteiligt an der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen. | © zVg Natalie Szathmary
Schweiz
Der Einsiedler Abt Urban Federer beteiligt an der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen. | © zVg Natalie Szathmary

Bedingungsloses Grundeinkommen: Durchaus eine religiöse Sache

Zürich, 26.11.15 (kath.ch) Die Volksinitiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» ist vor fast genau zwei Jahren zustande gekommen. Nächstes Jahr wird darüber abgestimmt. Am Mittwoch, 25. November, lud das Institut Zukunft zu einer Veranstaltung. Einer der Redner war der Einsiedler Abt Urban Federer.

Martin Spilker

«Zukunftsdialog Religion und Gesellschaft» war der Anlass im Restaurant «Au Premier» im Zürcher Hauptbahnhof überschrieben. Der Ort war Programm: Einerseits sollte die Veranstaltung gut erreichbar sein. Andererseits konnte sich das Publikum in der ersten Etage aus erster Hand über Inhalte, Hintergründe und mögliche Auswirkungen der Initiative informieren. Und es war eine geballte Ladung, die das mehrheitlich ältere Publikum zu diesem für viele Leute schwer vorstellbaren Ansatz für eine ganz andere Geld- und Kräfteverteilung im Land zu hören bekam.

Eine christlich-kulturelle Perspektive

«Hinter der Initiative steht eine Gruppe von Künstlern, Publizisten und Intellektuellen», schrieb die Schweizerische Depeschenagentur SDA zu den Initianten. Zu ergänzen sind hier Personen aus Theologie und Kirche. So eröffnete der reformierte Zürcher Pfarrer Res Peter den Abend mit einem Verweis auf eine Stelle im Alten Testament der Bibel. Und der Neumünster-Pfarrer forderte, dass die Kirche zu diesem Thema Raum zur Diskussion bieten müsse.

«Ich glaube nicht, dass diese Abstimmung zu gewinnen ist. Doch ein solcher Denkansatz braucht unbedingt Unterstützung», sagte der Schriftsteller Adolf Muschg als erster Redner der vier dichten Referate des Abends. Die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen sei ein Zeichen gegen die Resignation gegenüber einer Politik, die so etwas als «systemwidrig» ablehne. Und er erinnerte daran, dass der sogenannten «Abzocker-Initiative» vor gut zwei Jahren ein ebenso steifer Wind entgegengeweht habe. – Eine Initiative, die dann mit der bisher dritthöchsten Zustimmung angenommen wurde. Es gehe hier um ein «Spiel mit anderen Regeln», so Muschg. Und das erfordere auch andere Kompetenzen.

Noch viele Fragezeichen und Vorbehalte

Hinter der Initiative, so der Schriftsteller weiter, stehe die Idee, Arbeit von Einkommen zu trennen. Denn Arbeit sei für sich alleine noch kein Wert. Mit den unanständig hohen Gehältern in einigen Berufsgruppen und auf der anderen Seite Löhnen, die nicht einmal das Existenzminimum deckten, komme diese Diskussion aber deutlich zu kurz. Wenn aber – wie mit dem bedingungslosen Grundeinkommen angedacht – das «Lebensnotwendige» gedeckt werden kann, dann könne jeder Mensch weiter denken, fühlen, handeln.

Die konkrete Umsetzung dieses Volksbegehrens dagegen wirft noch einige Fragen auf, wie sowohl Jeannette Behringer, Mitarbeiterin im Bereich Gesellschaft und Ethik der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Zürich, wie auch Torsten Meireis, Professor für Systematische Theologie an der Universität Bern zeigten. So ist aus Sicht von Jeannette Behringer nicht abschätzbar, was bei der Einführung des Grundeinkommens wirklich passiere. Sei forderte deshalb einen einjährigen «Feldversuch», beispielsweise in einer Gemeinde. Dazu brauche es heute auch dringend eine Debatte über die gerechte Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit.

Spassbremse und Idealgesellschaft Kloster

Der protestantische Theologe Meireis verstand sich an diesem Abend, der wohl vornehmlich von Unterstützern der Initiative besucht war, als «Spassbremse». Gegen ein solches Grundeinkommen könne, sofern es «einen Beitrag zum guten Leben» leiste, nichts eingewendet werden. Doch gebe es nach wie vor einen Zwang zur Arbeit. Und konkrete politische Debatten in Deutschland hätten gezeigt, dass diese Idee, die allen Menschen zugutekommen sollte, dann doch mehrheitlich von den Besitzenden zu deren Gunsten ausgestaltet würde.

Eine ganz andere Welt eröffnete dann Urban Federer, Abt des Benediktinerklosters Einsiedeln. Seit über 900 Jahren werde in seinem Kloster der Beweis erbracht, dass Arbeit nicht nur mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, sondern ganz ohne Einkommen geleistet werden kann. Eine solche «bedingungslose Arbeit» erfordere aber einerseits die Gemeinschaft, andererseits aber auch die Bereitschaft zur Hingabe. Die Frage, ob das klösterliche Leben als Ideal auf die ganze Gesellschaft übertragbar sei, beantwortete Urban Federer so: Der Klosteralltag beinhaltet auch die Askese im Sinn der selbstgewollten Beschränkung. Eine Bemerkung, die in einer von Macht und Besitz geprägten Welt nicht überall gleich gut ankommen dürfte.

In der Publikumsdiskussion wurde angemerkt, dass man sich in unserer Zeit vor lauter Ökonomie gar nicht mehr getraue, an Ideale zu glauben. Und mehr als einmal wurde dazu aufgerufen, einfach Ja zu stimmen – viel passieren würde bei Annahme der Initiative angesichts der langen politischen Wege dadurch noch nicht.

Interview mit dem Schriftsteller Adolf Muschg zum bedingungslosen Grundeinkommen auf ref.ch

Die Initiative

Die Volksintiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert eine Ergänzung der Bundesverfassung. Der Initiativtext im Wortlaut:

  1. Der Bund sorgt für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.
  2. Das Grundeinkommen soll der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen.
  3. Das Gesetz regelt insbesondere die Finanzierung und die Höhe des Grundeinkommens.

Der Bundesrat empfiehlt die Initiative abzulehnen. Im Nationalrat stimmten 146 Parlamentarier dagegen, 14 dafür und 12 enthielten sich der Stimme. Der Ständerat hat die Vorlage noch nicht behandet, die Ständeratskommission hat sich mit 10 zu 0 Stimmen bei einer Enthaltung dagegen ausgesprochen.

Über die Initiative wird 2016 entweder im Mai oder im September abgestimmt. (ms)

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