Miteinander – Füreinander

Wir sind in einer Wendezeit

Botschaft des Präsidenten der Schweizer Bischofskonferenz zu Advent und Weihnachten

Liebe Schwestern und Brüder in Christus

Wir stehen an der Schwelle zum neuen Kirchenjahr und bald auch zum neuen Kalenderjahr. In knapp einem Monat feiern wir Weihnachten. Wir sind in einer Wendezeit. Wir blicken zurück und nach vorn, wobei die Corona-Pandemie unsere Perspektive unweigerlich prägt.

“Kreativität war und ist gefragt, auch jenseits von Corona. Danke.”

Felix Gmür ist Bischof von Basel und Präsident der Schweizer Bischofskonferenz.

Wir Bischöfe teilen mit Vielen die Trauer über jene Menschen, die einsam und ohne Begleitung sterben mussten und von denen man nicht gebührend Abschied nehmen konnte. Wir sind traurig über die Einsamkeit, die der Lockdown vielerorts verstärkt hat. Dass wir alle auf Nähe, Zärtlichkeit, auf eine Umarmung und auf Besuche verzichten mussten und müssen, schmerzt. Es bedrückt uns sehr, dass Gottesdienste ganz oder teilweise ausfallen.

Gleichzeitig danken wir Bischöfe von ganzem Herzen all jenen, die sich während der vergangenen Monate mit viel Herzblut für andere engagiert haben. Trotz der vielen Beschränkungen ermöglichen sie kirchliches Leben, oft in neuen Formen, und schenken jenen ihre Zeit, die ein offenes Ohr oder handfeste Hilfe brauchen. Kreativität war und ist gefragt, auch in Zukunft, auch jenseits von Corona. Danke.

Wir spürten und spüren in diesem Jahr mehr als sonst, dass wir verletzlich sind. Wir sind verwundbar. Eine lebenslange Begleiterin drängt sich in den Vordergrund: die Ungewissheit. Was bringt das Neue Jahr? Dürfen wir auf fröhliche Stunden in Gemeinschaft hoffen? Auf öffentliche Messfeiern? Welche Auswirkungen hat die gebeutelte Wirtschaft auf unser Leben? Wird es endlich Lösungen geben für die Tausenden von Flüchtlingen, die in den Lagern unter miserablen Umständen ausharren müssen? Wir wissen es nicht. Die Ungewissheit hält an.

“Die Geburt Jesu Christi ereignet sich in einem Umfeld von höchster Ungewissheit.”

Die Weihnachtsgeschichte eröffnet uns eine Perspektive mit einem Deutungshorizont für Krisenzeiten und die damit verbundene Unsicherheit. Die Geburt Jesu Christi ereignet sich in einem Umfeld von höchster Ungewissheit. Als der Engel Gabriel Maria verkündet, dass sie einen Sohn gebären wird, bringt er sie als unverheiratete Frau in eine missliche Lage. Doch Maria glaubt und hofft. Deshalb kann sie beherzt Ja sagen. Josef ist unsicher, ob er Maria heiraten soll. Durch einen Traum und die Zusage Gottes gewinnt er schliesslich den Mut, mit Maria den Weg zu gehen.

Es bleibt prekär. Denn Jesus wird in einer Region geboren, in der zahlreiche politische Konflikte brodeln. Aber gerade hier kommt Gottes Sohn zur Welt. Hier öffnet sich der Himmel. Gott wendet sich den Menschen zu. Gott merzt die Risiken nicht aus, denn sie gehören zu unserem Leben. Weihnachten schenkt uns trotz aller Ungewissheit die Zuversicht, den Boden unter den Füssen nicht zu verlieren. Neues Leben entsteht, ein Kind wird geboren, Gottes Sohn tritt in diese Welt ein.

“Hören wir auf die Stimme der Engel.”

Gibt es ein grösseres Zeichen der Hoffnung, eine grössere Bestätigung der göttlichen Liebe zu uns Menschen? Hören wir auf die Stimme der Engel: «Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine grosse Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr» (Lk 2,10f).

Liebe Schwestern und Brüder, aus dem gemeinsamen Glauben schöpfen wir Kraft und Hoffnung, auch in schwierigen Zeiten zusammenzustehen und sie zu meistern. Dazu segne und begleite Sie der dreifaltige Gott.

Bischof Felix Gmür, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, am 1. Advent 2020


Schutzmaske gegen Corona-Virus

Vernunft und Religionsfreiheit: Die Kirchen sind menschenrelevant

Gottesdienste sind weiterhin möglich. Der Bundesrat hat richtig entschieden, denn Religionsfreiheit und Pandemie-Bekämpfung widersprechen sich nicht. Ein Kommentar von kath.ch-Redaktionsleiter Raphael Rauch.

Wer die Klosterkirche in Einsiedeln oder die Martinskirche in Schwyz kennt, weiss: Es gibt nicht nur an den Bischofssitzen Kathedralen. Überall in der Schweiz gibt es grosse Kirchen, wo sich die Menschen gut verteilen können. Eineinhalb Meter Abstand halten ist hier kein Problem.

«Selbst Jesus und seine zwölf Jünger wären zuviel gewesen.»

Raphael Rauch ist Redaktionsleiter von kath.ch

Insofern war der Angriff auf die Religionsfreiheit in den Kantonen Wallis, Bern und Schwyz unverhältnismässig. Im Wallis dürfen maximal zehn Menschen an Gottesdiensten teilnehmen. Will heissen: Selbst Jesus und seine zwölf Jünger wären hier zuviel. Bern mit einer Obergrenze von 15 Gläubigen und Schwyz mit 30 sind kaum besser.

In Deutschland und in Italien haben sich Schutzkonzepte bewährt, wo statt absoluter Zahlen die tatsächliche Grösse der Kirche und das Schutzkonzept zählt.

Der Angriff auf die Religionsfreiheit ist auch deshalb unangemessen, weil von Gottesdiensten keine grosse Gefahr für die öffentliche Gesundheit ausgeht. Es ist unfair, dass Restaurants und Beizen nach wie vor zig Gäste empfangen dürfen, Gottesdienste sich aber einem strengen Reglement unterwerfen müssen.

«Gläubige halten sich an Regeln und Schutzkonzepte.»

Gläubige, die Gottesdienste besuchen, sind oft bürgerlich geprägte Menschen. Sie halten sich an Regeln und Schutzkonzepte. Die Gefahr, dass Massnahmen unterwandert werden, ist gering.

Die Zeiten sind vorbei, wo es zu Ansammlungen vor oder nach den Gottesdiensten kommt. Mit preussischer Disziplin befolgen die Menschen das Schutzkonzept, argwöhnisch bewacht von eifrigen Sakristanen. Ein Beispiel aus St. Peter und Paul in Zürich zeigt: Wer sich weigert, im Gottesdienst eine Maske zu tragen, muss mit der Polizei rechnen.

Der Bund hat richtig entschieden: Epidemie-Bekämpfung und Religionsfreiheit, Glaube und Vernunft schliessen sich nicht aus. Die Kirchen sind vielleicht nicht mehr systemrelevant, aber menschenrelevant. So hat es ein Pfarrer im Oberwallis formuliert.

Ihm ist zu wünschen, dass die Kantone Wallis, Bern und Schwyz sich nun am Bund orientieren und die Obergrenze auf 50 erhöhen. Ein Flickenteppich mit unterschiedlichen Regeln bei Gottesdiensten gibt nur Corona-Skeptikern Aufwind, die ohnehin von willkürlichen Massnahmen sprechen.

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