Suizid darf niemals zur Erwartungshaltung der Gesellschaft werden

Medienmitteilung

250 Personen waren am Freitag bei der Vernissage des Buchs «Den Weg zu Ende gehen» in die Kartause Ittingen. Mit der Herausgabe der Publikation zum begleiteten Suizid, bezieht die Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau Stellung zu einem Thema mit politischer, öffentlicher aber auch persönlicher Brisanz. In seiner Festrede mahnte Prof. Dr. Andreas Kruse ein Versagen der Gesellschaft an.

Assistierter Suizid. Das Thema berührt. Auf politischer, gesellschaftlicher und auch auf persönlicher Ebene. Sozusagen als Gegengewicht zur starken Lobby-Arbeit von Sterbehilfeorganisationen wie Exit, hat die Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau die Schrift «Den Weg zu Ende gehen» herausgegeben. Die Buch-Vernissage war am Freitag in der Kartause Ittingen. Kirchenratspräsident Pfarrer Wilfried Bührer erklärte die Absicht so: «Mit der Vernissage will der Kirchenrat nicht nur das Buch bekannt machen, sondern auch Gesprächsanstoss zum Weiterdiskutieren geben». Die 250 Anwesenden liessen sich beim Begegnungsaustausch an den Stehtischen darauf ein. So auch Besucherin Susi Menzi, Bonau: «Ich bin dankbar, dass die Landeskirche das heikle Thema aufgreift. Das Buch ist für mich hilfreich im Gespräch mit anderen. Genial wie die Fragen auf den Punkt zielen und wie das Professor Kruse im Referat näher ausgeführt hat.»

Aus Ehrfurcht vor Gott und dem Leben

Der Kirchenrat und die Dekane als Repräsentanten der Thurgauer Pfarrpersonen, blicken mit Sorge auf eine gesellschaftliche Entwicklung, die das geplante, vorzeitige Aus-dem-Leben-Scheiden als normale Option für das Lebensende akzeptiert. «Die Überzeugung, dass es einen Gott über uns gibt und die Ehrfurcht vor dem Leben» so Kirchenratspräsident Wilfried Bührer, «hat uns bewogen, gemeinsam diese Orientierungshilfe zu erarbeiten». Die epochalen Veränderungen sollen sich nicht schleichend einnisten, die Sterbehilfe-Debatte nicht unwidersprochen der mächtigen Sterbe-Lobby überlassen werden, niemals dürfe ein gesellschaftlicher Erwartungsdruck zum Sterbeentscheid führen. Unter Leitung der Frauenfelder Fachärztin Christine Luginbühl ist ein breites Netzwerk von Fachleuten aus Medizin, Theologie, Psychologie, Gerontologie, Pflege und Recht aufgebaut worden. Dank ihrer Fachbeiträge und persönlichen Erfahrungsberichten von Familienangehörigen ermöglicht das Buch eine fundierte, kritische Auseinandersetzung und lädt zur differenzierten Betrachtung ein. Auch darüber, dass Selbstbestimmung am Lebensende weit mehr beinhaltet als das enge Selbstbestimmungs-Verständnis, das dem assistierten Suizid zugrunde liegt. «Ist selbstbestimmt wirklich selbst-bestimmt?», fragt Luginbühl.

Gesellschaftskultureller Umgang mit Verletzlichkeit

Den Festvortrag hielt Prof. Dr. Andreas Kruse, Leiter des Gerontologischen Instituts der Universität Heidelberg, Mitglied des deutschen Ethikrates und Träger des Schweizer Palliative-Care Preises 2016. Im Referat «Leben gestalten – bis zuletzt» beleuchtete er den Suizid-Wunsch und die Motive im Hintergrund bei unheilbarer Krankheit, Gebrechlichkeit oder Angst vor Demenzerkrankung. «Die Verletzlichkeit ist ein Merkmal menschlicher Existenz. Eine Gesellschaft, die das negiert und dazu neigt, das Leben voll zu kontrollieren, treibt Menschen, die ihre Vulnerabilität im öffentlichen Raum leben, ins Abseits, sie erfahren Ablehnung und geraten in Isolation. Darauf und auch auf den Zusammenhang zwischen Demenzerkrankungen, Depressionen und zwanghaften Suizidgedanken, die nicht unbedingt auf einer gewollten Entscheidung basierten, müsse das Versorgungssystem eine adäquate und ethisch reflektierte Antwort finden. Kruse warf die Frage auf, inwieweit die Gesellschaft bereit sei, sich auf diese Vulnerabilität einzulassen und die Chance ergreife, daraus auch für sich selbst zu lernen. Er spitzte es zu: «Selbstmord ist ein soziologisches Problem und bedeutet immer ein Versagen von Gesellschaft und Kultur».

Palliative Care ermöglicht Mitgestaltung

Ein Würdeverständnis, das über den kognitiv betonten Würdebegriff hinausgehe, schliesse die Möglichkeit zur Selbst- und Mitgestaltung der Umstände auch am Lebensende ein. Kruse hob den hohen Wert und die anspruchsvollen Anforderungen an die palliative Begleitung hervor: «Eine hochentwickelte Palliative- und Hospizkultur stellt ihr Handeln ganz in den Dienst der Freiheit des Menschen und hilft ihm und Angehörigen beim Loslassen. Das Wesen eines Menschen zu erkennen, ist eine grosse Aufgabe für eine empathisch geführte Palliative Care.» Der fachliche und persönliche Einbezug aller individuell abgestimmten Möglichkeiten habe zum Ziel, dass sich der Mensch am Ende des Lebens – von Schmerz und Angst befreit – ganz auf sein eigenes Sterben konzentrieren könne: «Viel ist möglich, auch bei Demenzerkrankten. Sehr viel!»

Das Leben vom Ende her verstehen

Karin Kaspers Elekes, Präsidentin des Vereins palliative Ostschweiz, zitierte aus der Bundesverfassung, wonach sich die Stärke des Staates am Wohl des Schwachen messe: «In diesem Sinne wollen wir als Kirche Entwicklungshilfe für den Staat leisten.» Weil Sterben bis zum letzten Atemzug Leben ist, und sich das Wagnis Leben erst von seinem Ende her verstehen lasse, machte sich Kaspers Elekes als Spitalseelsorgerin dafür stark, das Wagnis dieser letzten Lebensstrecke nicht abzukürzen. «Den Weg zu Ende gehen» und «In der Begegnung mit dem Sterben Lebendigkeit erfahren», wie der Untertitel des Buches heisst, das hat auch Zuhörerin Susan Kopetschny aus Frauenfeld erfahren: «Vor eineinhalb Jahren durfte ich einen Menschen auf seinem letzten Weg begleiten. Das hat mein Leben nachhaltig verändert und ich bin dadurch reich beschenkt worden.»

Denkanstösse zum Weiterdiskutieren

Die Beiträge sind in meist leichtverständlicher Form geschrieben. Sie eignen sich auch für die Arbeit in der kirchlichen Erwachsenenbildung oder der Hauskreisarbeit. Auch wenn die Gedanken zum assistierten Suizid auf der Überzeugung beruhen, dass es einen Gott über dem Leben gibt, zeigen die Beiträge auf, was allen Menschen – auch aus anderen Religionen und Kulturen – gemeinsam ist und liefert wertvolle Anstösse zum Weiterdenken und Diskutieren.

Brunhilde Bergmann

Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau
2. September 2019 | 07:29