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Simone Weil – linke Denkerin, ungetaufte „katholische» Mystikerin – lebte radikal und in Extremen

Zum 60. Todestag

Von Cornelius Hell

Am 24. August 1943 starb die französische Denkerin Simone Weil im Alter von 34 Jahren. Die Diagnose des Arztes lautete: „Herzversagen durch Herzmuskelschwäche, hervorgerufen durch mangelhafte Ernährung und Lungentuberkulose. Die Verstorbene hat sich selbst getötet und zerstört, indem sie sich in einer Phase von Geistesgestörtheit weigerte zu essen.» Viele biografische Darstellungen unterschlagen den zweiten Satz, um den solidarischen Opfertod nicht in Zweifel zu ziehen. „Eher als ein Opfer war Simone Weils Tod das Zerbrechen eines Menschen, der am Ende die Widersprüche der Epoche, aber auch seiner eigenen Existenz und seines Denkens nicht mehr aufzulösen vermochte», schreiben die deutschen Übersetzer der Cahiers, der postum veröffentlichten Notizhefte von Simone Weil.

„Ein Betrug, sich satt zu essen»

Im letzten Band dieser Aufzeichnungen findet sich die Notiz: „So wie die allgemeine und dauernde Lage der Menschheit in dieser Welt aussieht, ist es vielleicht immer ein Betrug, sich satt zu essen. (Ich habe ihn oft begangen.)»

Das ist eine der wenigen Stellen, an denen Simone Weil „ich» sagt, und gerade hier werden wir auf eine falsche Fährte geführt. Hunger war durch viele Jahre ihres Lebens ein ständiger Begleiter. Schon in jungen Jahren hat sie gehungert, um nicht mehr Geld zu verbrauchen, als einem Arbeitslosen täglich zusteht. In ihrer Londoner Zeit wollte sie nicht mehr zu essen haben als die Landsleute im besetzten Frankreich. Daran und an ihrer Tuberkulose ist sie zugrunde gegangen – zunehmend isoliert und enttäuscht, aber fragend und unbeugsam.
Links, mystisch, befremdend Simone Weil ist eine vielfältige Gestalt: Als linke Theoretikerin, als Mystikerin am Rande des Christentums katholischer Prägung, als radikale Denkerin und durch ihr außergewöhnliches Leben übt sie große Faszination aus, auch wenn manche Züge an ihr irritieren und befremden. Niemandem, der ihr in ihrem kurzen und intensiven Leben begegnete, war sie gleichgültig, und auch die Beschäftigung mit ihren Schriften, die großteils erst nach ihrem Tod erschienen, ist eine Provokation jenseits akademischer Dispute.

Mit Religion hatte Simone Weil von Haus aus nichts zu tun. In
einem agnostischen jüdischen Elternhaus religionslos erzogen, hat sie, wie sie selbst schreibt, nie Gott gesucht. Erst als Studentin hat sie zum ersten Mal die Bibel gelesen. Bei den Riten und Gesängen eines Festes in einem armseligen portugiesischen Fischerdorf, später in Assisi und zu Ostern 1938 bei den gregorianischen Gesängen in der Benediktinerabtei Solesmes hatte sie Ekstase-Erlebnisse, die sie später als „jene drei Berührungen mit dem Katholizismus, die wirklich gezählt haben», bezeichnete.

Welterfahrung Sakrament
Am 13. Juni 1940 floh Simone Weil vor dem deutschen Einmarsch in Paris nach Marseille, wo der blinde Dominikanerpater Joseph-Marie Perrin zu ihrem wichtigsten religiösen Gesprächspartner wurde. „Wenn ich Ihnen nicht begegnet wäre, hätte ich mir das Problem der Taufe als ein praktisches Problem niemals gestellt», schrieb sie ihm in einem der sechs Abschiedsbriefe, bevor sie über Casablanca in die USA und von dort nach London weiterreiste, um für die französische Exilregierung zu arbeiten.

Die Sakramente waren für Simone Weil nicht nur kirchliche Riten, sondern geradezu ein Zentrum ihrer Welterfahrung und Lebensdeutung. Im zweiten Band ihrer Cahiers schrieb sie: „Die Sakramente (und Dinge dieser Art) sind wie Erinnerungen – Gegenstände, die Erinnerungen darstellen – an geliebte und verstorbene Menschen. Der Brief eines geliebten und verstorbenen Menschen, ein Ring, ein Buch, irgendein Gegenstand, der ihm gehört hat, stellen wirkliche Berührungen mit ihm dar, wirkliche, einzigartige, unersetzliche Berührungen. Es gibt keine Liebenden oder echten Freunde, die im Austauschen von Erinnerungsstücken nicht Freude fänden. Genauso gibt es vielleicht keine richtige Religion ohne Sakramente oder etwas Analoges.»

Daneben sah Simone Weil in den Briefen an P. Perrin in den
Sakramenten noch etwas anderes: „Gleichzeitig haben sie als Symbole und Zeremonien einen rein menschlichen Wert. In dieser letzten Hinsicht unterscheiden sie sich nicht wesentlich von den Gesängen, Gebärden und Parolen gewisser politischer Parteien.» Vor der Taufe als Aufnahmeritual in die katholische Kirche scheute sie zurück; sie fürchtete „jenen Kirchenpatriotismus, der in katholischen Kreisen herrscht» und wollte nicht Teil eines katholischen Milieus werden. „Mir scheint, es ist nicht Gottes Wille, dass ich gegenwärtig in die Kirche eintrete», schrieb sie an P. Perrin. Noch grundsätzlicher formulierte sie in Amerika die Überzeugung, „dass meine Berufung die einer Christin außerhalb der Kirche ist».

Bewusstlos getauft?
An dieser Berufung hielt sie bis zu ihrem Tod fest. Es gibt zwar Gerüchte, Simone Weil sei von ihrer Freundin Simone Deitz in London knapp vor ihrem Hungertod getauft worden. Falls das tatsächlich geschehen sein sollte, war es vermutlich in den letzten Lebensstunden, möglicherweise in bewusstlosem Zustand. Bis knapp vor ihrem Tod hat Simone Weil ihre Aufzeichnungen weitergeführt, und darin finden sich keine Indizien für eine Änderung ihrer Haltung der Taufe gegenüber. Noch in ihrem letzten Text sah sie die
„Gefahr einer Tyrannei der Kirche über die Geister» und beharrte darauf, „daß die einzige Bedingung für den Zugang zu den Sakramenten darin besteht, den Mysterien von Trinität, Inkarnation, Erlösung, Eucharistie und dem Wesen des Neuen Testamentes als Offenbarung mit dem Herzen anzugehören». Sie wollte keine Taufe im Verborgenen, sondern eine Haltungsänderung der Kirche, der sie kein Recht zubilligte, „die Arbeit des Verstandes oder die Erleuchtungen der Liebe im Bereich des Denkens einzuschränken».

Tendenziöse Rezeption
Bekannt ist Simone Weil durch die Auswahl aus diesen Cahiers geworden, die 1952 auf deutsch unter dem Titel Schwerkraft und Gnade erschienen. Dieses Buch ist eine von katholischer Interpretation gelenkte tendenziöse Auswahl, die radikale Kirchenkritik wurde ausgeblendet; die deutsche Übersetzung hat das letzte Kapitel mit seiner oft ungerechten Kritik am Judentum einfach unterschlagen.

Erst in den neunziger Jahren ist eine Gesamtausgabe aller Cahiers von Simone Weil auf Deutsch erschienen. Der vierte Band beginnt mit einer Passage, die darauf hindeutet, dass sie trotz ihrer mystischen Erfahrungen eine Skeptikerin blieb: „Die eigentliche Methode der Philosophie besteht darin, die unlösbaren Probleme in ihrer Unlösbarkeit zu erfassen, sodann sie zu betrachten, weiter nichts, unverwandt, unermüdlich, Jahre hindurch, ohne jede Hoffnung, im Warten.»

Vom Buchmarkt sind die Cahiers von Simone Weil längst wieder verschwunden. Die politische Denkerin, im deutschen Sprachraum erst spät entdeckt, ist seit Jahrzehnten unzugänglich. Ihr Fabriktagebuch, eine hellsichtige Analyse der Fabriksarbeit, sucht man ebenso vergebens in den Buchhandlungen. Neben einer Zitatensammlung ist derzeit nur der Auswahlband Zeugnis für das Gute zugänglich, der u.a. die Briefe an Pater Perrin enthält. Wer sich jetzt auf Simone Weil einlassen will, ist auf Antiquariate und Bibliotheken angewiesen.

Als Idol untauglich
Doch das Zeugnis ihres Denkens und Lebens bleibt. Zum Idol freilich, das man nachahmen könnte, taugt sie nicht. Niemandem möchte man das Leben von Simone Weil wünschen, und noch weniger möchte man es selber führen. Es ist wichtig, sich das einzugestehen. Sonst verstellt ihre Verehrung den Blick auf die eigene Mittelmäßigkeit, lenkt ab vom Wohlstand und der gesicherten Existenz, in der man selbst lebt

Der Autor hat für die Ö1-Sendereihe „Gedanken für den Tag» Texte von Simone Weil ausgewählt, die von 25. bis 30. August um 6.57 gesendet werden. Er gestaltet auch die Sendung „Mystik aus Zeitgenossenschaft: Simone Weil, eine Heilige für unsere Zeit?» in der Reihe „Logos», Samstag 20. September, 19.05/Ö1.

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