Aktionsbündnis „Zeichen gegen Missbrauch“, 01.07.2019, 11:03

Rund 150 Menschen setzten ein Zeichen gegen Missbrauch

Medienmitteilung

Die römisch-katholischen Kirche kennt keine starke Tradition freier Meinungsäusserung. Zum ersten Mal standen am Samstag 150 Menschen öffentlich gegen Missbrauch in der katholischen Kirche auf: in Solidarität mit Opfern, für strukturelle Veränderungen. 

Es war 5 Minuten nach 12, als vergangenen Samstag, 29. Juni am Helvetiaplatz in Bern ein öffentliches, nationales Zeichen gegen Missbrauch gesetzt wurde. Nahe der Nuntiatur, der Botschaft des Vatikans in der Schweiz, brachten die Versammelten ihre Wut und Empörung über Missbrauch und sexualisierte Gewalt zum Ausdruck, gleichzeitig ihre Entschiedenheit, sich für Veränderungen in den Strukturen dieser Kirche einzusetzen. Initiator*innen des Zeichens gegen Missbrauch sind achte Theologinnen und Theologen aus dem Kanton Zürich.

Die neun konkreten Forderungen werden die Initiant*innen des Zeichens dem Botschafter des Vatikans in der Schweiz, Nuntius Thomas E. Gullickson, nach seiner Rückkehr aus den Ferien am 20. August übergeben. Gullickson hat seinerseits die Übergabe an Papst Franziskus zugesagt. Weiterhin können Unterstützer*innen die Forderungen online unterschreiben, über die Website www.zeichen-gegen-missbrauch.ch/petition.

Doris Wagner, ehemalige Ordensfrau und selbst von Missbrauch betroffen, war die prominente Hauptrednerin. Sie nannte als Motivation ihres Einsatzes: Wut und Liebeskummer, in der römisch-katholischen Kirche keine gute, kirchliche Heimat mehr zu finden. Wagner benannte die Ähnlichkeit von katholischer Machtausübung durch Kleriker mit einem totalitären Regime: »Unsere Möglichkeiten uns auf formalen Wegen zu wehren, gehen gegen null. Es gibt kein Parlament in dieser Kirche, es gibt keine offenen Debatten und keine wirklich freie theologische Forschung, es gibt keine transparenten Verfahren und Gesetzgebungsprozesse, es gibt keine unabhängigen Richter oder Kirchenanwälte, es gibt keine Untersuchungsausschüsse, es gibt keine Kontrollinstanzen und keine Amtsenthebungsverfahren.»

Zwei Vertreter der Schweizer Opferschutzorganisation SAPEC wiesen je auf Französisch und Italienisch auf die dringende Notwendigkeit hin, den Zustand der Intransparenz keinen weiteren Tag hinzunehmen, ein Zustand, der schon bis heute so Viele und so Vieles zerstört hätte. Um dieses Zeichen setzen zu können, waren aus Österreich Martha Heizer und aus Deutschland Christian Weisner angereist, beide aktiv für «Wir sind Kirche». Im Wissen um Missbrauch setzt sich die Reformbewegung bereits seit Mitte der 1990er Jahre für eben jene Veränderungen ein, die durch das Zeichen gegen Missbrauch einmal mehr und wieder neu zum Ausdruck gebracht wurden.

Jacqueline Fehr, Justiz- und Kirchenministerin im Kanton Zürich, unterstrich in ihrer Grussbotschaft die Notwendigkeit eines öffentlichen Zeichens gegen Missbrauch: «Aus persönlicher und ethischer Sicht stehe ich voll und ganz hinter Ihren Forderungen. (…) Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Mut und zu Ihrem Engagement und ermuntere Sie: Bleiben Sie dran!»

Symbol dafür, dass in der römisch-katholischen Kirche die Stunde geschlagen hat, aufzuräumen und auszukehren, waren Besen, die viele Teilnehmende mitgebracht hatten. Auf Bändel notierten sie ihre wichtigsten Forderungen an die Kirchenleitung in Rom und banden sie um die Besenstiele herum. Einige Besen wurden vor die Nuntiatur gebracht, wo sie ein Mitarbeiter für den Nuntius entgegen. Zum anderen Teil nahmen die Aktivist*innen ihre Besen mit, um sie dorthin zu bringen wo sie sich aktiven Einsatz für Veränderung in der römisch-katholischen Kirche wünschen.

Christoph Wettstein, Tonja Jünger, Esther Stampfer, Vivien Siemes, Bernd Siemes, Felix Hunger, Marcus Scholten, Veronika Jehle
Aktionsbündnis «Zeichen gegen Missbrauch»

 

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