Medienspiegel

Nicolas Steiner und sein Epos der Einsamkeit: «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?»

Regisseur Nicolas Steiner aus Turtmann spricht über seinen ersten Spielfilm «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?». Ein bildgewaltiger Film, der nachwirkt.

Mit «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» legt der Regisseur Nicolas Steiner aus Turtmann seinen ersten Spielfilm vor. Hugo Drowak hat sich von der Welt verabschiedet. Der verbitterte Einzelgänger lebt zurückgezogen in einem heruntergekommenen Hochhaus, trinkt zu viel und trägt seine Vergangenheit wie eine schwere Last mit sich herum. Dann taucht Lena in seinem Leben auf. Die junge Studentin soll ihm im Rahmen eines sozialen Projekts das Schreiben näherbringen – und bringt damit etwas in Bewegung, das Drowak längst begraben glaubte.

Denn ausgerechnet das Schreiben führt ihn zurück zu verdrängten Erinnerungen, alten Wunden und einer grossen Liebe. Je tiefer Drowak in seine eigene Geschichte eintaucht, desto mehr gerät seine mühsam errichtete Welt aus den Fugen. Zwischen Tragik und märchenhaften Momenten erzählt der Film von Einsamkeit, Schuld und der überraschenden Kraft, die in einem anderen Menschen liegen kann.

Die Ursprungsgeschichte des Films stammt von der (Dortmunder) Autorin Bettina Gundermann. Eine Drehbuchfassung lag vor, als Steiner (2017) zum Projekt stiess. Diese Fassung entwickelten sie im Team weiter und es entstand die eigentümliche Welt, in der sich der Film bewegt.

Nicolas Steiner, Sie haben Ihren Film «Glauben Sie an Engel, Herr Drowak?» am 8. August am Filmfestival von Locarno gezeigt. Wie hat das Publikum auf den Film reagiert?

Das Publikum zeigte sich euphorisch und dankbar. Ich habe immer das Gefühl gehabt, das Schweizer Publikum sei eher zurückhaltend. Aber im Vergleich zu Deutschland haben die Leute extrem viel gelacht. Sie haben geklatscht, Tränen verdrückt und sind mitgegangen. Am Schluss sind diejenigen, denen der Film nicht gefallen hat, gegangen. Diejenigen, die begeistert waren, sind geblieben und haben Fragen gestellt.

Ihr Film ist ein kunstvoll konzipierter Arthouse-Film, der aber auch verstören oder polarisieren kann. Ist das etwas, was Sie bewusst gesucht haben?

Ich glaube, man unterschätzt das Publikum oft. «Mehr Mut zum Risiko» war unsere Devise – denn Eigenständigkeit entsteht dort, wo man den Mut aufbringt, nicht allen gefallen zu wollen und zu müssen. Und dieser Film regt sicher zum Diskutieren an.

Drowak ist allerdings alles andere als eine klassische Sympathiefigur. Er ist Nihilist und Misanthrop, verbittert und tief in seinen Rückzug verstrickt. Was interessiert Sie an Menschen, die sich dem Leben verweigern?

Mich interessiert die Frage: Wie sind diese Menschen so geworden? Sind sie so geboren? Kann man so auf die Welt kommen? Oder entwickelt sich das? Was haben sie erlebt? Sind Liebe, Mitmenschlichkeit und Glück erzwingbar? Ich glaube, in jedem Rucksack steckt etwas. Wir wissen nur nicht unbedingt, was. Wenn du durch gewisse Städte gehst, siehst du Menschen, die mitten in der Stadt völlig am Rand leben. Und wir schauen sie an und urteilen. Aber wer sind diese Menschen?

Sie sehen diese Menschen mit anderen Augen?

Ich habe mir einmal vorgestellt, über jedem Menschen würde ein Schild stehen: «Früher Buchautor», «Früher Lohnsachbearbeiter/in», «Früher CEO», «Früher Priester». Plötzlich würdest du einen Menschen anders betrachten. Denn oft sehen wir nur, was aus ihnen geworden ist, und vergessen, wer sie einmal waren. Diese Perspektive wollte ich hinterfragen.

Drowak hat trotz allem noch etwas in sich, das wieder zum Vorschein kommen kann. Das Schreiben wird zu seinem Zugang zur eigenen Vergangenheit.

Genau. Selbst in einem Menschen wie Drowak, der kaputt und in sich verschlossen wirkt, kann etwas schlummern. Etwas, das wieder zum Vorschein kommen kann. In diesem Fall ist es nicht nur etwas Gutes. Mich interessiert auch das Trauma dahinter: Was geschieht, wenn Verdrängtes plötzlich wieder an die Oberfläche drängt? Das hat mich schon bei «Above and Below» interessiert. Menschen landen nicht einfach zufällig in einem Tunnel, weil es dort unten kühler ist. Es gibt immer eine Geschichte dahinter.

Und dann kommt Lena. Sie ist zunächst die Gegenfigur zu Drowak: offen, herzlich, fast schon übertrieben positiv. Was verbindet diese beiden Menschen?

Der eine hat komplett abgeschlossen. Die andere begegnet der Welt mit einer unglaublichen Offenheit. Sie ist fast schon eine Art Narr der Offenheit, ein Gutmensch, der aus jedem Menschen das Gute herausholen möchte. Das kann natürlich auch ziemlich nervig sein.

Trotzdem ist auch sie einsam.

Ja, das ist sie. Sie baut lebensgrosse Puppen und redet mit ihnen. Das klingt vielleicht absurd, aber auch das ist gar nicht so weit von der Realität entfernt. Mit Hunden, Kühen und Kakteen wird auch gesprochen, warum nicht mit Puppen?

Ist «Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» also eine Geschichte über menschliche Liebe oder geht es mehr um Selbstrettung?

Es ist beides: menschliche Nähe und Selbstrettung. Eine klassische Liebesgeschichte ist es sicher nicht. Aber Zuneigung und Zugehörigkeit, Offenheit und menschliche Liebe spielen eine grosse Rolle. Deshalb ist Lena auch so wichtig. Ich wollte zeigen, dass ein Mensch versuchen kann, einen anderen aus seinem Gefängnis herauszuholen. Mitmenschlichkeit.

Eine der radikalsten Szenen ist jene, die die Einsamkeit in der Zweisamkeit in aller Härte zeigt. Die Szene ist gleichzeitig grotesk und verstörend. Wa- rum wollten Sie sie unbedingt behalten?

Ich halte sie für essenziell. Auch weil sie als Plansequenz funktioniert und unglaublich viel erzählt, ohne dass gesprochen wird. Die beiden Menschen leben schon lange nebeneinanderher. Sie sind zu zweit und trotzdem vollkommen einsam. Man kann sich einmal am Tag zum Abendessen treffen, aber das bedeutet noch lange nicht, dass man miteinander lebt. Und auch ohne Dialog passiert so unglaublich viel.

Damit ist die Einsamkeit das zentrale Thema des Films.

Ja. Weil man nicht mehr miteinander redet. Und wenn man miteinander redet, ist es oft nur Blabla. «Du schreibst so viel und niemand darf es lesen. Du redest so viel und niemand will es hören.» Diese beiden Sätze aus dem Film treffen es ganz gut.

Was hat Sie an Bettina Gundermanns Drehbuch gereizt?

Die Dialoge, die Auseinandersetzung mit den teils abgründigen Figuren, das Archaische, der Reiz, die Poesie ihrer Sprache in Bildern und Tönen umzusetzen, sowie eine Tragikomödie zu inszenieren.

Haben Sie das Drehbuch mit Ihrer Handschrift weiterentwickelt?

Das ist ein ganz normaler und wichtiger Prozess. Wir haben gemeinsam daran gearbeitet, einiges verworfen und anderes weiterentwickelt. Aber ich wusste: Hier eröffnet sich für mein Team ein reizvoller kreativer Spielraum. Wir können eine eigene Welt erschaffen.

Diese Welt sieht tatsächlich anders aus als unsere. Und gleichzeitig ist sie erstaunlich real. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Realität und Fantasie?

Wir wollten keine Science-Fiction-Welt bauen. Sie sollte nah an unserer Realität sein, aber gleichzeitig eine Ebene darüber. Du weisst nie genau: Ist das Köln? Ist das Paris? Ist das Basel? Aus dieser Mischung entstand unser eigener, zeitloser Ort. Bei den Effekten wollte ich bewusst mit analogen Mitteln arbeiten, bei den Locations war architektonisch der Brutalismus unser Leitfaden. Die Wohnung von Drowak besteht beispielsweise aus verschiedenen realen Gebäuden. Der untere Teil ist ein Kölner Plattenbau, der obere Teil ein Gebäude in Paris. Beides tatsächlich Sozialwohnungen.

Ein Spiel zwischen den Welten?

Das Spannende war genau dieses Spiel: Du schaust und denkst, jetzt ist es vielleicht ein bisschen übertrieben. Und dann merkst du: Nein, solche Gebäude gibt es tatsächlich. Solche Menschen gibt es. Und auch die Art, wie miteinander gesprochen wird, ist nicht komplett erfunden.

Man denkt beim Schauen des Films unweigerlich an Kafka. Dann glaubt man wieder, einen Hinweis auf Dürrenmatt zu erkennen. Sind diese Effekte gewollt?

Ich selbst komme eher über Bilder, Fotografien und Malerei zum kreativen Austausch. Auch Herr Dalí begleitet mich da seit meinem ersten Kurzfilm «Schwitze». Expressionismus, Art déco – man saugt Dinge wie ein Schwamm auf und versucht, daraus etwas Eigenes zu machen. Deshalb bin ich froh, dass Sie gerade mit Kafka angefangen haben und nicht mit «Delicatessen» oder «Amélie».

Weil diese Vergleiche zu kurz greifen würden?

Genau. Nur weil Dominique Pinon mitspielt, ist das noch lange nicht «Amélie». Natürlich wird der Film in der Presse mit anderen Filmen verbunden. Das ist normal. Man könnte wahrscheinlich 20 solcher Bezüge aufzählen. Aber am Ende ist es ein Potpourri. Du erfindest das Rad nicht neu. Laut Christopher Booker gibt es sieben Geschichten auf dieser Welt zu erzählen. Entscheidend ist, seine eigene daraus zu machen.

Auch das Groteske entsteht aus etwas sehr Alltäglichem. Ein Amt, eine Warteschlange, Bürokratie. Warum funktioniert gerade diese Überhöhung so gut?

Jeder von uns war schon einmal auf einem Amt. Jeder ist schon einmal in einer langen Schlange gestanden und hat sich aufgeregt. Das alles gibt es. Wir haben diese realen Erfahrungen genommen, sie leicht verändert und teils ins Groteske gesteigert. Mit den verschiedenen Abteilungen haben wir so diese Welt erschaffen, die unserer manchmal mehr ähnelt, als dass es uns lieb ist.

Wie stark hat das Budget diese Welt mitbestimmt?

Extrem stark. Das Drehbuch kannst du nie eins zu eins verfilmen. Es passieren ständig Veränderungen. Du musst kürzen und Budgetfragen zwingen dich zu Lösungen. Im Film gibt es keine Autos – bis auf eines, das fliegt vom Dach. Ich hatte 2000 Franken für Autos zur Verfügung. Da sagst du dir: Okay, dann gibt es eben keine Autos in dieser Welt, und du machst es zum Konzept. Du wirst durch solche Einschränkungen gezwungen, kreative Grenzen zu verschieben und andere Wege zu finden. Dafür haben wir dann über 2000 leere Glasflaschen ins Wohnzimmer gestellt…

Auch das Ende des Films hat sich gegenüber dem ursprünglichen Drehbuch verändert.

Ja. Wichtig war die Frage: Mit welchem Gefühl verlässt man das Kino? Das fand ich im ursprünglichen Drehbuch zu weit weg von meiner persönlichen lebensbejahenden Einstellung und Art des Filmemachens. Gleichzeitig wollte ich den Schluss unbedingt in derselben Poesie, die Bettina anlegte, auflösen.

Ihr Film ist ausgesprochen dicht. Man müsste ihn fast zweimal anschauen. Es gibt unzählige Symbole, literarische Bezüge, Bilder und musikalische Ebenen. Wollten Sie das Publikum bewusst überfordern?

Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn sich die Zuschauer/ innen den Film mehrmals anschauen. ( lacht) Ich glaube, es ist eine gute Reizüberflutung. Wenn Drowak etwa mit dem Mond spricht und dabei Dante Alighieri zitiert wird, könnte man über diese Szene fünf Minuten nachdenken. Wir haben auch, was die visuelle Sprache angeht, voll Gas gegeben. Dieser Film bot uns das an. Die Musik ist wie bei meinen bisherigen Filmen komplett neu komponiert. Vom finnischen Akkordeon bis zum Schweizer Jodler Christian Zehnder haben wir alles eingebaut. Ein opernhafter Streit.

Ein Film, der über den Kinobesuch hinauswirkt?

Wenn der Film über das Kinoerlebnis hinauswirkt und die Besucher/innen vielleicht sogar von einem Erlebnis berichten oder noch darüber diskutieren, dann haben wir schon sehr viel erreicht.

Ist «Drowak» nun ein Wegweiser dafür, wie es mit Ihrer Arbeit als Regisseur weitergeht?

Nein. Der nächste Film, «Der fliegende Berg», ist diametral anders. Eigentlich hätte er mein erster Spielfilm werden sollen. Dann gab es jahrelang Probleme mit der Finanzierung.

Was können Sie über Ihren nächsten Film sagen?

«Der fliegende Berg» knüpft wieder stärker an «Above and Below» an: Es ist ein Spielfilm mit dokumentarischen Elementen, eine Abenteuer-, Berg- und Brüdergeschichte. Es geht um die Suche nach einem noch unberührten Fleck, einem Ort, den Google Maps noch nicht gefunden hat.

Es steckt viel Herzblut im «fliegenden Berg»?

Mehr als in diesem Film kann ich als Regisseur nicht geben, mehr kann ich nicht leisten. Ich war bis vor Kurzem fünfeinhalb Monate ohne meine Familie auf Dreharbeiten im Himalaja, in Irland und Wien. Die Herausforderung und Verantwortung, das fordert mich körperlich und mental stark. So etwas kann ich nicht ewig aufschieben. Der Kriegsausbruch im Iran und die Höhenerkrankung eines Hauptdarstellers beim Dreh auf 5000 Metern haben uns zurückgeworfen und wir haben nach wie vor finanzielle Lücken. Aber wir bleiben optimistisch und die letzten Drehtage finden diesen Herbst in Irland unter Wasser und im Wallis auf dem Gletscher statt. Darauf freue ich mich ganz besonders. Wenn alles läuft wie geplant, kommt der Film Ende 2027/Anfang 2028 in die Kinos.

Nathalie Benelli 

«Sie glauben an Engel, Herr Drowak?» Vorführungen im Oberwallis

Noch vor dem offiziellen Schweizer Kinostart am 10. September gibt es Aufführungen im Oberwallis. Am 15. August, 20.45 Uhr: Coop Open Air Cinema Brig, in Anwesenheit von Nicolas Steiner. Am 22. August um 20.00 Uhr und am 23. August um 17.00 Uhr: Kino Capitol Brig, mit anschliessendem Gespräch mit Nicolas Steiner. Am 29. August um 20.00 Uhr und am 30. August um 17.00 Uhr: Kino Astoria Visp, mit Nicolas Steiner.

Cast: Karl Markovics – Hugo Drowak, Luna Wedler – Lena Jakobi, Lars Eidinger – Amtsleiter, Dominique Pinon – Edgar, Jan Bülow – Marlon, Saga Sarkola – Ana Pajula, Nikolai Gemel – junger Hugo Drowak, Bettina Stucky – Lore, Thelma Buabeng – Sekretärin des Amtsleiters, Christopher Buchholz – Oberbürgermeister, Paul Schröder – Wirt Peter Keller, Barbara Colceriu – Frau Dreiling.

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Quelle: Walliser Bote
13. August 2026 | 10:49