Sonntag, 24.04.2005, 00:00 closed

Handel mit heiligen Gebeinen

Als im 16. Jahrhundert in Rom die Katakomben wiederentdeckt wurden, erklärte man die darin Bestatteten pauschal zu Märtyrern. Darauf setzte ein reger Handel mit ihren Gebeinen ein. 200 der «Katakombenheiligen» wurden auch in die Schweiz verkauft

In der barocken Kirche des Kapuzinerinnenklosters St. Klara in Stans drückt Schwester Klara einen Knopf – und langsam surrt ein Alterbild in die Tiefe. Dahinter werden die Umrisse eines Menschen sichtbar: des heiligen Prosper. Stolz und würdig steht er da, reich ausgeschmückt als Soldat Christi. Dass unter den barocken Gewändern ein Skelett steckt, kann man erahnen, auch wenn die Knochen in eine Holzfigur aus Lindenholz eingelegt und unsichtbar sind.
Prosper ist nicht der einzige «heilige Leib» in Stans. Wenige Gehminuten entfernt, in der grossen Pfarrkirche St. Peter und Paul, liegen die Überreste des heiligen Remigius. Gleich zwei Heilige in Stans – und erst noch solche, von denen wohl viele noch nie etwas gehört haben? Bei Prosper und Remigius handelt es sich um Patrone der besonderen Art: Sie sind so genannte Katakombenheilige. Rund 200 davon, weibliche und männliche, gibt es in der Schweiz. Die Verehrung dieser Heiligen ist mit der faszinierenden Epoche verbunden, in der sie hierher gelangten: dem Barock des 17. und 18. Jahrhunderts.

Millionen Tote in den Katakomben

Die Geschichte der Katakombenheiligen beginnt allerdings viel früher: Im alten Rom durften Tote nicht in der Stadt begraben oder kremiert werden. Die ersten Christen legten ihre Begräbnisstätten deshalb ausserhalb der Stadt an, in riesigen, künstlichen Höhlen, eben den «cata cumbae», den «steilen Felsen». Im Laufe der Jahrhunderte wuchsen sie zu riesigen Anlagen heran – allein in der Calixtus-Katakombe sollen zuletzt 1,7 Millionen Menschen bestattet gewesen sein. Als sich das Christentum dann im 4. und 5. Jahrhundert als Staatsreligion etablierte, entstanden in Rom grosse Stadtfriedhöfe, und die Katakomben wurden aufgegeben. Nachdem man die Gebeine bekannter früher Christen – darunter jene der Märtyrer – in die Kirchen der Ewigen Stadt gebracht hatte, gerieten die alten Begräbnisstätten in Vergessenheit. Bis 1578: In jenem Jahr brach an der Via Salaria ein Weinberg ein und gab eine Katakombe frei. Im Zuge einer allgemeinen Rückbesinnung auf die Ursprünge des Christentums wurden Forschungsgruppen eingesetzt, die weitere Katakomben fanden.

Gebeine gegen die Protestanten

Europa wurde zu dieser Zeit von schweren religiösen Auseinandersetzungen erschüttert. Die Reformatoren kämpften gegen viele alte Kirchensitten, die Katholiken förderten im Gegenzug den Heiligen- und Reliquienkult als eine Art anti-protestantische Gegenpropaganda. Da kamen die Katakomben mit ihrem schier unerschöpflichen Vorrat an Gebeinen gerade recht. Pauschal wurden deshalb alle, die in den Katakomben lagen, zu «Blutzeugen» erklärt, also heiligen Märtyrern – obwohl es sich bei den meisten Bestatteten wohl um ganz gewöhnliche römische Bürgerinnen und Bürger gehandelt hatte. Ob die Heiligsprechung aus Unwissenheit erfolgte oder gar aus kühler Berechnung, sei dahin gestellt. Jedenfalls boten die Katakombenheiligen für Rom eine gute Möglichkeit, sich als alleiniges Zentrum des rechten Glaubens zu positionieren. Am Konzil von Trient, das 1545 einberufen worden war, hatte Rom zahlreiche regionale Kulte beschnitten und die Zahl «offizieller» Heiliger massiv zusammengestrichen. Besass man in einer Stadt oder in einem Stift keinen alten, anerkannten Heiligen mehr, sass man nun ohne grosse Aussichten auf einen eigenen Patron da – ausser, man besorgte sich in Rom einen der unzähligen «Märtyrer» aus den Katakomben, deren Verehrung vom Papst als «alter Brauch» zugelassen worden war.

Teurer Handel

Schon kurz nach der Wiederentdeckung der Katakomben setzte daher ein regelrechter Ansturm auf die Gebeine aus den unterirdischen Friedhöfen ein. Ein komplexes Antrags- und Bewilligungssystem sorgte dafür, dass Katakombenheilige nicht zum Massengut verkamen. Nur mit guten Beziehungen und viel Geld konnten Gebeine erworben werden. Die Schweiz besass über die päpstliche Garde hervorragende Kontakte zur Spitze der Kirchenhierarchie – deshalb gelangten auch besonders viele der begehrten Katakombenheiligen in die Eidgenossenschaft. Die erste Überführung erfolgte 1623, die letzte Mitte des 19. Jahrhunderts.
Oft brachten spezialisierte Händler die Gebeine über die Alpen, manchmal auch vermögende Privatleute, die ihrer Stadt einen Katakombenheiligen vermachen wollten. Waren die Knochen am Zielort angekommen, wurden sie – meist von Nonnen – sorgfältig zusammengesetzt, in Gazée gewickelt, in kostbare Kleider aus Samt und Seide gesteckt, reich geschmückt, mit einem Palmenzweig, dem Symbol der Märtyrer, in der knochigen Hand ausstaffiert und in einem gläsernen Schrein untergebracht. Oft blieben Teile der Knochen sichtbar, viele Leiber wurden aber auch in rekonstruierte Figuren aus Wachs oder Holz eingelegt.

Incognitus und Pacificus

So prunkvoll «gefasst», wie der Fachausdruck für die Schmückung der Knochen lautet, wurden die Katakombenheiligen schliesslich wie Fürsten mit barockem Pomp von der Bevölkerung empfangen und in die lokale Kirche überführt. Meistens ruhten sie fortan in ihrem Glaskasten unter einem Altar. Allerorts begründeten die Katakombenheiligen lokale Traditionen; jährlich wurde die Überführung gefeiert, nach 50 oder 100 Jahren fanden prachtvolle Jubiläumsfeste statt. Bei vielen Feierlichkeiten wurde – typisch barock – das Leben des Katakombenheiligen in einem aufwändigen Schauspiel dargestellt. Der Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetz, denn die meisten frühen Christen waren anonym bestattet worden. Vor ihrer Überführung in den Norden versah man die Gebeine deshalb mit Namen und taufte sie. Viele der neu gewählten Namen waren bestechend ehrlich – nach Einsiedeln und Oberägeri wurden zum Beispiel Reliquien des heiligen Incognitus gebracht –, andere Katakombenheilige wurden nach Tugenden benannt – Gloriosus, Pacificus, Honestus –, wieder andere nach berühmten Heiligen oder nach den jeweils aktuellen Päpsten – wie Lazarus in Lugano oder Clemens, dem man in der Schweiz gleich dreimal begegnet. Bereits in Rom erhielten die Katakombenheiligen eine rudimentäre Lebens- und Leidensgeschichte verpasst, die dann beliebig ausgebaut werden konnte.

Migi-Most dank Remigius

Die mangelnde Authentizität der Katakombenheiligen gab schon zur Blütezeit des Heiligenkults immer wieder Anlass zu Skepsis – und das nicht nur unter Reformatoren, sondern auch unter fortschrittlichen Katholiken. Die kritischen Stimmen konnten die ernsthafte und sicher auch ehrliche Verehrung der «Märtyrer» nicht verhindern. Dass es in Nidwalden heute so viele Männer mit Vornamen Remigius gibt – und sogar eine Getränke-Spezialität namens «Migi-Most» –, ist auf den gleichnamigen Katakombenheiligen in der Pfarrkirche zurückzuführen. Noch immer existiert auch eine «Bruderschaft zu St. Remigius», die am 12. Oktober das «Fest des heiligen Märtyrers Remigius» feiert.
Viele Kirchen, in denen Katakombenheilige lagen, wurden zur Blütezeit des Reliquienkults zu Wallfahrtszielen. Bestimmte Heilige wurden bei bestimmten Krankheiten angerufen – Prosper galt zum Beispiel als besonders hilfreich bei Augenleiden. Bereits 1675, als er feierlich in die Klosterkirche übertragen wurde, soll Prosper ein Wunder bewirkt und die «Frau Mutter des Klosters von einem tödlichen Fieber geheilt» haben.

«Schön gruselig»

Seine Wundertätigkeit machte manchen Katakombenheiligen zu einem Wirtschaftsfaktor. Der Stanser Pfarrer David Blunschi erwähnt in diesem Zusammenhang, dass zwischen der Kloster- und der Dorfkirche einst eine gewisse Konkurrenz bestanden habe, welcher Heilige wundertätiger sei. «Wenn Prosper ein Wunder vollbracht hatte, wurde das Kloster mit einer Spende bedacht. Mit Remigius wollte man auch die Verehrung von Prosper ein wenig einschränken.» Und den Geldfluss Richtung Pfarrkirche lenken.
Heute spielen Katakombenheilige natürlich nicht mehr die Rolle von einst. Bedeutungslos sind sie aber nicht geworden. «Uns tragen immer wieder Leute ihre Anliegen vor und bitten uns, das Prosperlicht anzuzünden», sagt Schwester Michaela vom Kapuzinerinnenkloster St. Klara in Stans. «In letzter Zeit hat das sogar zugenommen.» Vor allem aber sind die Katakombenheiligen attraktive und kunsthistorisch bedeutsame Boten einer anderen Zeit geblieben. «Die Ministranten nehmen unseren Clemens schon wahr», sagt Oliver Kley, Pastoralassistent im zugerischen Menzingen. «Sie finden ihn schön gruselig.» Das kann man gut verstehen – die Präsentation von Clemens wirkt nämlich fast ein wenig bizarr. Seine Knochen liegen einzeln in einem Glaskasten unter dem Altar, der Schädel – der wegen seiner weissen, halbdurchsichtigen Umhüllung fast leuchtet – ist so positioniert, dass sich die Messebesucher regelrecht angestarrt fühlen.

Keine Ruhe für die Toten?

Ein altes Foto zeigt, wie der damals noch anders gefasste Clemens auf einer Prozession durchs Dorf getragen wird. Solche Tradition ist längst untergegangen. Wäre es da nicht an der Zeit, den Toten aus den Katakomben ihre Ruhe zu gönnen und sie wieder zu bestatten, nachdem man sie vor Jahrhunderten aus dem selbst gewählten dunklen Grab ans helle Licht zerrte? Pfarrer Blunschi aus Stans findet, die Katakombenheiligen hätten in den Kirchen einen würdigen Platz gefunden. «Mir ist noch nie zu Ohren gekommen, dass jemand an der Präsenz des Heiligen in der Kirche aus irgend einem Grund Anstoss genommen hätte.» Etwas skeptischer ist der Menzinger Pastoralassistent Kley. «In Ordnung war es sicher nicht, dass man diese Gebeine einfach in die Welt hinaustrug. Aber wir dürfen das nicht nur aus heutiger Sicht beurteilen.» Will man heute das Phänomen der Katakombenheiligen verstehen, kommt man nicht darum herum, sich in das Zeitalter des Barocks zu versetzen. Für den barocken Menschen galt ein Verstorbener nämlich nie einfach als tot, sondern blieb in gewissem Sinne stets im Hier und Jetzt präsent – auch durch seine leiblichen Überreste. Erst die Aufklärung verbreitete die Überzeugung: «Gebein ist tot!» Und beendete damit allmählich die Tradition der Reliquienverehrung – deren eindrücklichste Zeugen, die Katakombenheiligen, noch immer in so vielen Kirchen sichtbar sind.

Marius Leutenegger

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