Charles Martig, Direktor Katholisches Medienzentrum | © kath.ch
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Der Kommentar: Akt der Willkür

Von Dr. Charles Martig, Direktor des Katholischen Medienzentrums in Zürich

Der Anschlag von Paris ist ein Akt der Willkür und der monströsen Gewaltanwendung. Aus katholischer Sicht ist diese Tat aufs Schärfste zu verurteilen. Doch was hat diese Attacke auf die Satire-Zeitschrift «Charlie Hebdo» überhaupt mit Religion zu tun? Auf den ersten Blick wenig, denn die Zeitschrift hat in guter aufklärerischer Tradition auch die Kirchen und Religionsgemeinschaften ins Visier genommen. Dass die Redaktion nun zur Zielscheibe von Jihadisten wurde, scheint eine kühl gezielte Attacke auf die liberalen Grundwerte wie Meinungsäusserungsfreiheit und Pressefreiheit zu sein. So wird dieses gewalttätige Signal auch von politischen Führern und Leitmedien interpretiert. Die Solidarität für die ermordeten Journalisten und die Zeitschrift speist sich aus diesen Werten der Aufklärung, die in einer demokratischen Gesellschaft lebenswichtig sind. Das Attentat von Paris ist ein Angriff auf die Demokratie und ihre Werte.

Angriff auf religiöse Grundwerte

Auf den zweiten Blick hat der Angriff aber sehr viel mit Religion zu tun. Es geht um die Frage, ob Religion grundsätzlich den Frieden oder den Krieg fördert. Ist der «Clash of civilisations» auch ein «Clash of religions»? Religion und Politik sind in unserer Gesellschaft eng miteinander vernüpft. Beide gehören zur öffentlichen Sphäre und prägen weiterhin die internationalen Beziehungen, die kulturellen, religiösen und politischen. Aus christlicher Sicht ist es wichtig, den Anschlag nicht als Provokation zwischen den Religionen zu deuten. Es handelt sich nicht um einen «Clash of religions». Sowohl im Islam als auch im Christentum gelten die Grundwerte der Menschenfreundlichkeit, der Nächstenliebe und der Solidarität. Das Attentat von Paris ist also auch ein Angriff auf religiöse Grundwerte.

Toleranz gehört zur Demokratie

Die Geschichte der Mohammed-Karrikaturen zeigt, dass es hier immer mehrere Akteure gibt, die sich sich der religiösen und kulturellen Verwerfungen bedienen, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Das war bei den dänischen Karrikaturen ebenso der Fall wie bei «Charlie Hebdo». Satire darf alles, aber es gibt trotzdem Minenfelder, die nicht einfach naiv und gedankenlos betreten werden dürfen. Wenn es um die Herabsetzung und Entwürdigung von zentralen religiösen Auffassungen geht, sind sich Islam und Christentum näher, als man dies vermuten würde. Der Unterschied besteht darin, dass die christlichen Kirchen durch die Aufklärung gegangen sind, die Islamischen Religionsgemeinschaften hingegen diesen Schritt nur teilweise vollzogen haben. Deshalb gibt es die ausdrückliche Toleranz gegenüber Satire in demokratischen Gesellschaften, seien sie nun christlich oder islamisch geprägt. Wo diese nicht gegeben ist, handelt es sich stets um Formen des Extremismus: sowohl im Lager der Islamisten wie auch im Lager der Rechtspopulisten.

Haltung zeigen: politisch und religiös

Fatal ist es, dass zwischen diesen beiden Fronten die Werte der Demokratie und der Religionen zerrieben werden. Deshalb ist es entscheidend, dass das Attentat auf «Charlie Hebdo» nicht als Konfrontation zwischen religiösen Auffassungen und Weltbildern gedeutet wird. Es handelt sich vielmehr um aggressive Kriegstreiberei von radikalen Kräften, die religiöse Toleranz und demokratische Offenheit gezielt torpedieren. Dem entgegenzuwirken ist jetzt die Hauptaufgabe der Kirchen, der Religionsgemeinschaften und der politischen Entscheidungsträger. (kath.ch)

Katholisches Medienzentrum