Thomas Reschke, Universitätsseelsorger an der Hochschule St. Gallen
Schweiz

Thomas Reschke: «Wir sind da, wenn niemand da ist»

Er ist seit 25 Jahren Seelsorger und Lehrbeauftragter an der Hochschule St. Gallen. Ende Jahr geht Thomas Reschke in Frühpension. Im Podcast «Laut + Leis» spricht er über seinen Traumjob und das veränderte Lebensgefühl der Generation Z.

Sandra Leis

Von Amtsmüdigkeit keine Spur. Thomas Reschke strahlt Freude aus und sagt über seine Arbeit an der Hochschule St. Gallen (HSG): «Das ist die schönste Aufgabe, die unser Bistum zu vergeben hat.» Er ist katholischer Seelsorger, hält Vorlesungen und leitet das Akademikerhaus, in dem religiöse und kulturelle Veranstaltungen für Studierende stattfinden.

«25 Jahre sind für mich eine gute Zeit», so Reschke. Man müsse die Demut haben zu sagen, «niemand ist unverzichtbar». Nun geht der 62-Jährige Ende Jahr in Frühpension und schaut mit Dankbarkeit zurück und mit Neugier nach vorne.

Handy ist omnipräsent

Fragt man ihn nach den grössten Veränderungen der letzten 25 Jahre, so nennt er als erstes das Handy: «Man muss immer erreichbar und in Kontakt sein. Der Nachteil ist: Der Mensch hat Schwierigkeiten, sich zu fokussieren.» 

Zudem bleibe der Mensch oft in seiner Bubble stecken und setze sich kaum mehr mit anderen Meinungen auseinander. Dem versuche die HSG beispielsweise mit Vereinen entgegenzuwirken. Im Angebot hat sie 120 Vereine.

Gestiegener Prüfungsdruck

Nur: Die Anforderungen an die Studierenden sind gestiegen, und der Prüfungsdruck ist hoch. «Früher hat man studiert und dann die Prüfungen zum lic. oec. abgelegt. Heute gibt es eine Vielzahl an Prüfungen, und im ersten Jahr fallen 35 bis 40 Prozent der Studierenden durch», sagt Reschke.

Guckkasten zu Stress.
Guckkasten zu Stress.

Das sei eine harte Selektion, doch immer noch besser, als viele Jahre zu studieren und dann den Abschluss nicht zu schaffen. «Das führte leider auch zu Suiziden, und die sind heute zum Glück weniger geworden. Wir sind statistisch gesehen nicht auffällig.»

Gleichwohl: Das Umfeld an der HSG ist kompetitiv, und der typische HSG-ler ist laut Reschke zielstrebig und sehr diszipliniert. Die Vorstellung, dass in St. Gallen vor allem Sprösslinge aus wohlhabenden Elternhäusern studieren, weist er zurück. Vielmehr gelte folgendes: «Sie wollen etwas aus ihrem Leben machen.» 

Kaum in Frage gestellt werde, was Professorinnen und Professoren sagen. «Da würde ich mir mehr Reibung wünschen. Ich habe einst gegen den Iran-Krieg protestiert. Das kann man sich an der HSG kaum vorstellen.»

Zukunftsangst wegen der drei K

Kriege, Klimakrise und künstliche Intelligenz: Diese drei Bereiche haben einen enormen Einfluss auf die Generation Z und können Zukunftsängste auslösen. «Als ich angefangen habe, hat jeder mindestens zwei Stellenangebote erhalten. Zehn Jahre später war es noch ein Angebot, und heute ist es manchmal schwierig, nur schon eine Praktikumsstelle zu bekommen», sagt Reschke. 

Künstliche Intelligenz macht es schwieriger, einen Anfängerjob zu bekommen.
Künstliche Intelligenz macht es schwieriger, einen Anfängerjob zu bekommen.

Denn die typischen Anfängerjobs gebe es heute nicht mehr. Um so bedeutsamer sei das Networking. «In der Wirtschaft und der Juristerei ist es enorm wichtig, dass man einander kennt und einander auch vertrauen kann. Das erhöht die Chancen auf eine Anstellung.»

Seelsorgerliche Gespräche

Die Studierenden der HSG stecken viel Zeit und Energie in ihren beruflichen Erfolg. Wieviel Überwindung braucht es da, auch einmal Schwäche zu zeigen und einen Seelsorger aufzusuchen? Im Podcast «Laut + Leis» sagt Reschke: «Man darf natürlich nicht ein goldenes Schild an die Tür hängen mit der Aufschrift: ‹Ich bin der Uni-Seelsorger. Kommt rein›.» Sondern man müsse an der Uni präsent sein und in den Vereinen mitmachen.

«Nur so können die Studierenden mich kennenlernen und Zutrauen gewinnen.» Pro Tag führt Reschke ein bis zwei intensive seelsorgerliche Gespräche. Er ist auch Teil des Care-Teams und begleitet Menschen, wenn das Leben sich von seiner brutalen Seite zeigt.

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Beispielsweise nach einem Suizid eines Studenten. «Wir sind da, wenn niemand da ist», fasst er die Aufgaben des Care-Teams zusammen. «Das sind schwere Stunden und Tage. Doch ich erfahre soviel Dankbarkeit und positive Rückmeldungen, dass ich daraus auch wieder Kraft für mein Leben schöpfen kann.»

Eine Pfarrei, die wächst

Arbeits- und Wohnort fallen bei Reschke zusammen. Er lebt mit seiner Frau und früher mit den vier Kindern in einem stattlichen Jugendstilhaus in der Nähe des HSG-Campus. «Ich muss ehrlich sagen, mich abzugrenzen, ist für mich immer schwierig gewesen.» 

Doch er habe seine Arbeit geliebt. Die Pfarrei sei stetig gewachsen. Als er angefangen habe, gab es an der HSG exakt 4701 Studierende, heute sind es mehr als doppelt so viele. Plus 3700 Angestellte, für die er ebenfalls Ansprechperson ist.

Eines habe ihn besonders motiviert: «Mit jedem Jahr sind wieder neue Studentinnen und Studenten an die HSG gekommen. In der Pfarrei bleiben oft immer dieselben Personen aktiv, und es besteht die Gefahr, dass man die Pfarrei nicht mehr weiterentwickelt.»

Der regelmässige Wechsel habe ihn beflügelt, so Thomas Reschke. «Deshalb bin ich so lange an der HSG geblieben.» Man glaubt es ihm aufs Wort und ist überzeugt, dass er auch die Zeit danach sinnstiftend gestalten wird.


Thomas Reschke, Universitätsseelsorger an der Hochschule St. Gallen | © Sandra Leis
30. Oktober 2026 | 07:00
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