Totentanz von Harald Naegeli in einem der Zürcher Grossmünstertürme
Schweiz

Wie der Totentanz ins Zürcher Grossmünster kam

In den Türmen des Grossmünsters verbirgt sich ein Totentanz, der ab 2018 vom «Sprayer von Zürich» geschaffen wurde. Wie Harald Naegeli an diesem kirchlich und kulturell so aufgeladenen Ort tätig werden konnte, ist eine Geschichte für sich. Möglicherweise wird der Totentanz nicht mehr lange bestehen, denn der Kanton hat ihm eine beschränkte Lebensdauer verschrieben.

Francesco Papagni

Harald Naegeli ist einer breiten Öffentlichkeit als «Sprayer von Zürich» bekannt. Tatsächlich machte er in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren über die Grenzen der Stadt durch seine an Wände gesprayten Figuren von sich reden. Je nach Sichtweise waren diese Arbeiten Schmierereien oder Kunst. Jedenfalls waren die Strichmännchen bzw. die stilisierten Frauen auf den ersten Blick erkennbar als Werke des damals anonymen Autors.

Die Eigentümer der Gebäude, ob privat oder staatlich, waren alles andere als erfreut: Die Sprayereien wurden als Sachbeschädigung eingestuft, was Naegeli eine schier unübersehbare Zahl an Anzeigen einbrachte. Seine Geschichte ist denn auch eine Justizgeschichte. 1981 wurde der Zürcher wegen wiederholter Sachbeschädigung zu einer hohen Geldstrafe und zu neun Monaten Haft verurteilt. Er entzog sich der Strafe durch Flucht nach Deutschland.

Als «Schmierfink» und «Vandale» tituliert

An diese Vorgeschichte muss erinnert werden, wenn vom Totentanz in den Zürcher Grossmünstertürmen die Rede ist. Dass dieses Werk überhaupt zustande kam, ist erstaunlich, galt doch Naegeli als öffentliches Ärgernis. Noch 2024, als Res Strehle eine Biografie über ihn veröffentlichte, gingen die Emotionen hoch: In Leserbriefen zum entsprechenden «Tages-Anzeiger»-Artikel wurde er als «Schmierfink» und «Vandale» tituliert.

Kurator Thomas Gamma hat kürzlich bei einer Führung erzählt, wie es zum Totentanz im Grossmünster gekommen ist. Harald Naegeli war als alter Mann von Deutschland in seine Heimat zurückgekehrt. Während seiner Zeit in Düsseldorf hatte er eine typische Künstlerkarriere absolviert, mit Ausstellungen an renommierten Orten und den dazugehörigen Publikationen. Er war es, der an das Grossmünster herantrat mit dem Projekt eines Totentanzes, ohne dafür ein Honorar zu verlangen.

Der menschliche Faktor

Nun muss man wissen, dass diese Kirche im Besitz des Kantons Zürich ist. Der Kanton muss folglich jede Veränderung am Gebäude bewilligen. Der Kanton wollte keine direkte Beziehung zu Naegeli eingehen, sodass man auf die Idee kam, einen Vertrag zwischen dem Künstler und der Kirche abzuschliessen und einen gesonderten Vertrag zwischen der Kirche und dem Kanton.

Harald Naegeli hat die Strichweibchen und -männchen seines Totentanzes auf Sandsteinwände gesprayt.
Harald Naegeli hat die Strichweibchen und -männchen seines Totentanzes auf Sandsteinwände gesprayt.

Ohne den menschlichen Faktor hätte die Sache aber nicht geklappt: Thomas Gamma, der auch der damalige Kurator war, verrät, dass es zu einer Begegnung zwischen Harald Naegeli und dem damaligen Regierungsrat Markus Kägi (SVP) kam. Kägi erklärte vorneweg, kein Interesse an moderner Kunst zu haben, doch irgendwie müssen sich die beiden gefunden haben. Jedenfalls gab Kägi grünes Licht unter der Bedingung, dass sich Naegeli an den Perimeter halten würde, den ihm die Denkmalpflege zuweisen sollte. Die Vereinbarung wurde per Handschlag besiegelt.

Die Arbeit beginnt

Das Grossmünster ist eine mittelalterliche Kirche, aus Sandstein gebaut. Die Wände, die für den Totentanz vorgesehen waren, mussten vorgängig mit einem Schutzfilm behandelt werden. Doch der Film schädigt den Stein, sodass die Fläche begrenzt wurde. Naegeli bekam einen Schlüssel zur Kirche, um ausserhalb der Öffnungszeiten malen zu können, denn die Türme werden tagsüber von vielen Besucherinnen und Besuchern begangen. Als Gamma nachts Ende Oktober 2018 Licht im Turm sah, wusste er, dass Naegeli mit der Arbeit angefangen hatte. Das Pikante daran: Zur gleichen Zeit lief wieder mal ein Verfahren gegen ihn, angestrengt von Stadt und Kanton, wegen Sachbeschädigung.

Es kommt zum Eklat

Totentanz von Harald Naegeli in einem der Zürcher Grossmünstertürme
Totentanz von Harald Naegeli in einem der Zürcher Grossmünstertürme

Schwer zu sagen, ob die Involvierten tatsächlich meinten, Harald Naegeli würde sich an das Abkommen halten. Es kam so, wie es kommen musste: Der anarchistische Künstler hielt sich nicht an die Grenzen, die ihm die Denkmalpflege gesetzt hatte.Wenig Zeit verging, bis ruchbar wurde, dass er über den Perimeter hinaus gesprayt hatte. Die Behörden waren empört, handelten laut Gamma aber nicht sofort, was dem Künstler Zeit gab, weiterzumachen.

Naegeli musste wieder bei Regierungsrat Kägi antraben. Dieser wollte ihm das Versprechen abringen, sich nun wirklich an die Vorgaben zu halten. Der Künstler verlangte im Gegenzug keck mehr Fläche, was Kägi natürlich zurückwies.  Der Totentanz blieb unvollendet. Den Schlüssel zur Kirche hat Naegeli übrigens nie zurückgegeben.

Von Repression zu Anerkennung

Der bis heute kontroverse Sprayer von Zürich gilt mittlerweile als Pionier der Street Art. Wie mit diesen Werken im öffentlichen Raum umgegangen werden soll, ist noch nicht abschliessend geklärt, zumal der Zahn der Zeit an den Arbeiten nagt. Bei Naegeli kann man dem Umschlag von Repression bis zur Anerkennung und Konservierung beispielhaft studieren.

Bezeichnend ist der Ausgang der erwähnten Klage wegen Sachbeschädigung: Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) einigte sich mit Naegeli auf die Übergabe eines Kunstwerks als Wiedergutmachung, der Akt wurde in Präsenz der Medien vollzogen. Markus Kägi beendete das Verfahren auf die gleiche Weise, aber ohne Medienpräsenz. 2020 erhielt Harald Naegeli den Kunstpreis der Stadt Zürich.

Das Leben feiern

Der Totentanz im Grossmünster gilt mit den analogen Werken in Köln und Venedig als eines der Hauptwerke Naegelis. Ursprünglich war abgemacht, dass die Arbeit zehn Jahre überdauern und dann entfernt werden sollte. Später reduzierte der Kanton die Frist auf vier Jahre, die heute eigentlich abgelaufen sind. Ob es tatsächlich zur Entfernung kommt, kann auch Gamma nicht sagen.

Jedenfalls ist es auffällig, dass ein zeitgenössischer Künstler das mittelalterliche Totentanz-Motiv wiederaufnimmt. Und das auch noch in einer Kirche. Der Totentanz war eine verbreitete Darstellungsform, um den Tod zu exorzieren und das Leben zu feiern – ein Thema, das nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat.

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Totentanz von Harald Naegeli in einem der Zürcher Grossmünstertürme | © Lorena La Spada
24. Oktober 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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