Prof. Christian Rutishauser und Prof. Amy-Jill Levine
Schweiz

Die Gleichnisse Jesu neu gelesen

Mit der jüdisch-amerikanischen Forscherin Amy-Jill Levine hat das universitäre Institut für jüdisch-christliche Forschung einen Star der neutestamentlichen Exegese nach Luzern geholt. In einem Vortrag hat sie gezeigt, wie ihr Ansatz dazu beitragen kann, antijüdische Stereotype in der christlichen Auslegung aufzudecken.

Francesco Papagni

Dank der Gablinger-Stiftung kann die Universität Luzern eine Gastprofessur für jüdische Studien besetzen. Dieses Semester ist Amy-Jill Levine aus den USA eingeladen worden. Sie ist nicht nur eine hervorragende Bibelforscherin, sondern auch die Präsidentin der katholischen Vereinigung Amerikas für biblische Studien. Als Jüdin steht sie damit auf exponiertem Posten und wird antisemitisch angefeindet.

Was sind Gleichnisse?

Ihre öffentliche Vorlesung hielt die Amerikanerin zum Thema Jesu Gleichnisse. Diese Parabeln stellen eine eigene Literaturgattung dar. Der Mehrheit sind Gleichnisse aus den Evangelien bekannt, doch Levine zeigte anhand einiger Beispiele, dass sie auch im Alten Testament zu finden sind. Und darüber hinaus auch in der ausserkanonischen jüdischen Literatur, die von christlicher Seite lange nicht wahrgenommen wurde.

Die Professorin hat selbst schon als Kind Gleichnisse mündlich von ihrem Rabbiner gehört. Diese literarische Gattung zeichnet sich durch wiederkehrende Muster aus. Oft überraschen sie und erzeugen Unbehagen, weil sie dem Alltagsverstand zuwiderlaufen. In der jüdischen Tradition wird die Interpretation mitgeliefert, während die Parabeln in den Evangelien interpretationsoffen sind.

Falsche Fährten

Amy-Jill Levine zeigte anhand des Gleichnisses vom verlorenen Sohn, wie sehr der christliche Blick festgelegt ist – durch die Kapitelüberschriften, die sich im Urtext gar nicht finden lassen und durch die Predigtpraxis, die eine bestimmte Interpretation perpetuiert. Geht es um den verlorenen Sohn? Oder um den älteren Bruder, der beim Vater bleibt? Oder um den Vater selbst? Oder gar um die abwesende Mutter? Das Gleichnis hat eine antijüdische Auslegungstradition: In der christlichen Exegese ist darüber spekuliert worden, ob der verlorene Sohn nicht die Heidenchristen verkörpert, die Gnade finden beim Vater. Und der ältere Sohn die neidischen Pharisäer.

Überhaupt die Pharisäer, was ist nicht schon alles über sie gesagt und geschrieben worden! Im Christentum wurden sie zu den Gegenspielern Jesu, zum antijüdischen Stereotyp schlechthin. Die jüdische Neutestamentlerin tritt diesen falschen Bildern mit Verve entgegen.

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Exegese im Gefängnis

Es ist sehr schwierig, einen verlorenen Sohn wiederzuhaben. Der Forscherin zufolge weist die Konstellation eher auf ein Familienproblem hin als auf eine Geschichte von Reue und Vergebung. Der Evangelist Lukas liebt das Muster Reue und Vergebung, aber Professorin Levine unterscheidet die Parabel selbst von der Redaktion durch den Evangelisten. Für sie ist es das Gleichnis des älteren Sohnes, in dem sich das «Problem des unproblematischen Sohnes» spiegelt, der oft im Schatten steht, weil das Problemkind alle Aufmerksamkeit bekommt.

Levine lebt in Tennessee, wo auch jenes berüchtigte Hochsicherheitsgefängnis steht, das in diesen Tagen wegen der gescheiterten Exekution einer zum Tode Verurteilten Schlagzeilen gemacht hat. Die Gelehrte berichtete von Erfahrungen mit Studierenden und schwerkriminellen Gefängnisinsassen, mit denen sie gemeinsam das Neue Testament las. So zum Beispiel die Parabel vom Kaufmann, der alles verkaufte, was er hatte, um eine kostbare Perle zu kaufen.

Die Exegetin fragt dann jeweils die Anwesenden, was denn für sie das Kostbarste auf der Welt ist, und sie bekommt ganz unterschiedliche Antworten. Von den Studierenden Jesus Christus oder die Kirche, von den Gefängnisinsassen Sicherheit, weil ein Gefängnis ein lebensgefährlicher Ort ist, und Freiheit, weil sich Gefangene bewusst werden, wie wertvoll diese ist.

Kein Text ohne Kontext

Die Exegese im Gefängnis und die ganz unterschiedlichen Antworten veranschaulichen eine hermeneutische Grundregel, die die Professorin so formuliert: Ein Text ohne Kontext ist lediglich ein Vorwand, um alles Mögliche glauben zu machen. Unsere Lebenssituation entscheidet mit, was uns an einem Text auffällt bzw. welche Fragen wir stellen. Nicht zuletzt deswegen setzt sie sich für Pluralität in ihren Seminaren ein und hält es für einen grossen Schaden, dass durch die aktuelle amerikanische Einwanderungspolitik Studierende aus Lateinamerika, Afrika und Europa daran gehindert werden, an US-Universitäten zu kommen.

Levines Stärke ist es unter anderem, unreflektierte Voraussetzungen der Exegese bewusst zu machen und infrage zu stellen. Zudem liest sie den ursprünglichen Text genau. Das zeigt sich an ihrem Kommentar von Lukas 18, 1-7. Eine Witwe geht zu einem Richter und verlangt, dass er ihr Recht verschaffe bzw. Recht schaffe, wie die Einheitsübersetzung und die Lutherbibel formulieren.

Die Exegetin weist zunächst auf den griechischen Urtext hin, der sagt, dass die Witwe Vergeltung fordert. Aber Vergeltung passt nicht zum Bild einer Witwe, das landläufig mit Sanftheit, ja Schwäche assoziiert wird. Doch ihre jüdische Lebenswelt sei voller starker Witwen, wendet sie ein. Tatsächlich befürchtet der auch Richter im Gleichnis, dass die Witwe ihn schlägt – nicht gerade Ausdruck von Sanftheit. Damit deutet die Gelehrte an, wie eine frauensensible und textgenaue Lektüre Vorurteile, die den Blick auf die Heilige Schrift verstellen, überwinden kann.

Überlagerungen

Mit ihrer Brillanz, ihrem jüdischen Wissensschatz und ihrer Fähigkeit, ungewohnte Fragen zu stellen trägt Amy-Jill Levine dazu bei, die neutestamentliche Exegese zu erneuern. Ihre Arbeit zeigt auch, wie sehr die gängige christliche Auslegung, die akademische eingeschlossen, von antijüdischen Stereotypen durchsetzt ist. Diese überlagern die Heilige Schrift wie ein fauliger Algenteppich. Um diesen wegzubringen hilft jetzt der jüdische Kommentar zum Neuen Testament von Levine, den sie zusammen mit Marc Zwi Brettler verfasst hat. Es gibt auch eine deutsche Übersetzung. Bischof Felix Gmür sagt von diesem Buch, dass es in keiner Pfarrei fehlen dürfe.

Amy-Jill Levine wird am 19. Oktober um 19. Uhr zusammen mit ihrem Ehemann Jay Gellner im Museé Visionnaire am Predigerplatz 10 in Zürich auftreten.


Prof. Christian Rutishauser und Prof. Amy-Jill Levine | © Francesco Papagni
11. Oktober 2026 | 12:00
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