Kardinal Grzegorz Rys, Erzbischof von Krakau (Polen), unterhält sich am 14. Juni 2025 in Krakau (Polen).
International

Der Kardinal, der Polen an Europa erinnert

Der Krakauer Kardinal Grzegorz Rys steht für einen neuen Ton in Polens katholischer Kirche. Der neue Erzbischof wirbt für Europa und geht auf Distanz zu nationalkonservativen Kräften. «Freiheit ist ein sehr katholisches Wort», sagt Rys.

Ludger Möllers

(KNA) Kardinal Grzegorz Rys (62) könnte seine Rede halten und anschliessend wieder gehen. Doch der neue Erzbischof von Krakau bleibt. Einen Tag nimmt er sich Zeit für eine Tagung der reformorientierten und proeuropäischen Pieronek-Stiftung. Er hört zu und diskutiert. Für einen Kardinal ist das zunächst keine Sensation.

In Polen aber, wo Teile der katholischen Hierarchie nationalkonservative Positionen vertreten, bekommt dieser Auftritt eine besondere Bedeutung.

Denn Rys erzählt die Geschichte Krakaus als europäische Geschichte. Eines der ältesten Bücher Polens dient ihm dafür als Beispiel: «Die Einheit Europas war damals: Ein irischer Mönch schrieb in einem italienischen Kloster ein Buch, das ein deutscher Mönch nach Krakau brachte, der hier Bischof wurde.»

Polen gehört für ihn nach Europa

Und Rys schlägt den Bogen weiter: zur Krakauer Universität, zum Magdeburger Recht und zur Verbindung zwischen West- und Osteuropa.

Mit der polnisch-litauischen Union von Krewo im Jahr 1385 habe Europa begonnen, «mit der östlichen Lunge zu atmen». Diese Erweiterung sei wichtig – weil sie von Vielfalt und von der Fähigkeit erzähle, «mit unterschiedlichen Sensibilitäten umzugehen».

Rys nennt keine Partei, er greift niemanden direkt an. Aber in einem Polen, in dem europakritische Kräfte die EU immer wieder als Bedrohung nationaler Souveränität und traditioneller Werte darstellen, ist seine Botschaft klar: Polen muss seine Identität nicht gegen Europa verteidigen.

Seit Dezember leitet Rys eine der wichtigsten Diözesen des Landes. Sein Vorgänger Marek Jedraszewski (77) war mit gesellschaftspolitischen Äusserungen hoch umstritten und wurde stark mit dem rechtskonservativen Lager verbunden. Die Ablehnung reichte bis in den eigenen Klerus. Zeitweise kursierte sogar eine von Priestern entwickelte App, die seine verbleibende Amtszeit herunterzählte.

Ein anderer Ton im Episkopat

Mit Rys hat sich der Ton verändert. Er steht in der polnischen Bischofskonferenz für weniger Kulturkampf und mehr Gespräch. Dabei ist er alles andere als ein kirchlicher Revolutionär. Der Kirchenhistoriker begründet seine Positionen auffallend traditionell

– mit dem Evangelium, dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965), mit Johannes Paul II. und der katholischen Soziallehre.

Gerade deshalb ist es schwer, ihn innerhalb der Kirche als Aussenseiter abzutun. Der gebürtige Krakauer wurde 1988 zum Priester geweiht, 2011 zum Bischof. Von 2017 bis 2025 war er Erzbischof von Lódz. 2023 machte ihn Papst Franziskus zum Kardinal.

Freiheit als katholisches Wort

«Freiheit ist der natürliche Zustand des Menschen, nicht die Unfreiheit», sagt Rys. Die Kirche habe während der kommunistischen Herrschaft Aufgaben übernehmen müssen, die eigentlich gar nicht zu ihrer Sendung gehörten, weil sie damals die einzige unabhängige Kraft im Land gewesen sei. Nach dem Ende des Kommunismus falle es ihr bis heute schwer, «ein paar Schritte zurückzutreten».

Doch die neue Freiheit sei kein Verlust: «Das ist ein guter Ort für uns. Freiheit ist ein sehr katholisches Wort.» Ein bemerkenswerter Satz in einer Kirche, die über Jahrzehnte nicht nur religiöse, sondern auch gesellschaftliche und politische Autorität beanspruchte.

Erst mal zuhören

Besonders sichtbar wird Rys’ anderes Kirchenverständnis, wenn er über junge Menschen spricht. Viele von ihnen haben sich in Polen von der Kirche entfernt. Polens Kirche verliert rapide an Bindungskraft: Noch rund 89 Prozent bezeichnen sich als katholisch; aber nicht mal jeder dritte Katholik geht sonntags zur Messe – und die Zahl der Priesteramtskandidaten hat sich seit 2018 mehr als halbiert.

Rys reagiert darauf nicht zuerst mit Forderungen an die Jugend, sondern mit einer Forderung an die Kirche: «Das Erste, was wir tun müssen, ist deshalb, uns mit diesen Menschen zusammenzusetzen und ihnen zuzuhören.» Dass die Bindungskraft der Kirche schwinde, bedeute auch eine Klärung: «Der einzige Grund, heute Teil der Kirche zu sein, ist Jesus Christus und der Glaube an ihn.» Andere Gründe, die Menschen früher an die Kirche gebunden hätten, trügen nicht mehr.

Streit um das Verhältnis zu Juden

Wie weit Rys bereit ist, mit seiner Haltung anzuecken, zeigt sein Einsatz gegen Antisemitismus. Ein von ihm massgeblich initiierter Hirtenbrief der polnischen Bischöfe löste im Frühjahr heftige Proteste aus. Manche Kritiker reagierten nach seinen Worten, «als hätte die Kirche sich selbst verraten».

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Für Rys ist gerade das ein Grund zur Selbstkritik: Wenn grundlegende Aussagen des Konzils nach 60 Jahren manchen Katholiken noch immer fremd erschienen, habe die Kirche selbst bei deren Vermittlung versagt. Seine Position ist klar: «Antisemitismus ist ein Mangel an Liebe.» Er könne sich auch in Gleichgültigkeit, Passivität oder Desinteresse zeigen.

Entscheidend seien Begegnungen: «Wenn ein Mensch dem anderen ins Gesicht schaut, beginnen Stereotype zu bröckeln und Vorurteile sich aufzulösen.» Auch darin beruft sich Rys auf Johannes Paul II. Das Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk berühre die christliche Identität selbst.

Die Lehren Johannes Pauls II.

Das ist für Rys auch eine Auseinandersetzung um das Erbe des polnischen Papstes. Krakau ist dessen Stadt. Karol Wojtyla war hier Erzbischof, bevor er 1978 zum Papst gewählt wurde. Rys will dieses Erbe ausdrücklich bewahren – aber vollständig. Man könne sich nicht einfach aussuchen, welche Teile davon gerade ins eigene Weltbild passten: «Diesen Teil mag ich, also bewahre ich ihn; jenen Teil mag ich nicht, also lasse ich ihn weg. So können wir mit seinem Erbe nicht umgehen.»

Krakau ist katholisch und traditionsbewusst, zugleich intellektuell und europäisch geprägt. Rys versucht nicht, zwischen diesen Welten zu wählen. Er will zeigen, dass sie zusammengehören. Zu dem, was für ihn weiter aktuell ist, zählt Rys «Solidarität, Vergebung und das Verhältnis zwischen Christen und Juden».

Offenheit aus der Tradition

Zum Erstarken der AfD in Deutschland sagt Rys: «Die Kirche hat nicht die Aufgabe, eine politische Gegenkraft zu bilden.» Zugleich kritisiert er Ausländerfeindlichkeit, indem er an das Wort Jesu aus dem Matthäus-Evangelium erinnert: «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.» Genau darin liegt das Besondere an Rys. Er grenzt sich von nationalkonservativen Strömungen ab, ohne einen offenen innerkirchlichen Machtkampf zu führen.


Kardinal Grzegorz Rys, Erzbischof von Krakau (Polen), unterhält sich am 14. Juni 2025 in Krakau (Polen). | © Julia Bujas/Erzdiözese Krakau/KNA
10. Oktober 2026 | 15:00
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