KI löst Ängste vor der Apokalypse aus
Warnungen vor den Risiken der Künstlichen Intelligenz häufen sich. Sogar von Auslöschung der Menschheit ist die Rede. Drohungen mit der Apokalypse sind nichts Neues. Ein Blick in die Geschichte.
Christoph Arens
(KNA) Einschläge von Asteroiden, Pandemien, Atomkrieg und Klimaschock: An Vorstellungen, wie die Welt untergehen könnte, herrscht in der Geschichte der Menschheit kein Mangel. Derzeit löst die künstliche Superintelligenz solche Ängste aus.
Ex-Mitarbeiter von grossen US-KI-Unternehmen warnen in dramatisch klingenden Interviews vor einer Entwicklung, die die Menschheit auslöschen könnte. Die Firmenchefs von Anthropic, OpenAI und xAI treten übereinstimmend für eine Bremse der eigenen KI-Entwicklung ein. OpenAI verschiebt seinen Börsengang.
Aussterben der Menschheit?
Der britische KI-Forscher Jacob Coxon (27) kündigte seinen Job bei der KI-Firma Anthropic und warnte in der BBC vor einem baldigen Aussterben der Menschheit. Evan Hubinger, Sicherheitsexperte bei Anthropic, schätzt das Risiko, dass KI im Laufe des nächsten Jahrzehnts alle Menschen tötet, auf «über zehn Prozent». Die Befürchtung: Eine «künstliche Superintelligenz» könnte die Menschheit vernichten, etwa weil sie den Zielen der KI im Weg steht.
Menschheit ohne Zukunft? Es ist nicht das erste Mal, dass ein Weltuntergang prophezeit wird. Dabei ist die Vorstellung von einer Apokalypse zutiefst christlich und in der westlichen Zivilisation verankert, wie der im Januar gestorbene Frankfurter Mittelalterhistorikers Johannes Fried in seinem Buch «Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs» geschrieben hat.
Nur das Christentum kennt den Weltuntergang
«Das Christentum ist die einzige Weltreligion, die den endgültigen Untergang der Welt kennt», schreibt Fried. Jüdische Vorstellungen gingen lediglich von einem göttlichen Gerichtstag aus, an dem ein Schmelzofen eine Rolle spielt. Der Islam, von Judentum und Christentum beeinflusst, kennt Weltuntergangsideen zwar, misst ihnen aber keine herausragende Bedeutung bei. In Buddhismus oder Hinduismus spielen sie laut Fried keine Rolle.
Christen dagegen leben seit 2’000 Jahren mit der Botschaft, dass das grosse Finale jederzeit kommen kann. «Denn ihr wisset weder den Tag noch die Stunde», heisst es im Neuen Testament. Jesus selbst kündigt an: «Denn es wird dann eine große Bedrängnis sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht wieder werden wird», so heisst es im Matthäus-Evangelium.
Trost für verfolgte Christen
Noch prägender für Endzeitvorstellungen dürfte das letzte Buch der Bibel sein: die «Apokalypse» oder «Offenbarung des Johannes». Der Autor, der sich selbst Johannes nennt, erhebt darin den Anspruch, Gottes Plan für die Menschheit zu offenbaren. Sein Text muss um das Jahr 100 entstanden sein. Er spiegelt die Verfolgung der jungen christlichen Gemeinden im Römischen Reich. Die Offenbarung war dabei eine Mut machende Botschaft: Sie sollte den Verfolgten Zuversicht spenden: Das Gute wird am Ende siegen.
Von Greta Thunberg über Roland Emmerichs Weltuntergangsfilme bis Peter Thiel: Die Faszination an der Apokalypse bleibt gross. Die frühen Christen erwarteten, dass die Erde noch zu ihren Lebzeiten in Blut und Feuer untergehen werde. Künstler wie Hieronymus Bosch bannten die schrecklichen Vorstellungen in den brutalsten Einzelheiten auf die Leinwand.
Heulen und Zähneknirschen
Fried schildert, wie der Glaube an das unerbittliche Ende Heulen und Zähneknirschen hervorrief – und wie die Schreckensszenarien immer wieder dafür missbraucht wurden, um Menschen gefügig zu machen.
Andererseits schuf die Prophezeiung der Apokalypse grossen Glaubenseifer und eine grandiose Ethik. Sie forderte die Menschen auf, ein gutes Leben zu führen und Gerechtigkeit zu üben.
Gerade weil sich der Weltuntergang immer weiter verzögerte, spekulierten Kirchenväter, Mönche und Historiker darüber, wie er vorauszusehen oder vorauszuberechnen sei. Die Natur musste beobachtet werden, um einen Fingerzeig Gottes zu erhaschen. Kometen, Überschwemmungen oder Vulkanausbrüche wurden gedeutet.
Naturwissenschaft aus dem Geist der Apokalypse
Die moderne Naturwissenschaft entstand aus dem Geist der Apokalypse, schreibt Fried. Später entzauberte die Naturwissenschaft die Religion, so der Historiker. Doch die Endzeitängste sind auch im Zeitalter fortschreitender naturwissenschaftlicher Erkenntnisse nicht verschwunden. Das zeigt auch die Debatte über die Wunder-KI.
Doch manche Experten unterstellen den grossen Tec-Firmen, dass sie mit solchen Erzählungen von eigener Verantwortung zur Regulierung der Technik oder vor einer Debatte über die Folgen von KI für Wirtschaft und Gesellschaft ablenken wollen. Manche Kritiker werfen den Tech-Chefs gar vor, die Rede vom Ende der Menschheit sei ein dunkler Marketing-Trick, um den Hype um KI am Leben zu halten und sich als verantwortungsvolle Unternehmen zu präsentieren. Die Tec-Firmen verfolgten knallharte kommerzielle Interessen.
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