Im Beton der Banlieue trifft Papst Leo XIV. Frankreichs Jugend
Auch im Problem-Milieu der Pariser Vorstadt muss sich in den kommenden Jahren Frankreichs sozialer Mörtel beweisen. Fest steht: Ins Stade de France werden zur Papstmesse am 25. September mit Leo XIV. vor allem positiv Gestimmte kommen.
Alexander Brüggemann
(KNA) Der Pariser Norden hat eine bleischwere Arbeitervergangenheit, seit die Stadt in Gestalt des Architekten Baron Georges-Eugène Haussmann Mitte des 19. Jahrhunderts die Pestilenz und die stinkenden Schlote der Industrialisierung aus dem Zentrum herausbeförderte. Und eine Geschichte von Zuwanderung.
«Stade de France»
In Saint-Denis liegt das «Stade de France», Ort des EM-Finales 2016 und im November 2015 Schauplatz eines islamistischen Terroranschlags. Drei Attentäter sprengten sich am Stadion in die Luft; nach einer nächtlichen Polizei-Razzia noch eine weitere Frau.
«Nichts ist gut in Saint-Denis», mag man mit einem abgewandelten Zitat der früheren Bischöfin Margot Kässmann über Afghanistan versucht sein zu sagen. Die Vorstadt ist hier weitestgehend zubetoniert. Trabantensiedlungen. Tristesse. Sozialer Brennpunkt. Engagierte Kirchenvertreter sind freilich ganz anderer Meinung: Vieles ist gut in Saint-Denis!
Wie viel ist gut in Saint-Denis?
Wenn am 25. September, am ersten Abend seiner viertägigen Frankreich-Reise, Papst Leo XIV. mit der Jugend im Stade de France eine Vigil, eine nächtliche Gebetswache, hält, dann wird er wahrscheinlich weniger von den menschlichen Tragödien hören, die es hier in der Banlieue tatsächlich zuhauf gibt. Auch und vielleicht vor allem wird es aber um die grosse Geschwisterlichkeit und Solidarität unter den Menschen hier gehen. Solidarität – der lateinische Wortstamm heisst «solidus», fest. Fest zusammenstehen.
Die Kirchen der Vorstädte, seien sie schön oder nicht, sind auch Orte des Gebets; eine Anlaufstelle. Die Vorstädte haben viele Kinder und Jugendliche; sie haben engagierte Leute in der Caritas und in Solidaritätsaktionen. Und kulturelle Diversität: Maghrebiner, Schwarzafrikaner, Chinesen, Tamilen; etwa 130 Nationalitäten leben hier. An die Ränder gehen – das war der Ruf von Papst Franziskus (2013-2015). Und von den Rändern werden hoffentlich auch viele Jugendliche bei der Vigil mit Leo XIV. kommen.
Armutsbekämpfung braucht Solidarität
Die Seelsorger hier, Geistliche wie Laien, suchen immer wieder die Begegnung, hocken mit jungen Leuten bei den Mülltonnen, hören zu oder diskutieren über Rugby. Die Bekämpfung von Armut und Jugendarbeitslosigkeit ist eine staatliche Aufgabe. Es braucht aber auch Orte der Solidarität, um soziale Härten überwinden zu können: Sozialprojekte, die aus Gemeinden und kirchlichen Gruppen kommen.
Pascal Delannoy, seit 2024 Bischof von Strassburg und zuvor über Jahre hier in Seine-Saint-Denis, ist überzeugt: «Wir müssen aufhören, immer nur zu denken, die Jugend sei die Zukunft der Kirche», sagt er. «Sie sind unsere Gegenwart!» Und: «Wenn wir den Jugendlichen keine Arbeit bieten können, dann signalisieren wir ihnen, dass wir sie nicht brauchen. Und das richtet Verheerendes in den Köpfen an.» – Nicht unwahrscheinlich, dass Papst Leo XIV. diese Notlage auch im Stade de France adressieren wird.
Viele Erwachsenentaufen – aber warum?
Ein weiteres Thema, explizit oder implizit, wird sicher auch die aussergewöhnliche Zahl von Jugend- und Erwachsenentaufen sein, der sich die Kirche in Frankreich in den vergangenen Jahren gegenübersieht, insbesondere im Grossraum Paris. 2025 wurden landesweit knapp 10’400 Erwachsene getauft; ein Anstieg von 45 Prozent gegenüber 2024. Hinzu kamen 7’400 Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren.
Noch stehen manche der Bischöfe eher ratlos vor dem Phänomen. Also fand in den ersten drei Juni-Wochen eine grosse Kirchenversammlung mit mehr als 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt, um über die geistliche Begleitung von Taufanwärtern und Neugetauften nachzudenken. Der Prozess soll im Oktober fortgesetzt werden und in konkrete Vorschläge zur Umsetzung in den Bistümern münden.
Vielleicht darf man tatsächlich auch sagen: Vieles ist gut in Saint-Denis. Es kommt auf die Perspektive an – und vor allem, dass es eine gibt.
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