Russlands orthodoxe Kirche vergrössert ihren Einfluss in Afrika
Religion und Glaube sind für viele Menschen zwischen Senegal und Südafrika zentral – und neue Kirchen werden wohlwollend aufgenommen. Das nutzt die russisch-orthodoxe Kirche für ihre Expansionsstrategie.
Katrin Gänsler (KNA)
Wegweiser zu Kirchen gibt es überall auf dem afrikanischen Kontinent. Neben katholischen, lutherischen, baptistischen, methodistischen oder anglikanischen Gemeinden, die seit weit mehr als 100 Jahren etabliert sind, finden sich vor allem in anglophonen Ländern viele Neugründungen. Jetzt kommt vielerorts eine weitere Kirche hinzu: die russisch-orthodoxe Kirche. In Kamerun in Zentralafrika beispielsweise unterschrieb Langzeitherrscher Paul Biya (93) – der Katholik gilt als regelmässiger Vatikan-Gast – Ende Januar ein entsprechendes Dokument.
Russisch-orthodoxe Kirche auf Mauritius
Das liegt im Trend. Kurz zuvor wurde auf Mauritius im Indischen Ozean die erste russisch-orthodoxe Kirche eingeweiht. Auf Facebook finden sich mehrere Videos, die ein strahlend weisses Gebäude mit einer dunkelgelb schimmernden Kuppel zeigen. In einem Video bezeichnet Metropolit Konstantin von Kairo und Nordafrika die Einweihung der Kirche als wichtiges Ereignis. Jetzt könne sich das Kirchenleben in dem Land so richtig entwickeln.
Bilder zeigen eine Prozession. Teilnehmende sind allerdings weniger Mauritier, sondern Russen. Es heisst, auf der Insel lebten rund 1.500; jeder Dritte sei Anhänger der russisch-orthodoxen Kirche. Überprüfen lässt sich das nicht.
Metropolit auf Afrikareise
Auf der offiziellen Homepage des Moskauer Exarchats in Afrika wirkt Metropolit Konstantin so umtriebig wie ein Diplomat auf Reisen. Berichten zufolge war er Ende Juli in Tansania und weihte die Kirche zum «Heiligen Nikolaus des Wundertäters» ein. In dem ostafrikanischen Land soll er zudem tansanische Priester getroffen haben. Fotos zeigen, wie sie für ihre Missionierungsarbeit Mopeds erhielten – auf dem Land das zuverlässigste Fortbewegungsmittel.
Insgesamt ist die Liste der Reisen lang. Auf der Homepage wird über zahlreiche weitere Aktivitäten berichtet – darunter Taufen im Norden von Mosambik. Verlinkt ist auch ein Bericht des staatlichen russischen Auslandssenders RT, Propagandamedium des Kremls, über die Ausbildung von Priestern aus mehreren afrikanischen Ländern.
Russische Präsenz durch die Kirche
Die Botschaft ist eindeutig: Russland ist mithilfe der Kirche auf dem afrikanischen Kontinent präsent – und breitet sich aus. Den Angaben zufolge soll sie mittlerweile in mehr als 35 Ländern mit mehr als 260 Priestern vertreten sein. Wie viele Mitglieder sie derzeit hat, lässt sich nicht sagen. Zahlen sind in Staaten ohne funktionierendes Meldewesen zumeist Schätzungen.
Glaube und Religion sind bis heute für Gesellschaften zentral; laut US-Meinungsforschungsinstitut Pew Research sagen in afrikanischen Staaten regelmässig bis zu 90 Prozent der Befragten, Religion spiele eine wichtige Rolle für sie. Zwar stehen christliche Religionsgemeinschaften durchaus im Wettbewerb um Mitglieder.
Trotzdem hat man mehr Verständnis für eine neue Kirche als für Menschen, die keiner Religion angehören und sich gar als Atheisten bezeichnen.
In Europa bekannt und scharf kritisiert ist Russlands Präsenz auf dem Kontinent allerdings vor allem durch die Söldnergruppe Wagner, die längst Afrikakorps heisst. Nach dem Tod des Gründers Jewgeni Prigoschin 2023 wurde die Wagnergruppe aufgelöst, verstaatlicht und unterliegt jetzt der Kontrolle des russischen Verteidigungsministeriums.
Menschenrechtsverletzungen durch russische Söldner
Schlagzeilen machte die Gruppe ab 2021, als Malis Junta sich für eine Zusammenarbeit entschied und so das Ende der UN-Stabilisierungsmission Minusma einläutete. Wiederholt warfen UN-Vertreter und nichtstaatliche Organisationen den Söldnern schwere Menschenrechtsverletzungen vor.
Tatsächlich ist Russlands Afrikastrategie differenzierter – und nicht neu. Während des Kalten Krieges unterstützte die damalige Sowjetunion in Kriegen und Unabhängigkeitskämpfen Milizen wie politische Bündnisse, sicherte sich in sozialistisch geprägten Ländern Kontakte und Loyalität über die Vergabe von Stipendien für die Sowjetunion. Ob in Burkina Faso oder Tansania: Bis heute trifft man Menschen, die einst auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion studierten.
Nach dem Ende des Kalten Krieges schlief die russische Afrikadiplomatie zunächst ein, wurde aber spätestens mit dem Russland-Afrika-Gipfel 2019 in Sotschi wiederbelebt. Afrikanische Staats- und Regierungschefs und russlandfreundliche Aktivisten wie Nathalie Yamb erhielten grosszügige Einladungen.
Kirchen als Propagandakanal
Mithilfe der Kirchen schafft sich Russland Experten zufolge nun einen neuen Propagandakanal. Dem französischen Sender RFI sagte der Religionshistoriker und Autor Jean-François Colosimo: «Anfangs erfolgte die Expansion in Ländern, in denen die Wagner-Gruppe präsent war.» Heute handele es sich um eine von Opportunismus getriebene Expansion. «Überall dort, wo Geistliche wegen Fehlverhaltens laisiert wurden oder wo sich Kleriker mit Geld kaufen lassen, ist diese pseudo-russisch-orthodoxe Kirche Afrikas aktiv», so Colosimo. Dabei sei die Ausbreitung «moralisch inakzeptabel» und widerspreche den Werten und Traditionen der Orthodoxie.
Möglich wurde die Entwicklung überhaupt erst durch einen innerorthodoxen Streit. Der afrikanische Kontinent gehört traditionell und kanonisch zur Jurisdiktion des Alexandrinischen Patriarchats. Dieses erkannte 2019 die ukrainische Autokephalie, also die kirchenrechtliche Unabhängigkeit der Orthodoxen Kirche der Ukraine von dem Moskauer Patriarchat, an.
Streit unter Orthodoxen
Weil es damit nicht einverstanden war, zog das Moskauer Patriarchat Konsequenzen und errichtete 2021 ein eigenes «Patriarchalisches Exarchat von Afrika». Zudem erklärte es die alexandrinische Kirche für «schismatisch» – abtrünnig – und sprach ihr das Recht ab, Afrikaner für die Orthodoxie zu missionieren. Experten zufolge war das möglicherweise aber nur ein Vorwand.
Die Errichtung konkurrierender Bistümer und Gemeinden in Afrika wird von vielen orthodoxen Theologen auch als Ausdruck einer zunehmenden Fragmentierung der orthodoxen Welt bewertet. Befürworter des Moskauer Vorgehens argumentieren hingegen, dass man lediglich auf die Bitte afrikanischer Geistlicher reagiert habe, die mit den Entscheidungen Alexandriens nicht einverstanden gewesen seien. Das betonte gerade auch ein Priester aus Kamerun in einem Beitrag des Senders Al-Dschasira. Überprüfen lässt sich das nicht.
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