«Man fleht Gott an, dass er dann bitte mal Regen schickt» – wenn das Futter fürs Vieh fehlt
Seit Monaten regnet es kaum. Die Folgen der Dürre sind für viele Schweizer Bäuerinnen und Bauern gravierend. Bitten sie angesichts der anhaltenden Trockenheit um göttliche Hilfe? Kath.ch hat bei zwei Bäuerinnen nachgefragt.
Barbara Ludwig
«Tote Felder und mehr Schlachtungen als üblich» titelt die «Neue Zürcher Zeitung» am Donnerstag. «Hat nichts Grünes mehr» sagt ein Bauer, der verzweifelt Weideplätze sucht, gegenüber «20 Minuten». Und die «Bauernzeitung» setzte bereits vor zweieinhalb Wochen den Titel «Trockener Sommer 2026: Die Alpen kämpfen um jeden Tropfen».
Die Situation ist für die Landwirtschaft vielerorts dramatisch. Auch wenn nicht alle Bauernbetriebe im gleichen Mass betroffen sind, wie die «Neue Zürcher Zeitung» schreibt. Da fragt sich, ob nicht mancher Landwirt oder manche Bauersfrau sich im Gebet an Gott richtet, damit es regnen möge. Zumal, so vermutet man zumindest, die ländliche Bevölkerung noch einen stärkeren Draht nach oben hat. Kath.ch hat nachgefragt.
50 Prozent weniger Heu wegen Trockenheit
Hart getroffen hat die Dürre den Hof von Brigitte, die ihren Nachnamen nicht auf kath.ch lesen will. Die 55-Jährige und ihr Mann wirtschaften im Val Medel unweit von Disentis auf rund 1300 Meter über Meer. Es ist ein Ganzjahresbetrieb mit eigenen Parzellen und etwas Pachtland. Das Ehepaar hält 10 Milchkühe, 13 Rinder und 50 bis 60 Schafe und verkauft Fleisch von Mastkälbern und Lämmern.
«Wir haben wegen der Trockenheit 50 Prozent weniger eigenes Heu als in einem normalen Jahr. Auf keiner Parzelle konnten wir einen zweiten Schnitt machen», sagt die Bergbäuerin. Man habe deshalb Futter zukaufen müssen: einen LKW à 14 Tonnen Heu. Diese eine Heulieferung reiche aber nicht sehr lange, schon bald werde man einen zweiten LKW bestellen müssen, um sicher über den Winter zu kommen, wahrscheinlich sogar einen dritten.
«Der Herrgott hat das liebe Vieh geschaffen und uns gegeben.»
Das Heu sei sehr teuer. Finanziell werde nichts übrigbleiben. «Dieses Jahr gibt es eine Minus-Rechnung. Aber wir wollen unsere Tiere nicht aufgrund einer Notlage schlachten lassen. Schliesslich hat der Herrgott das liebe Vieh geschaffen und uns gegeben. Wir lieben unsere Tiere», erklärt Brigitte. Zurzeit weiden die Tiere auf einer Alp – wo es zurzeit noch etwas Gras hat –, während sie und ihr Mann mit Heuen beschäftigt sind.
Stossgebet und Ruf um Hilfe
Zum letzten Mal geregnet hat es im Val Medel vor zehn Tagen. Ein kurzer, sanfter Regen sei es gewesen. Völlig ungenügend. Sie denke oft an Regen und sehne ihn herbei, sagt Brigitte: «Stündlich, jede Minute, eigentlich den ganzen Tag, ausser wenn ich tief schlafe.»
Die Hinwendung zu Gott sei für sie wichtig, wenn es um gedeihliches Wetter gehe, gerade in der aktuellen Situation. Manchmal sei es ein Stossgebet, ein Ruf um Hilfe, manchmal sei es ausführlicher. «Ich weiss nicht, ob man das Gebet nennen kann. Aber man fleht Gott eigentlich schon an, dass er da bitte mal Regen schickt.» Im Moment hofft sie vor allem, dass sie ihr Vieh noch so lange wie möglich auf der Alp lassen können.
«Wir müssen den Gürtel enger schnallen – ins hinterste Loch.»
Die Bäuerin, die einen Nebenjob in einer Käserei hat, akzeptiert die schwierige Lage mit einer guten Portion Humor. Sie und ihr Mann seien kurz vor der Pension. Aufhören sei kein Thema, da es bereits einen Nachfolger für den Hof gebe. «Wir müssen durchhalten und versuchen, den Verlust im nächsten Jahr auszugleichen.» Dies gehe nicht ohne persönliche Einschränkungen. «Wir müssen den Gürtel enger schnallen – ins hinterste Loch. Wir leben damit und lachen auch darüber. Es bleibt uns nichts anderes übrig.»
Alp Sigel im Appenzellerland ist noch grün
Weniger schwer betroffen ist Rosmarie Neff-Rusch (55) aus dem Alpstein. Zusammen mit ihrem Mann bewirtschaftet sie einen Teil der Alp Sigel bei Brülisau AI, die auf 1600 Meter über Meer liegt. Man habe derzeit noch Wasser auf der Alp. Es habe ein, zwei Mal etwas geregnet, wenn auch in kleinen Mengen, sagt die Bäuerin. Die Lage sei ein bisschen angespannt, weil die Trockenheit vor allem den Graswuchs stoppe. «Doch bei uns ist es immerhin noch grün. In anderen Regionen ist alles braun.»
Die Frage, wie lange das Gras für die Kühe noch ausreiche, sei eine schwierige, so Rosmarie Neff-Rusch. Denn die gesamte Alp werde von fünf Familien bewirtschaftet, die das etwas unterschiedlich sähen. Es hänge auch vom Stadium der Tiere ab: Das Jungvieh komme mit weniger zurecht, während für Kühe, die noch gemolken werden, eher zu wenig Futter vorhanden sei. Im Moment seien die Tiere noch zufrieden.
«Wenn es Regen gibt, können wir wahrscheinlich noch eine Weile auf der Alp bleiben.»
Wie lange man noch auf der Alp ausharren könne, hänge davon ab, wie sich das Wetter in den nächsten Tagen entwickle. «Wenn es Regen gibt, können wir wahrscheinlich noch eine Weile bleiben», so Bäuerin. Sie denke mehrmals täglich an Regen und dass er nötig sei. Gleichzeitig geniesse sie das schöne Wetter und die warmen Temperaturen. «Wir sind auf 1600 Metern, da ist es sonst ziemlich schnell kühl und windig. Ich bin in der Frage des Wetters zurzeit etwas hin- und hergerissen», gesteht sie.
Gebet um Regen in der Familie nie praktiziert
Gott um Regen bitten, das tue sie nicht, sagt Rosmarie Neff-Rusch. Sie sei gläubig und bete zu Gott und wisse auch, dass es das Gebet um gutes Wetter gebe. «Aber wir haben das in meiner Familie nie praktiziert, das ist mir nicht mitgegeben worden», sagt die Katholikin.
Wie lange die Bauernfamilien noch auf der Alp bleiben können, ist offen. Sobald die Kühe unzufrieden seien wegen des Grasmangels – «die zeigen das dann schon» –, könne die Alpabfahrt innert kürzester Zeit stattfinden, sagt Rosmarie Neff-Rusch. Im Tal unten könne man die Kühe dann mit der eingebrachten Heuernte füttern. «Im Appenzellerland war die Trockenheit bislang nicht überall so schlimm.»
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