Thomas Münch, katholischer Theologe und Ökumeniker

Thomas Münch: «Ökumene ist in der Gesellschaft der Normalfall»

Ein Berufsleben lang hat sich der katholische Theologe Thomas Münch für die Ökumene engagiert. Davon 37 Jahre in der Stadt Zürich; zuletzt in der evangelisch-reformierten Predigerkirche. Er blickt zurück und nach vorne und plädiert für die Quartierkirche.

Weitere Themen:

  • Die Predigerkirche ist ein Unikum in der Zürcher Kirchenlandschaft und versteht sich als «ökumenischer Lernort»: Was ist damit gemeint?
  • Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der reformierten Pfarrerin Kathrin Rehmat?
  • In Tübingen hat Thomas Münch Mathematik und Theologie studiert: Was verbindet die beiden Disziplinen?
  • Wie hat er die Auseinandersetzungen rund um den streitbaren Schweizer Theologen Hans Küng erlebt?
  • Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil war die Ökumene hoch im Kurs: Weshalb ist die Euphorie längst verflogen?
  • Vor 25 Jahren wurde die Charta Oecumenica verabschiedet und im vergangenen November aktualisiert: Was bringt diese Charta?
  • Im Vatikan leitet Kardinal Kurt Koch das Dikasterium für Ökumene. Welche Impulse bringt er?
  • Stimmt der Eindruck, dass der Vatikan Ökumene stärker mit den orthodoxen Kirchen sucht als mit den reformierten?
  • Mit Blick auf Mitgliederschwund, Personalmangel und schrumpfende finanzielle Mittel: Bleibt in Zukunft nichts anderes übrig als Ökumene?
  • Thomas Münch ist ein überzeugter Ökumeniker: Weshalb hält er die Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal für gefährlich?
Transcript
Speaker:Thomas Münch [:

Mir wäre am allerliebsten,

2

:

wenn wir nicht mehr von den Kirchen sprechen 

müssten, sondern ich träume von einer Kirche.

3

:

Von einer Kirche als Gebäude mir vorstellend, 

die dann unterschiedliche Prägungen hat und die

4

:

Menschen fasziniert mit dem, dass eben diese 

unterschiedlichen Prägungen miteinander sich

5

:

einsetzen für die Menschen, die am Rande stehen 

und für die, die in Not sind oder was auch immer,

6

:

oder die Menschen die ihre Freuden 

teilen wollen. Das wäre meine Vision.

7

:Sandra Leis [:

Das sagt der katholische Theologe und Seelsorger

8

:

Thomas Münch. 37 Jahre war er in verschiedenen 

Funktionen für die katholische Kirche der Stadt

9

:

Zürich tätig. In den letzten Jahren arbeitete er 

in der evangelisch-reformierten Predigerkirche. Im

10

:

Podcast sprechen wir über geglückte und missratene 

Ökumene und fragen, weshalb die Ökumene im Vatikan

11

:

einen schweren Stand hat. Und wir schauen 

zurück auf Münchs Studienzeit in Tübingen,

12

:

wo er die Auseinandersetzungen um Hans Küng 

miterlebt hat. Ich bin Sandra Leis und besuche

13

:

meinen Gast in seinem Büro in Zürich, Thomas 

Münch, herzlich willkommen zu unserem Gespräch.

14

:Thomas Münch [:

Vielen Dank, Frau Leis.

15

:Sandra Leis [:

Sie haben am 30. Mai

16

:

Ihren Abschieds-Gottesdienst in der 

Predigerkirche gefeiert. Trotzdem haben

17

:

Sie mich hier in Ihr Büro eingeladen. 

Wie lange arbeiten Sie denn noch?

18

:Thomas Münch [:

Ich mache jetzt noch Juni, Juli, August

19

:

diese drei Monate eine Stellvertretung, weil 

mein Nachfolger erst im September beginnen kann.

20

:Sandra Leis [:

Ihr Nachfolger ist der Jesuit

21

:

Franz-Xaver Hiestand, der seit vielen Jahren die 

katholische Hochschulgemeinde in Zürich, aki,

22

:

leitet. Er ist nur ein Jahr jünger als Sie. Heißt 

das, dass die Stelle bald gestrichen sein wird?

23

:Thomas Münch [:

Im Unterschied zu mir ist Franz-Xaver ein

24

:

Priester, und in der Regel arbeiten Priester etwas 

länger, und ich gehe davon aus, dass Franz-Xaver

25

:

mindestens fünf Jahre hier weiterarbeiten 

wird. Und dass die Stelle gestrichen wird,

26

:

da müssten die vier Vertragspartner des 

ökumenischen Projekts den Vertrag kündigen.

27

:Sandra Leis [:

Und das steht nicht zur Debatte,

28

:

also man kann hoffen, dass es weitergeht. Die 

Predigerkirche ist ein Unikum in der Zürcher

29

:

Kirchenlandschaft und auf der Webseite steht, es 

handle sich hier um einen «ökumenischen Lernort».

30

:

Für alle, die noch nie in der Predigerkirche 

gewesen sind, was ist darunter zu verstehen?

31

:Thomas Münch [:

Ich mache das am Beispiel

32

:

unseres wichtigsten Gottesdienstes, 

das ist am Freitagabend die Vesper.

33

:

Dort ist es uns wichtig, dass verschiedene 

christliche Konfessionen in ihrer Tradition

34

:

diese Feier machen. Das heißt also, wir haben 

römisch-katholische, evangelisch-reformierte,

35

:

evangelisch-lutherische, serbisch-orthodoxe, 

methodistische, baptistische Pfarrerinnen und

36

:

Pfarrern, die mit uns diesen Gottesdienst feiern, 

sodass wir als ökumenischer Lernort zeigen können,

37

:

welche unterschiedlichen Traditionen 

es in den christlichen Kirchen gibt.

38

:Sandra Leis [:

Also die sind alle

39

:

zusammen im gleichen Gottesdienst?

40

:Thomas Münch [:

Also nicht alle gemeinsam, sondern es ist jeweils

41

:

eine Konfession, gemeinsam mit entweder mir oder 

meiner reformierten Kollegin Kathrin Rehmat.

42

:Sandra Leis [:

Und wie sieht es denn

43

:

mit den Besucherzahlen aus? Wird 

das angenommen von den Gläubigen?

44

:Thomas Münch [:

Wir haben in der Regel in der

45

:

Vesper zwischen 50 und 100 Personen, es sei denn, 

es ist etwas ganz Spezielles. Ich würde sagen,

46

:

das ist für die Situation, wie sie jetzt in 

der Stadt ist, gut. Also wir haben natürlich,

47

:

wie viele andere mit Corona auch viele 

Gottesdienstbesuchende nicht wieder gewonnen.

48

:Sandra Leis [:

Einmal im Monat feiern

49

:

Sie eine katholische Eucharistiefeier, bzw. 

Sie müssen noch einen Priester dabeihaben,

50

:

weil Sie selber ja kein Priester 

sind. Wie ist da die Nachfrage?

51

:Thomas Münch [:

In der Eucharistiefeier

52

:

am Samstagabend hatten wir vor Corona 

etwa um die 60 Leute, und im Moment

53

:

sind es um die 20 Personen. Ich gehe aber 

davon aus, dass mit Franz-Xaver das sich

54

:

ändern wird. Er ist eine bekannte Persönlichkeit, 

und viele Leute kennen ihn natürlich vom aki her.

55

:Sandra Leis [:

Das heißt aber doch,

56

:

dass die ökumenischen Angebote, 

insbesondere diese Vesper-Feier am

57

:

Freitagabend, besser besucht sind 

als die rein katholische Feier.

58

:Thomas Münch [:

Sie können noch einen Schritt weiter gehen, auch

59

:

als die rein reformierten. Als ich hier angefangen 

habe, haben wir viermal im Monat, also jeden

60

:

Sonntagmorgen noch einen reformierten Gottesdienst 

gefeiert, dem ich zum Beispiel dann auch

61

:

vorgestanden bin. Da waren die Zahlen ähnlich. Wir 

feiern am Sonntag nur noch einmal im Monat einen

62

:

ökumenischen, denn der Hauptgottesdienst 

in unserem Konzept ist der Freitagabend.

63

:Sandra Leis [:Herr Münch, Sie sind:

64

:

in Gemmingen in Baden-Württemberg geboren, 

waren Ministrant und Oberministrant und

65

:

haben dann in Tübingen studiert, Theologie 

und Mathematik. Weshalb diese Kombination?

66

:Thomas Münch [:

Um genau zu sein, ich habe Mathematik

67

:

und Theologie studiert. Deshalb bin ich auch 

nach Tübingen, weil die mathematische Fakultät

68

:

in Tübingen war sehr spannend. Denn mein Dorf 

liegt ja eigentlich in der Erzdiözese Freiburg.

69

:

Theologie hätte ich in Freiburg studieren müssen. 

Aber was die beiden verbindet, ist eine relativ

70

:

einfache Geschichte. Wir gehen davon aus, dass 

die Mathematik eine exakte Wissenschaft sei und

71

:

in der Theologie sei das nicht so. Aber in der 

Theologie, sage ich immer, ist eine Philosophie

72

:

unter der Voraussetzung, dass Gott existiert. Also 

ich setze hier etwas, die Existenz Gottes. Und in

73

:

der Mathematik ist es ähnlich. Ich mache ein 

einfaches Beispiel: Wir gehen immer davon aus,

74

:

dass 1 plus 1 gibt 2. Das ist aber nur in einem 

speziellen mathematischen Körper der natürlichen

75

:

Zahlen so. Ich kann einen mathematischen Körper 

konstruieren, mit nur zwei Elementen, da ist 1

76

:

und 1 Null. Ist auch eine richtige Aussage. Also 

da ist die Frage, was setze ich? Und da sehen Sie,

77

:

wie ähnlich die beiden sind. Man setzt 

etwas, und ab dann muss es logisch sein.

78

:Sandra Leis [:

Also gibt es da doch

79

:

Verbindungen, die Ihnen offenbar behagt haben.

80

:Thomas Münch [:

Sehr, sehr, ja.

81

:Sandra Leis [:

Wie haben Sie denn in

82

:

Tübingen die Auseinandersetzungen 

rund um den streitbaren Schweizer

83

:

Theologen Hans Küng miterlebt? Das war 

ja ganz am Anfang Ihrer Studienzeit.

84

:Thomas Münch [:

Also das war in der Zeit,

85

:

als ich noch hauptsächlich Mathematik studiert 

hatte. Deshalb habe ich die Vorlesungen von Hans

86

:

Küng nicht so fleißig besucht. Ich habe aber sein 

«Existiert Gott?» bereits als Maturand gelesen.

87

:

Und er hat mich fasziniert, die Art und Weise, wie 

er denkt in dem, wie er das nennt, Konziliarismus.

88

:

Heute reden wir vom synodalen Prozess. Das war 

für mich ein Normalfall. Die Auseinandersetzungen

89

:

waren dann ziemlich schwierig. Da haben 

verschiedene Dinge miteinander hineingespielt,

90

:

was mich aber dann später, als er 

nicht mehr ordentlicher Professor

91

:

für katholische Theologie war, sondern das 

Ökumenische Institut für ihn gegründet wurde.

92

:Sandra Leis [:

Eben auch in Tübingen.

93

:Thomas Münch [:

In Tübingen, weil er ist

94

:

ein vom Staat angestellter Professor, 

den kann man nicht entlassen. Das heißt,

95

:

man musste für ihn eine Stelle schaffen und 

in dieser Zeit im Ökumenischen Institut und

96

:

vor allem seine Ringvorlesungen über die 

anderen Religionen, Hinduismus, Buddhismus,

97

:

Islam, hat mich wahnsinnig fasziniert, und 

daraus entstand ja dann später der Weltethos.

98

:Sandra Leis [:

Das berühmteste Buch

99

:

eigentlich dann, aber hat Sie dieses 

Institut der Ökumene auch näher zur

100

:

Ökumene gebracht oder war Ihnen 

das früher schon ein Anliegen?

101

:Thomas Münch [:

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube,

102

:

dass Ökumene für mich immer schon ein wichtiger 

Punkt war. Meine Generation hat die konfessionelle

103

:

Prägung nicht mehr als zentrales Element gesehen. 

Wir sprechen jetzt von den 70er, 80er Jahren in

104

:

Deutschland. Da war es viel wichtiger, 

die politische Orientierung. Und das war

105

:

es sowohl auf evangelisch-lutherischer Seite wie 

römisch-katholischer. Da gab es die Konservativen,

106

:

CDU-Wähler, die Progressiven. FDP-Wähler 

damals noch, oder eben die Sozialistischen,

107

:

und dann entstand ja das Neue mit den 

Grünen. Das war viel wichtiger für meine

108

:

Generation. Also hatten Sie in all diesen 

Gruppierungen unterschiedliche Konfessionen,

109

:

und die konfessionelle Prägung war nicht mehr 

das Zentrale, also dieses Ökumenische. Den

110

:

ersten ökumenischen Gottesdienst, den 

ich erlebt habe, das war zur Feier des

111

:::

112

:Sandra Leis [:

Also da waren Sie zehn Jahre alt.

113

:Thomas Münch [:

Genau, da waren die Synoden in den Bistümern, und

114

:

da war dieser Aufbruch hin das Gemeinsame in der 

Vordergrund zu stellen und nicht das Trennende.

115

:Sandra Leis [:

Und wenn Sie sich

116

:

zurückerinnern an Ihre Studienzeit, 

was war das Prägendste für Sie?

117

:Thomas Münch [:

Ich habe in einem Haus studiert, das Theologikum

118

:

heißt, und in diesem Theologikum in Tübingen gab 

es zwei Fakultäten, die evangelisch-lutherische

119

:

und die römisch-katholische. Wir waren im 

gleichen Haus. Also es war völlig normal,

120

:

dass Studierende aus unterschiedlichen 

Konfessionen miteinander diskutiert haben.

121

:

Und wir haben auch gegenseitig die Vorlesungen 

nicht nur im römischen-katholischen Seminar,

122

:

sondern auch bei den Lutheranern gehört, 

wie ich zum Beispiel Moltmann und Jüngel.

123

:

Also da war dieser direkte Austausch und auch 

da war wahrscheinlich das Zentrale wichtiger,

124

:

wo stehen Sie innerhalb Ihrer eigenen Kirche auf 

der progressiven und eher konservativen Seite,

125

:

als die konfessionelle Prägung. Also gerade 

in den 80er Jahren endete eigentlich auch die

126

:

konfessionelle Prägung unserer Gesellschaft. 

Niemand ging mehr zum katholischen Bäcker,

127

:

weil er katholisch war, oder zum evangelischen 

Metzger, weil der evangelisch war.

128

:Sandra Leis [:

Ja, das war dann vorbei. In

129

:

Ihrem Lebenslauf habe ich gelesen, 

Sie waren auch in Salamanca,

130

:

in Spanien. Was war das für eine Zeit, wenn 

Sie das kurz auch noch beschreiben können?

131

:Thomas Münch [:

Ich wollte ursprünglich

132

:

nach meinem Studium in Südamerika arbeiten, 

und dafür musste ich natürlich die spanische

133

:

Sprache lernen. Da ich aber immer mit Stipendien 

studiert habe, konnte ich nicht nach Mexiko,

134

:

was mein Wunsch war, sondern ich kam nach 

Salamanca. Das erste Prägende für mich war

135

:

eine Vorlesung über das Neue Testament. Da hat 

der Professor uns eine Literaturliste gegeben,

136

:aren die neuesten Bücher von:das war:

137

:

Also Sie können sich vorstellen, dass ich diese 

Vorlesung dann nicht mehr weiter besucht habe.

138

:

Aber ich habe dann auch über die Sozialethik 

und vor allem in der Dogmatik über die

139

:

Befreiungstheologie einen kompletten neuen Zugang 

für mich auch gefunden. Eben bei Küng oder auch

140

:

bei Kasper und Seckler gibt es eine bestimmte 

Richtung, und hier die politische Theologie.

141

:

Das hat mich unglaublich fasziniert. Und diese 

Weltsprache, also diese Weltsprache Spanisch.

142

:Sandra Leis [:

Vielen Dank für diesen

143

:

Einblick in Ihre Biografie, damit alle 

ein bisschen eine Ahnung haben von Ihnen.

144

:

Dann sind Sie in die Schweiz gekommen 

nach dem Studium. Was war da der Grund?

145

:Thomas Münch [:

Also nach dem Studium war ich

146

:

Biberach an der Riss. Danach war ich arbeitslos. 

Es gab zu dieser Zeit für Nicht-Priester zwölf

147

:

Stellen in der Diözese, und es gab Hunderte von 

Bewerbern. Damals waren noch tausend Studierende

148

:

in Tübingen. Und mir wurde empfohlen 

vom damaligen Leiter des Wilhelmsstifts,

149

:

das ist eine Art Priesterseminar in Tübingen, 

in die Schweiz zu gehen, weil das zu meiner

150

:

Theologie und die Art und Weise, wie hier das 

duale System gelebt wird, viel näher wäre,

151

:

als wenn ich in Deutschland geblieben 

wäre. Und ich bin ihm sehr dankbar dafür.

152

:Sandra Leis [:

Gut, Sie waren in der

153

:

Schweiz zuerst in der Pfarrei 

Dreikönigen in Zürich-Enge,

154

:

dann in der Sihlcity-Kirche und schließlich 

die letzten acht Jahre, die haben Sie in der

155

:

Predigerkirche in Zürich verbracht. Zusammen 

eben mit ihrer reformierten Kollegin,

156

:

das ist heute die Pfarrerin Kathrin Rehmat. Darf 

ich fragen, wie funktioniert die Zusammenarbeit?

157

:Thomas Münch [:

Also es ist etwas unglaublich

158

:

Faszinierendes, wenn Sie überlegen, wie man 

über Ökumene spricht, hängt das sehr davon ab,

159

:

wie Sie geprägt sind. Es ist häufig so, dass wir 

im Gespräch miteinander sagen, die Reformierten

160

:

sind so oder die Katholiken sind so, was ja nicht 

stimmt. Die Reformierten gibt es nicht, es ist von

161

:

Kanton zu Kanton verschieben oder auch hier 

in der Stadt. Und bei einer Katholikin ist

162

:

das ja genauso, wie ob sie eine rechtskatholische 

Bewegung nehmen oder eine Befreihungstheologie, da

163

:

gibt es riesige Spannungen. Das heißt, wir müssen 

immer zuerst lernen, wie das Gegenüber oder der

164

:

Arbeitspartner in diesem Sinne, wie funktioniert 

diese Person. Und wir haben unglaubliche

165

:

Diskussionen miteinander, Frau Rehmat und ich, 

und wir führen die auch, wenn wir in verschiedenen

166

:

Gremien sind. Das ist immer sehr spannend. Für 

die Leute, mit denen wir arbeiten, in diesem

167

:

ökumenischen Kontext. Denn wir sind nicht immer 

einer Meinung. Aber das ist ja genau der Punkt,

168

:

das Miteinanderringen um das, was wir Kirche 

nennen. Und da meine ich jetzt wirklich Singular.

169

:Sandra Leis [:

Und wie gehen Sie mit diesen Reibungen um?

170

:Thomas Münch [:

Also ich bin ein Mensch,

171

:

der unglaublich gern diskutiert. Ich 

bin auch ein Mensch der gerne den

172

:

Advocatus diaboli spielt. Von daher, diese 

Reibungen, die sind unglaublich kreativ.

173

:Sandra Leis [:

Als Sie hier angefangen haben,

174

:. April:

Kollegin Renate von Ballmoos eine bekannte,

175

:

auch zum Teil umstrittene Persönlichkeit. Zum 

einen hat sie schamanische Praktiken angeboten,

176

:

was nicht überall goutiert wurde, und zum anderen 

hat sie sich mit dem katholischen Theologen, also

177

:

ihrem Vorvorgänger, Meinrad Furrer überworfen. 

Und der «Tages-Anzeiger» von damals, der hat

178

:

geschrieben, Frau von Ballmoos habe Meinrad Furrer 

zunehmend als Konkurrenten empfunden. Das haben

179

:immt auch gelesen. Hatten Sie:

ein bisschen Angst vor dieser Zusammenarbeit?

180

:Thomas Münch [:

Ich habe das nicht gelesen.

181

:Sandra Leis [:

Haben Sie nicht gelesen?

182

:Thomas Münch [:

Bewusst. Ich hatte das große Glück, dass in

183

:

dieser Zwischenphase zwischen Meinrad Furrer und 

meinem Dienstantritt, Andreas Beerli diese Stelle

184

:

interimistisch hatte, und Andreas Beerli hat eine 

großartige Arbeit geleistet, diese Verwerfungen

185

:

innerhalb auch der Gemeinde so aufzugleisen, dass 

ich, als ich angefangen hatte, von dem eigentlich

186

:

ganz wenig gespürt habe. Und für mich war die 

Zusammenarbeit mit Renate von Ballmoos überhaupt

187

:

kein Problem. Also das ist ja auch etwas, das 

Schamanische ist nicht etwas, das mir liegt.

188

:Sandra Leis [:

Kann sie machen, wenn sie

189

:

möchte selbstverständlich. 

Also interessant zu wissen,

190

:

diese Frau stand wirklich im Kreuzfeuer, 

und Sie können aber sagen, ich habe sehr

191

:

gut mit ihr zusammengearbeitet. Das 

finde ich noch eine wichtige Bilanz.

192

:Thomas Münch [:

Ja, sicher.

193

:Sandra Leis [:

Okay.

194

:Thomas Münch [:

Ich glaube, es ist ein wichtiger

195

:

Punkt gewesen damals auch, dass wir gemeinsam, 

also auch Renate von Ballmoos und ich, gemeinsam

196

:

dann diesen Vertrag aushandeln konnten mit den 

Partnern, denn es war seit:

197

:

man kann ja 13 Jahre ein Projekt haben, das muss 

man dann mal irgendwann mal sagen, jetzt machen

198

:

wir es oder nicht. Und dann, als ich die Stelle 

angetreten habe, war eine der Aufgaben, die ich

199

:

bekommen habe von Generalvikariat, das auf Beine 

zu stellen und das mit ihr gemeinsam zu entwickeln

200

:

und mit den Vertragspartnern, das war sehr, 

sehr spannend, und das Schöne war für mich auch,

201

:

dass alle, die an diesen Vertragsverhandlungen 

dabei waren, am Samstag 30. Mai hier waren.

202

:Sandra Leis [:

Zum Feiern. Thomas Münich,

203

:

Sie haben große Erfahrung in 

Ökumene. Wann gelingt sie?

204

:Thomas Münch [:

Sie gelingt dann, wenn ich davon ausgehe,

205

:

dass mein Gegenüber mindestens so recht hat wie 

ich. Vielleicht sogar mehr. Ich habe am Ende

206

:

meiner Arbeitszeit meine reformierten Kollegen 

gefragt, warum braucht es unterschiedliche

207

:

Konfessionen, warum ist Ökumene wichtig? 

Und einer hat gesagt, keine Konfession,

208

:

also wenn es verschiedene Konfessionen gibt, kann 

keine Konfession für sich in Anspruch nehmen,

209

:

die Wahrheit zu besitzen. Und das geht nicht. 

Keine Konfession kann die Wahrheit besitzen. Die

210

:

Wahrheit hat nur einer. Und das ist bei Gott. Und 

wir versuchen hier auf unterschiedliche Art und

211

:

Weise und alle Defizite, die eine Konfession 

aufweist, kann vielleicht in einer anderen

212

:

sichtbar werden. Und dann kann man sich in einer 

gegenseitigen Miteinander-Auseinandersetzung

213

:

auf die idealerweise jeweils positiven 

Seiten der jeweiligen Konfеssion einigen.

214

:Sandra Leis [:

Und Sie haben sicher auch mal erlebt in ihrer

215

:

langen Zeit, dass Ökumene nicht gelungen ist, 

dass sie misslungen ist. Was war da das Problem?

216

:Thomas Münch [:

Also das, was mich am meisten immer

217

:

wieder beschäftigt hat, ist die gemeinsame 

Feier der Eucharistie oder des Abendmahls.

218

:Sandra Leis [:

Der Knackpunkt.

219

:Thomas Münch [:

Das hängt eben davon ab, welcher theologischen

220

:

Position Sie anhängen. Sagen Sie, das gemeinsame 

Feiern des Abendmals ist am Ende, wenn die

221

:

Kirchenspaltung aufgehoben ist? Oder ist das 

gemeinsame Feiern des Abendmahles auf dem Weg zur

222

:

Aufhebung der Kirchenspaltung? Bei Peter Henrici, 

dem Weihbischof und Generalvikar in den 90er

223

:

Jahren habe ich das gelernt, die Gastfreundschaft, 

die eucharistische Gastfreundschaft und wenn Sie

224

:

heute die Handreichung des Bistums Chur lesen, 

in dem Abschnitt über Ökumene heißt es ja auch,

225

:

dass die sakramentale gemeinsame Feier 

oder überhaupt das gemeinsame Feiern der

226

:

Sakramente ein wichtiger Punkt ist, den wir 

jetzt schon machen müssen. Nicht erst wenn.

227

:Sandra Leis [:

Die Euphorie, die herrschte,

228

:

von der Sie vorhin ja auch erzählt haben, 

nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil,

229

:

also diese Euphorie, die 

ist heute verflogen. Warum?

230

:Thomas Münch [:

Also es hat wahrscheinlich

231

:

verschiedene Gründe. Der eine Grund ist, dass die 

Personen, die sich in den 70er und 80er Jahren

232

:

für die Ökumene eingesetzt haben, heute in einem 

Alter sind, wo sie nicht mehr in diesen Gremien

233

:

sitzen. Also in den 80er und 90er Jahren gab es 

in jeder Gemeinde ökumenische Arbeitsgruppen. Und

234

:

die wurden nicht wieder ersetzt. Das Zweite ist, 

die Ökumene ist für die Gesellschaft etwas völlig

235

:

Normales geworden. Also, wenn ich im katholischen 

Ehe-Seminar einen Kurs gebe, ist die Hälfte

236

:

gemischt konfessionell oder mehr. Das heißt, es 

ist wie ein Normalfall geworden, wo man das Gefühl

237

:

hat, da muss man ja nicht mehr dafür kämpfen. 

Das ist der Normalfall. Und das andere ist

238

:

vor allem in der Pontifikalzeit von Johannes Paul 

II. und von... Benedikt. Ich sage halt oft immer

239

:

Ratzinger, aber ich kenne ihn noch als in seiner 

Professorenzeit in Tübingen, weil es viel...

240

:Sandra Leis [:

Aber die beiden sind ja

241

:

schon zurückgerudert, also das muss man schon...

242

:Thomas Münch [:

Absolut. Und wenn Sie dann bestimmte

243

:

Dokumente lesen wie das «Dominus Iesus», 

wo man den protestantischen Kirchen das

244

:

Kirche-Sein abspricht, damit töten Sie ja 

jegliche Diskussionsgrundlage. Wenn wir nicht

245

:

bereit sind zu sagen, eine andere Konfession 

ist auch eine Kirche, sonst ist es dann eine

246

:

kirchliche Gemeinschaft oder was auch immer, aber 

nur wir sind, dann ist das nicht mehr möglich.

247

:Sandra Leis [:

Ich will noch so ganz konkret werden,

248

:

also die Stadt Baden, die feiert ja in diesem Jahr 

500 Jahre Badener Disputation über Glaubensfragen.

249

:

Und da ist der auch bekannte reformierte, 

mittlerweile pensionierte Pfarrer Hans Strub

250

:

sehr aktiv gewesen, hat zahlreiche Gespräche 

geführt mit prominenten Persönlichkeiten und

251

:

auch sehr vielen Menschen nach Baden gelockt mit 

diesen Gesprächen, Disputen. Und kürzlich hat das

252

:

«Pfarrblatt Nordwestschweiz» diesen Hans Strub 

interviewt. Und er erinnert sich zurück an die

253

:

70er Jahre, da hatte er sein erstes Pfarramt 

in Zürich-Schwammendingen und da sagte er,

254

:

ich zitiere ihn: «Damals habe ich mit meinem 

katholischen Kollegen eng zusammengearbeitet.

255

:

Wir waren der Meinung, dass es eine Frage 

von Monaten sei, bis es erlaubt sein würde,

256

:

gemeinsam Abendmahl zu feiern, was wir 

damals bereits machten. Plötzlich hieß es,

257

:

das sei nicht erlaubt, die katholischen 

Kollegen zogen sich zurück.» Und sein

258

:

Fazit ist, er sei absolut enttäuscht von der 

Ökumene. Können Sie so etwas nachvollziehen?

259

:Thomas Münch [:

Absolut, absolut. Also in der gleichen Zeit,

260

:

also der Pfarrer meines Dorfes, der war überzeugt, 

dass er demnächst heiraten kann. Er hat dann

261

:

auch geheiratet, aber musste gehen. Also, das ist 

vielleicht auch ein Grund, warum ich Theologie zur

262

:

Mathematik hinzugenommen. Ich war der Meinung, das 

kommt jetzt alles. Die Schriften des Vatikanums 2.

263

:Sandra Leis [:

Aber da war ja Riesenhoffnung drin.

264

:Thomas Münch [:

So ist es, so ist es ja.

265

:

Und es hat ja nicht nur eine kirchenpolitische 

Ebene, katholisch, päpstlich oder die Bischöfe.

266

:

Es hat auch eine gesellschaftliche Ebene. Warum 

man sich zurückgezogen hat. Und heute spüre ich

267

:

ja auch, dass die großen Konfessionen, also 

katholisch und reformiert im Kanton Zürich,

268

:

die sich ja mit den Mitgliederzahlen auf 

dem Rückzug befinden, sich überlegen,

269

:

warum braucht es meine Konfession noch? Und das 

führt zu einer Art Alleinstellungsmerkmal-Suche.

270

:

Und in dem Moment, wo ich als meine Konfession 

ein Alleinstellungsmerkmal suche und vielleicht

271

:

auch finde, töte ich damit, ich drücke sie sehr 

plastisch aus, die Ökumene, denn die baut ja

272

:

darauf, dass es kein Alleinstellungsmerkmal 

gibt. Es gibt unterschiedliche Traditionen in

273

:

den Liturgien, in der Art und Weise, wie 

wir die Bibel lesen, wie wir den Zugang

274

:

zu den biblischen Texten finden, aber nicht 

das Grundsätzliche. Wenn ich jetzt aber sage,

275

:

eigentlich hat meine Kirche schon recht und die 

andere müsste das auch tun. Da ist noch eine

276

:

zweite Ebene. Und was noch heute wieder eine noch 

größere Rolle spielt, ist der politische. Also es

277

:

gibt ja in allen europäischen Ländern inzwischen 

politische Parteien, die das Gefühl haben,

278

:

das Christliche wieder in den Vordergrund 

stellen zu müssen als Ausschlusskriterium

279

:

für all die Menschen, die nicht christlich sind, 

also die Zuwanderungsdebatten. Und das sind dann

280

:

plötzlich Gruppen, die vor fünf Jahren bei der 

Konzernverantwortungsinitiative noch gesagt haben,

281

:

die Kirchen haben zu schweigen. 

Plötzlich sollen wir, das Christentum

282

:

muss verteidigt werden, damit nicht so viel und 

wir werden überrannt. Das ist noch ein anderes,

283

:

was der Ökumene dann auch sehr im Wege steht, 

wenn sie instrumentalisiert wird, politisch.

284

:Sandra Leis [:

Noch ein zweites und letztes Zitat von Hans Strub.

285

:

Er sagt, seither wird viel geredet, aber 

der Dialog ist eher eine Aneinanderreihung

286

:

von Monologen, vor allem auf den oberen 

Hierarchiestufen. Können Sie das unterschreiben?

287

:Thomas Münch [:

Also von Ende der 90er-Jahre bis

288

:vielleicht:

hat sich doch einiges geändert. Vielleicht schon

289

:

etwas früher, oder es gibt ja viele ökumenische 

Bewegungen auch im europäischen Ausland, die dann,

290

:

je nachdem wer der Bischofskonferenz vorsitzt, 

sich unterschiedlich positioniert haben. Und da

291

:

hat sich wieder vieles geändert, dass man auch auf 

der oberen Ebene, denn die Päpste haben ja trotz

292

:

allem immer wieder versucht, mit Friedensgebeten 

in Assisi unterschiedliche Konfessionen und

293

:

Religionen miteinander an den Tisch zu bringen. 

Aber immer nur auf dieser Gebetsebene, oder. Ja,

294

:

ich weiß nicht. Ich glaube, es ist im Moment 

wieder auf einem besseren Weg in dieser oberen

295

:

Ebene. Und das sieht man zum Beispiel ja auch 

in der Charta Oecumenica 2.0, die jetzt letzten

296

:

November unterschrieben wurde. Und das ist 

wirklich ein Dokument, das sich zu lesen lohnt,

297

:

weil das sind Selbstverpflichtungen, 

wo sich die jeweiligen Konfessionen

298

:

selber verpflichten in verschiedenen 

Bereichen. Ich finde das fantastisch.

299

:Sandra Leis [:

Aber Papier ist ja manchmal auch geduldig.

300

:Thomas Münch [:

Ja, aber da hängt es wiederum davon ab,

301

:

wie wir es umsetzen. Ich vertrete ja die 

Katholische Kirche in der Arbeitsgemeinschaft

302

:

christlicher Kirchen, und da ist unsere Aufgabe, 

in den einzelnen Konfessionen diesen Prozess

303

:

anzuregen, was wir in der Delegiertenversammlung 

jetzt im Mai gemacht haben. Und dieser Prozess

304

:

soll weitergehen. Wo verpflichten wir uns? Und 

dann ist es wiederum Aufgabe von uns jeweils

305

:

Verantwortlichen, mit der eigenen Konfession das 

zu diskutieren bei uns über den synodalen Prozess.

306

:Sandra Leis [:

Kardinal Kurt Koch,

307

:

er leitet ja das Dikasterium für Ökumene 

in Rom. Welche Impulse kommen von ihm?

308

:Thomas Münch [:

309

:

Da bin ich nicht so kompetent, das zu beurteilen. 

Ich habe ihn immer wieder erlebt, auch bei den

310

:

Vollversammlungen des ökumenischen Rates der 

Kirchen. Er ist etwas weniger dezidiert, als das

311

:

Kardinal Kasper war. Aus meiner Sicht, oder. Aber 

das mag vielleicht auch so nicht stimmen. Er ist

312

:

vielleicht ein etwas leiserer Typ, also der 

mehr im Hintergrund arbeitet als bei Kasper. Ja.

313

:Sandra Leis [:

Stimmt denn der Eindruck,

314

:

dass der Vatikan Ökumene stärker 

mit den orthodoxen Kirchen sucht?

315

:Thomas Münch [:

Also eine gewisse Zeit lang sicher,

316

:

also unter Wojtyla war das sicher so, dass 

man aus moraltheologischen Gründen steht die

317

:

römisch-katholische Kirche ja der Orthodoxie näher 

als den protestantischen Kirchen und vor allem

318

:

in den 80er Jahren war man da schon sehr, sehr 

weit. Das scheiterte dann am Primus inter pares.

319

:Sandra Leis [:

Was ja immer wieder

320

:

gewünscht wird und die anderen nicht wollen.

321

:Thomas Münch [:

Genau. Und dann gab es

322

:

auch noch die Auseinandersetzungen zwischen der 

protestantischen Kirchenfamilie und der Orthodoxie

323

:

über die Weihe der Frauen. Und dann gabs da 

praktisch einen, wie soll ich das ausdrücken,

324

:

Diskussions- oder einen Gesprächsabbruch. 

Und da hat die katholische Kirche wieder eine

325

:

Vermittlerfunktion einnehmen können. Der Eindruck 

täuscht nicht, dass man da sich näher fühlt,

326

:

aber es gibt andere Punkte, wie zum 

Beispiel in der Rechtfertigungslehre,

327

:

wo wir uns ja jetzt mit den reformatorischen 

Kirchenfamilien viel näher geworden sind,

328

:

mit dem verabschiedeten Papier, das 

damals noch Kasper unterschrieben hat.

329

:Sandra Leis [:

Sie haben vorhin gesagt,

330

:

es gibt auch Menschen, die suchen jetzt dieses 

Alleinstellungsmerkmalwollen wieder zurück ins

331

:

eigene Schneckenhaus. Sie engagieren sich für die 

Ökumene. Glauben Sie aber, dass viele Gläubige

332

:

wirklich die Ökumene wollen und suchen? Weil ich 

muss Ihnen sagen, ich war kürzlich in Basel in

333

:

einem ökumenischen Gottesdienst. Es war nicht ganz 

klar so deklariert. Und als dann allen klar wurde,

334

:

dass es jetzt keine katholische Eucharistiefeier 

gibt, gab es also römisch-katholische Geschwister,

335

:

die das Gotteshaus demonstrativ 

verlassen haben. Das war:

336

:Thomas Münch [:

337

:

Es gibt ein Phänomen, mit dem wir uns noch zu 

wenig auseinandersetzen. Die jetzige Generation

338

:

derer, die zwischen 20 und 30 sind oder jünger, 

haben sehr häufig keine konfessionelle Prägung

339

:

mehr, weil ihre Eltern zwar selber noch getauft 

waren, in ihrer Zeit auch in die Kirche gingen,

340

:

also in ihre konfessionelle Kirche, das sich 

aber verloren hat. Und die sind jetzt auf

341

:

einer religiösen Suche. Was macht ein Mensch 

in diesem Alter, wenn er einen katholischen

342

:

oder muslimischen Input sucht? Er geht auf 

Social Media, und wo landet er relativ schnell?

343

:

Auf rechts-katholischen Seiten oder im Islam 

auf irgendwelchen fundamentalistischen Seiten.

344

:

Das ist ein Problem, das wir heute haben, 

dass dann Leute, die auf diesem Weg sind,

345

:

wieder in die katholische Kirche zurückzukehren, 

dass die mit einem Bild kommen, wo ich sage:

346

:

Du redest mir jetzt von einer Kirche des 19. 

Jahrhunderts, also Mitte 19. Jahrhundert und nicht

347

:

mehr von der Kirche, wie sie heute existiert, und 

das ist aber nicht ein christliches Phänomen. Also

348

:

ich habe mit dem Imam Begovic darüber gesprochen, 

die haben genau dasselbe Problem und ich könnte

349

:

mir vorstellen, dass das durchaus auch eine Rolle 

spielt bei dem, was Sie jetzt da erlebt haben.

350

:Sandra Leis [:

Es waren zwar keine jungen,

351

:

aber ältere Herrschaften, aber trotzdem. 

Also in der Schweiz leiden ja alle drei

352

:

staatlich anerkannten christlichen 

Konfessionen unter Mitgliederschwund,

353

:

Personalmangel und schrumpfenden 

finanziellen Mitteln. Heißt,

354

:

dass das für die Zukunft eigentlich nichts 

anderes als die Ökumene übrigbleibt?

355

:Thomas Münch [:

Wäre ein möglicher Schluss,

356

:

dem ich zustimme. Ich bin ein vehementer 

Verfechter dessen, was man die Quartierkirche

357

:

nennt. Also in der Stadt Zürich ist es ja seit 

:

358

:

Kirchgemeinden sich fusioniert haben zu einer 

Kirchgemeinde. Und das führt dazu, dass die

359

:

verschiedenen Kirchenstandorte in den Quartieren 

miteinander arbeiten. Ich nehme das Beispiel vom

360

:

Kirchenkreis 2, also Enge, Wollishofen 

und Leimbach, die arbeiten miteinander,

361

:

aber die jeweiligen früheren Zusammenarbeitsebene 

in der Enge oder in Wollishofen und in Leimbachen

362

:

leiden darunter. Und ich plädiere eher dafür, aus 

diesen Gründen, finanziell und mit den Leuten,

363

:

die wir dafür brauchen, entscheiden wir 

uns für einen Kirchenstandort in jedem

364

:

Quartier und dann spielt es keine Rolle, 

ob das die römisch-katholische ist, die

365

:

methodistische oder die evangelisch-reformierte.

Der Standort, wo sich für das Quartier am besten

366

:

eignet. Und dort arbeiten wir gemeinsam, wie 

das dann ausgestaltet wird, ob man konfessionell

367

:

geprägte Gottesdienste im selben Haus dann feiert, 

an unterschiedlichen Zeiten oder miteinander. Das

368

:

ist alles dann eine Sache, wie das in diesem 

Quartier sein wird, soll mit den Menschen,

369

:

die dort leben, diskutiert werden. Es geht ja für 

uns immer darum, nahe bei den Menschen zu sein und

370

:

die Bedürfnisse, Schwierigkeiten oder Sorgen der 

Menschen in den unterschiedlichen Quartieren der

371

:

Stadt Zürich, die sind unterschiedlich, 

und da sind wir noch ziemlich weit weg.

372

:Sandra Leis [:

Das würde aber heißen,

373

:

aus der Not geboren, ein Stück weit. Diese 

Quartierkirche, wie Sie sagen. Und gleichwohl

374

:

könnte man ja auch sagen, Christus hat ja 

immer gesagt, man solle sich nicht trennen,

375

:

es soll keine Spaltung geben. Das wäre ja 

eigentlich ein urchristliches Anliegen.

376

:Thomas Münch [:

Das ist ein spannendes Wort,

377

:

das aus der Not geboren ist. Ist der Wunsch 

nach Religiosität nicht oft aus der Not geboren?

378

:

Ist die Funktion der Religion nicht, dass wir 

in unseren schwierigen Lebenssituationen spüren

379

:

dürfen, wir sind nicht allein? 

Natürlich brauchen wir Menschen,

380

:

mit denen wir unterwegs sind. Aber 

vielleicht reicht das manchmal nicht.

381

:

Religionswissenschaftlich könnte man sagen, das 

ist wahrscheinlich der Grund der Religion. Und

382

:

dann wäre aus der Not geboren eher eine positive 

Herausforderung, einen neuen Schritt zu gehen.

383

:Sandra Leis [:

Zum Schluss auf den Punkt gebracht,

384

:

was ist Ihre Zukunftsvision 

für die Kirchen in der Schweiz?

385

:Thomas Münch [:

Also mir wäre am allerliebsten,

386

:

wenn wir nicht mehr von den Kirchen sprechen 

müssten, sondern ich träume von einer Kirche.

387

:

Von einer Kirche als Gebäude mir vorstellend, 

die dann unterschiedliche Prägungen hat und die

388

:

Menschen fasziniert mit dem, dass eben diese 

unterschiedlichen Prägungen miteinander sich

389

:

einsetzen für die Menschen, die am Rande stehen 

und für die, die in Not sind oder was auch immer,

390

:

oder die Menschen, die ihre Freuden teilen 

wollen. Das wäre für mich, oder meine Vision,

391

:

eine Kirche als Gebäude und natürlich dann 

irgendwann einmal als theologische Konstruktion.

392

:Sandra Leis [:

Thomas Münch, vielen Dank

393

:

für Ihr großes Engagement, den Blick 

hinter die Kulissen und alles Gute

394

:

für den neuen Lebensabschnitt, der 

dann ab September auf Sie zukommt.

395

:Thomas Münch [:

Vielen Dank, Frau Leis.

396

:Sandra Leis [:

Das ist die 72. Folge des

397

:

Podcasts «Laut + Leis». Zu Gast war Thomas 

Münch. Der katholische Theologe engagierte

398

:

sich ein Berufsleben lang für die Ökumene. Über 

Feedback freuen wir uns: Schreibt gerne per Mail

399

:

an podcast@kath.ch oder per WhatsApp auf die 

Nummer 078 251 67 83. Und: Abonniert den Podcast

400

:

und bewertet ihn positiv, wenn er euch gefällt.

Gast in der nächsten Folge von «Laut + Leis»

401

:

ist Rita Famos. Die oberste Reformierte 

der Schweiz ist Herausgeberin des Buches

402

:

«Leadership. Weibliche Perspektiven». Darin 

erzählen 18 Frauen aus Kirche, Wirtschaft,

403

:

Politik und Medizin von ihrem Werdegang und 

ihren Erfahrungen in Leitungspositionen. Und:

404

:

Sie fragen: Was macht gute Führung aus, 

und was braucht die nächste Generation?

405

:

Diese Podcastfolge erscheint am 10. Juli – bis 

dahin, und bleibt laut und manchmal auch leise.

Thomas Münch, katholischer Theologe und Ökumeniker | © Sandra Leis
19. Juni 2026 | 05:30
Lesezeit : ca. 20  Min.
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