Ruth-Gaby Vermot: «Ich bin eine Friedensarbeiterin»
Sie hat die Organisation Peace Women Across the Globe vor zwanzig Jahren gegründet und bis vor kurzem präsidiert. Im Podcast «Laut + Leis» spricht die alt Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot über ihr Leben und Wirken und erklärt, wo die Friedensarbeit der Frauen in den gegenwärtigen Kriegen geblieben ist.
Sandra Leis
Am Anfang stand die Idee, 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis zu nominieren. «Ich bin zurückgekommen aus einem Flüchtlingscamp, war wütend über die Kriegszustände und gleichzeitig erfüllt von der unglaublichen Sorgearbeit der Frauen, von der niemand spricht», erzählt Ruth-Gaby Vermot.
Sie redet von Trümmerfrauen, denn der Begriff aus dem Zweiten Weltkrieg habe bis heute Gültigkeit. «Die Welt würde zerbrechen, gäbe es diese Frauen nicht, die diese unsichtbare Arbeit bis heute leisten.» Mit dem Friedensnobelpreis wollten Vermot und ihre Mitstreiterinnen das Scheinwerferlicht auf diese Frauen lenken.
Das ist geglückt. Ihre Arbeit, ihre Netzwerke und Geschichten sind im Film «1000 Frauen und ein Traum» sowie im Buch «1000 PeaceWomen Across the Globe» dokumentiert, und das Medienecho war gross. Den Friedensnobelpreis haben die Frauen aus rund 160 Ländern zwar nicht erhalten. Doch die Organisation mit Sitz in Bern lebt und arbeitet bis heute weiter.
Höchststand an Konflikten
Trotzdem haben die bewaffneten Konflikte jetzt einen weltweiten Höchststand erreicht. Es sind über sechzig. Diese Zahl hat sich seit 2010 verdoppelt. Das ist beängstigend, und damit hat auch Vermot nie gerechnet. «Ich war immer für Friedensfragen unterwegs. Mich interessiert Frieden, nicht Krieg.»
Das Hauptanliegen von Peace Women Across the Globe sei es, gemeinsam mit Partnerorganisationen Friedensprozesse in Gang zu bringen und dabei insbesondere die Rolle der Frauen zu stärken. «Sie müssen aktiv am Verhandlungstisch mitreden, sonst werden ihre Anliegen nie berücksichtigt.»
Das hat bereits die Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrates aus dem Jahr 2000 verlangt. Sie gilt als Meilenstein, doch umgesetzt ist die Forderung bis heute nicht. «Für uns ist die Resolution wichtig, aber sie hat einen grundlegenden Fehler: Es gibt kein Geld für Friedensarbeit», so Vermot.
Daran scheitere viel. «Wenn wir ständig von Finanzgeber zu Finanzgeberin rennen müssen, wird unglaublich viel Zeit absorbiert, die uns dann bei den Vorbereitungen von Friedensprozessen fehlt.» Trotzdem stecken die Friedensfrauen den Kopf nicht in den Sand.
«Frieden war ein Unwort in der Ukraine»
Auch nicht in der Ukraine, wo Aggressor Wladimir Putin sämtliche Friedensverhandlungen torpediert. Zunächst habe Peace Women Across the Globe Treffen unterstützt, damit sich die Ukrainerinnen überhaupt austauschen können, sagt Vermot. «Sie haben das Wort Frieden lange vermieden. Frieden war ein Unwort in der Ukraine.»
Heute habe sich das wirklich geändert, «die Frauen reden über Frieden». Es gebe auch Annäherungen an Russinnen, doch mehr könne und dürfe sie dazu im Moment nicht sagen. «Krieg ist laut und unglaublich brutal. Friedensarbeit ist leise und passiert in kleinen Schritten hinter den Kulissen.»
Ehemann war katholischer Priester
Für Aufsehen sorgte Ruth-Gaby Vermot 2018: Sie trat zusammen mit fünf anderen prominenten Schweizerinnen (z.B. Theologin Doris Strahm) aus der römisch-katholischen Kirche aus. Das Fass zum Überlaufen gebracht hat eine Äusserung von Papst Franziskus, dass Abtreibung Auftragsmord sei.
Das Verhältnis zur Kirche war schon länger angespannt: «Mein Mann war Priester, und es war eine grausame Erfahrung, wie er von der Kirche behandelt wurde. Das hat ihn ein Leben lang geprägt und war für uns eine sehr schwierige Situation.»
Die Rolle von Papst Leo XIV.
Gleichwohl hofft sie auf das Verhandlungsgeschick von Papst Leo XIV.: «Ich wünsche mir, dass er noch lauter und deutlicher wird und sich dem Frieden wirklich verschreibt. Das wäre eine unglaubliche Hilfe.»
Dringend nötig wäre beispielsweise im Ukraine-Krieg, dass der Papst das Gespräch mit dem russischen Patriarchen Kyrill I. suche. «Das wäre ein mutiger Schritt, und den müsste er jetzt in die Wege leiten.»
Ob Papst Leo Wert darauflegt, dass Frauen bei seinen Friedensgesprächen mit von der Partie sind, weiss auch Vermot nicht. Doch sie sagt: «Das muss er machen, sonst ist der Friede wieder nur ein männlicher Friede, und der ist ausgrenzend.»
Der Weg in die Politik
Ruth-Gaby Vermot, 1941 geboren und in Solothurn in einer grossen Taglöhnerfamilie aufgewachsen, weiss, was es heisst, wenn jeder Rappen umgedreht werden muss. Dank einer geradezu märchenhaften Fügung darf sie aufs Gymnasium. Danach studiert sie Ethnologie und Soziologie und schliesst mit dem Doktorat ab.
Schliesslich gründet sie eine Familie und arbeitet zehn Jahre lang in Afrika in Projekten für die Organisation Alliance Sud, die damals noch anders hiess. Irgendwann habe sie gemerkt: «Das passt nicht mehr in mein Leben. Ich will Politik machen.»
Als Migrationspolitikerin Elend gesehen
Zusammen mit ihrer Familie kehrt sie in die Schweiz zurück, tritt in die Sozialdemokratische Partei ein, wird Stadträtin der Stadt Bern, dann Grossrätin des Kantons Bern und schliesslich National- und Europarätin.
Als Migrationspolitikerin hat sie Flüchtlingslager besucht in Armenien und Aserbaidschan, in Georgien und Tschetschenien und immer wieder ähnliche Bilder gesehen: «Das war das pure Elend, und ich habe erlebt, wer anpackt: Es waren die Frauen. Sie haben die Kinder unterrichtet, die Alten gepflegt, Gemüse angepflanzt und nach Verschwundenen gesucht.»
Die Männer hingegen habe das Elend antriebslos gemacht, sagt Vermot. Ist das nicht etwas allzu schwarzweiss gezeichnet? Darauf antwortet sie im Podcast «Laut + Leis»: «Es war immer schwarzweiss. Die Frauen wussten, was sie in den Camps brauchten, und konnten das klar formulieren.»
Im März ist Ruth-Gaby Vermot 85 geworden: Das Präsidium von Peace Women Across the Globe hat sie jetzt abgegeben, doch andere Aufgaben warten bereits auf sie. «Ich bin eine Friedensarbeiterin und habe noch Energie.»
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