An sechs Stationen gibt es Interviews mit Klosterfrauen, einer Eremitin und einer "mobilen Inklusin".
Schweiz

«Frech, witzig, selbstbestimmt» – Kulturmuseum St. Gallen zeigt Klosterfrauen von heute

Kapuzinerinnen, Benediktinerinnen und Eremitinnen leben zurückgezogen. Eine Ausstellung in St. Gallen ermöglicht nun im Wiborada-Jubiläumsjahr, solchen Frauen – darunter Schwester Scolastica Schwizer – in Interviews zu begegnen. Zu sehen sind auch selten gezeigte Gegenstände mit Bezug zur heiligen Wiborada und weitere Objekte aus Frauenklöstern.

Barbara Ludwig

Am 2. Mai feiert St. Gallen den 1100. Todestag der Inklusin Wiborada. Das Jubiläum sei Ausgangspunkt der neuen Ausstellung des Kulturmuseums St. Gallen mit dem Titel «Zurückgezogen zugewandt. Klosterfrauen heute», sagt Kuratorin Monika Mähr bei einem Rundgang für die Medien. Wiborada habe als «Bewahrerin der Stadt» eine grosse Bedeutung.

In einer Vision sah Wiborada, die eingeschlossen in einer Zelle lebte, im Jahr 926 den Einfall der Ungarn in St. Gallen voraus. Dank ihrer Warnung konnten die Mönche des Klosters St. Gallen ihre Bibliothek rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die Inklusin hingegen wurde erschlagen. «Wiborada ist neben Otmar und Gallus die dritte Stadtheilige von St. Gallen und die erste Frau weltweit, die heiliggesprochen wurde», sagt Monika Mähr.

Wiborada-Löffel und Holztisch

In der Ausstellung werden mehrere Gegenstände mit Bezug zur Inklusin gezeigt, «einmalige Leihgaben», die man sonst nie zu sehen bekomme. Zum Beispiel den Wiborada-Löffel. An Gedenkfeiern zum Todestag der Heiligen diente er in einem St. Galler Frauenkloster ab dem 18. Jahrhundert zum Ausgeben von gesegnetem Wiborada-Wein aus einer Silberschale. Der Segen sollte vor «Malefiz- und Dämoniewerk» schützen und die Gläubigen stärken und erleuchten.

Zu den verehrten Gegenständen aus dem Wiborada-Kult zählt ein niedriger Holztisch sowie ein Schemel oder eine Kniebank.
Zu den verehrten Gegenständen aus dem Wiborada-Kult zählt ein niedriger Holztisch sowie ein Schemel oder eine Kniebank.

Zu sehen ist auch ein kleiner, niedriger Holztisch, der im Gedenken an Wiborada verehrt wurde. Der Tisch sei zwar nicht von Wiborada benutzt worden, stamme aber immerhin aus der Zeit der Heiligsprechung, sagt die Kuratorin. Das war 1047, 121 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod.

Worauf verzichten?

Der Tischchen und ein dazugehöriger Schemel jüngeren Datums stehen neben einer nachgebauten Zelle, die im Gegensatz zu Wiboradas damaliger Zelle auf alle Seiten hin offen ist. Besucherinnen und Besucher sollen darin «nachspüren können, wie es ist, auf so wenigen Quadratmetern zu leben», erklärt Monika Mähr.

«Es soll sie auch anregen, darüber nachzudenken, worauf sie verzichten könnten.» So wie Wiborada, die aus einer adligen Familie stammend, auf schöne Kleider, üppiges Essen oder das Pferd als Transportmittel verzichtet habe. Eine Leihgabe des Klosters St. Gallenberg (Glattburg) ist ein Brustreliquiar mit Überresten des Gewandes von Wiborada.

Brustreliquiar der heiligen Wiborada mit Überresten ihres Gewandes, entstanden zwischen 1305 und 1405
Brustreliquiar der heiligen Wiborada mit Überresten ihres Gewandes, entstanden zwischen 1305 und 1405

Bogen von Wiborada in die Gegenwart

Die Ausstellung bleibt aber nicht bei der bedeutenden Frau aus dem Frühmittelalter stehen. Man sei neugierig gewesen zu erfahren, welche Frauen heute noch ein zurückgezogenes Leben führen, so die Kuratorin. Sei es in einem Kloster, als Eremitin oder als «mobile Inklusin». «Wir schlagen einen Bogen von Wiborada in die Gegenwart und lassen solche Frauen in Interviews zu Wort kommen.»

Im gehaltenen Ausstellungsraum sind sechs Stationen verteilt, wo Besucherinnen und Besucher ab Samstag den Frauen begegnen können. Es sind vier Ordensfrauen aus Ostschweizer Klöstern, eine Eremitin und eine Frau, die sich für eine Woche in einer nachgebauten Wiborada-Zelle bei der St. Galler Kirche St. Mangen einschliessen liess.

Zu den interviewten Klosterfrauen zählt die Kapuzinerin Scolastica Schwizer, über die Medien wegen ihres Kampfs um den Verbleib im Kloster Wonnenstein während Jahren immer wieder berichteten. Zum Zeitpunkt des Treffens mit der Historikerin Judith Thoma vom Kulturmuseum befand sie sich noch im Kloster Wonnestein, das sie unterdessen verlassen hat.

Offenheit der Frauen überrascht

Fünf der sechs Frauen sind nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen, und zwar in ihrem jeweiligen Zuhause bzw. in der nachgebauten Wiborada-Zelle, wo sie von Judith Thoma besucht wurden. Sie sei, so berichtet die Museumsmitarbeiterin, mit «grosser Vorsicht» auf die Frauen zugegangen und habe ihnen versichert, keine indiskreten Fragen zu stellen.

Und die Frauen haben sie offenbar völlig überrascht: Sie seien in den Gesprächen sehr offen gewesen. «Ich stellte fest: Die Klosterfrauen sind frech, witzig und total glücklich», sagt Judith Thoma und strahlt übers ganze Gesicht.

Kuratorin Monika Mähr (links) und Historikerin Judith Thoma, Kulturmuseum St. Gallen
Kuratorin Monika Mähr (links) und Historikerin Judith Thoma, Kulturmuseum St. Gallen

Die Offenheit der Klosterfrauen hat auch die Kuratorin überrascht. Sie habe zudem festgestellt, dass sich das Leben im Kloster im Vergleich mit der Vergangenheit gewandelt habe, sagt Monika Mähr. Heute hätten auch Ordensleute Ferien, auch eine Ausbildung an einer Universität ist möglich. Und mit den Kleidervorschriften nehme man es lockerer. «Schwester Maria Rita zum Beispiel trägt Hosen, wenn sie wandern geht.»

«Selbstbestimmt und weltzugewandt»

Die Klosterfrauen seien heute «sehr selbstbestimmt», sagt Mähr. Und «weltzugewandt» wie die heilige Wiborada, die auch als Inklusin ein offenes Ohr für die Menschen hatte und als Ratgeberin wirkte.

Heutige Klöster hätten ein «Online-Klagefenster», wo Menschen ihre Sorgen mitteilen könnten, ergänzt Judith Thoma. Es stelle sich die Frage, wieso das nötig sei, es gebe doch heute so viele andere Stellen, wo man Hilfe und Rat holen können, etwa Psychologen. Die Klosterfrauen hätten ihr gesagt: «Wir urteilen nicht.» Viele Menschen, auch solche, die aus der Kirche ausgetreten sind, oder Drogenkranke würden sich an die Klöster wenden.

«Wir dokumentieren mit dieser Ausstellung auch eine verschwindende Welt.»

Judith Thoma und Monika Mähr berichten mit Begeisterung von den Begegnungen und Kontakten mit den Klosterfrauen. Die Klosterwelt fasziniert die beiden Museumsfrauen. Das ist deutlich spürbar bei dem Rundgang durch die Ausstellung mit zahlreichen Objekten, die vom Leben in Klöstern in Vergangenheit und Gegenwart und von ihrem reichen kulturellen Erbe zeugen.

Der Bildteppich zum Marienleben zeugt vom Selbstbewusstsein der Äbtissin, die ihn im 17. Jahrhundert in Auftrag gegeben hat.
Der Bildteppich zum Marienleben zeugt vom Selbstbewusstsein der Äbtissin, die ihn im 17. Jahrhundert in Auftrag gegeben hat.

Doch die Klöster sterben, weil zu wenig Junge nachrücken, wie eine Journalistin bemerkt. Monika Mähr bestätigt dies und meint bedauernd: «Wir dokumentieren mit dieser Ausstellung auch eine verschwindende Welt.»

Die Ausstellung «Zurückgezogen zugewandt. Klosterfrauen heute» kann vom Samstag, 25. April, bis 4. Oktober 2026 im Kulturmuseum St. Gallen besucht werden. Die Vernissage findet am Freitag, 24. April, um 18.30 Uhr statt. Dort spricht unter anderem die St. Galler Theologin Hildegard Aepli.

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An sechs Stationen gibt es Interviews mit Klosterfrauen, einer Eremitin und einer «mobilen Inklusin». | © Kulturmuseum St. Gallen
23. April 2026 | 17:00
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