Seelsorger initiiert Mahnmal für Flucht-Opfer: «Kirche muss Sprachrohr für Flüchtlinge sein»
Auf dem St. Galler Friedhof Feldli errichten Engagierte verschiedener Glaubensgemeinschaften am 11. Juni ein Mahnmal für die vielen Menschen, die auf der Flucht nach Europa umkamen. Treibende Kraft dahinter ist der katholische Seelsorger Chika Uzor, der bei der Aktion «Beim Namen nennen» aktiv ist. Er hat als Kind in Nigeria Flucht erlebt.
Regula Pfeifer
Chika Uzor hat die Aktion «Beim Namen nennen» zwar nicht erfunden. Der Migrationsseelsorger von Katholisch St. Gallen hat sie 2019 beim reformierten Pfarrer Andreas Nufer kennengelernt, der an der Offenen Kirche Bern wirkte. «Dank seinen Hinweisen fand ich: Eine solche Aktion könnten wir auch in St. Gallen machen», sagt er im Gespräch mit kath.ch.
Aktion am Flüchtlingssonntag
Die Aktion «Beim Namen nennen» erinnert jeweils am Flüchtlingssonntag an jene Menschen, die bei der Flucht nach Europa ums Leben gekommen sind. «Herzstück der Aktion sind das Schreiben und Lesen von Namen jener Menschen», sagt Chika Uzor.
Die erste St. Galler Aktion «Beim Namen nennen» plante der katholische Seelsorger in der Coronazeit. 2021 fand sie erstmals in und um die reformierte Stadtkirche St. Laurenzen statt – wenige Schritte von der Kathedrale entfernt.
«Wir haben von Anfang an zusammen diese Aktion geplant, um sie wirklich ökumenisch aufzugleisen», schreibt die reformierte Pfarrerin von St. Gallen-Tablat, Birke Müller, auf Anfrage. Sie ist zu 20 Prozent für Flüchtlings- und Migrationsseelsorge beauftragt. Die Kirche St. Laurenzen hätten sie wegen ihrer zentrale Lage und guten Sichtbarkeit gewählt. An der Kathedrale hätten sie hingegen keine Gestelle mit den Namensfähnchen aufstellen können.
«Wenn man sie anschaut, merkt man, um wie viele Menschenleben es geht.»
Freiwillige aus Kirche, Schule und Vereinen sowie Familien und Privatpersonen, schrieben auf Stoffstreifen die Namen von auf der Flucht Verstorbenen. Diese wurden an Schnüren an der Kirchenfassade aufgehängt. «Wenn man sie anschaut, merkt man, um wie viele Menschenleben es geht», sagt der Migrationsseelsorger Chika Uzor.
«Die Streifen stehen symbolisch für Grabsteine für diese Menschen, die meist nirgends beerdigt sind.» Mehr als 50’000 Namen und ihre Schicksale sind in St. Gallen seit 2021 auf Streifen notiert worden – ein engagierter Versuch, sie vor dem Vergessen zu bewahren.
Uzor kennt Engagierte in Mittelmeerländern, die sich bemühen, vom Meer angeschwemmte Tote zu identifizieren – etwa die Mailänder Professorin Cristina Cattaneo, von denen der Dokumentarfilm #387 erzählt. Damit könnten die Angehörigen kontaktiert werden. «Das gibt ihnen die Möglichkeit, um ihre Lieben zu trauern.»
Die Aktion von 2021 in St. Gallen bezeichnet der Migrationsseelsorger als gelungen: «Die Menschen waren betroffen und interessiert.» Sie wurde zweimal wiederholt und interreligiös. Neben der katholischen und der evangelisch-reformierten Kirche engagierten sich auch ein Zen-Zentrum und eine muslimische Gemeinschaft.
Kaputte Namensstreifen
2024 aber war frühmorgens ein Teil der Streifen-Installation an der Kirche St. Laurenzen beschädigt. Fast ein Drittel der Streifen konnten nicht mehr gerettet werden, heisst es in einer Mitteilung von Katholisch St. Gallen. «Wir konnten die Stoffstreifen nicht einfach entsorgen», sagt der Seelsorger. Immerhin standen sie für verstorbene Menschen.
«Die Idee von einem Ort des Erinnerns fand grossen Einklang in unserem Organisationskomitee», so Uzor. Er kontaktierte die Stadt St. Gallen und erhielt einen Platz auf dem Friedhof Feldli angeboten. Bald wurde klar, dass der Ort des Erinnerns gestaltet werden sollte.
Syrisch-palästinensicher Künstler gestaltet Mahnmal
Die an der Aktion Beteiligten gründeten eine Arbeitsgruppe. Diese besteht neben Chika Uzor als Koordinator auch aus zwei evangelisch-reformierten Pfarrpersonen, der Leiterin des Zen-Zentrums im Grünen Ring und einem Systemischen Coach. Gemeinsam entwickelten sie die Idee eines Mahnmals. Ein solches sollte von einem kunstschaffenden Menschen oder Kollektiv mit eigener Fluchterfahrung kreiert werden.
Auf die Ausschreibung meldeten sich 15 Kunstschaffende. Die Wahl fiel auf Ahmad Al Rayyan, einen syrisch-palästinensischen Künstler, der in St. Gallen lebt. Er sei in einem Flüchtlingslager im Libanon geboren und aufgewachsen und erfülle also die Bedingung, weiss Uzor. Ein Grossteil der Kosten übernehmen lokale Kirchen und Stiftungen. Rund 5000 Franken fehlen aber zur Umsetzung. Die Organisatoren bitten um Spenden.
Flucht im Biafrakrieg
Chika Uzor weiss, wie sich ein Flüchtlingsschicksal anfühlt. Er war Kind, als seine Familie während dem Biafrakrieg in Nigeria flüchten musste. «Das war eine Ausnahmesituation, wir mussten fluchtartig von unserem Dorf weg und hatten kaum Zeit, das Wichtigste mitzunehmen», sagt er. Immerhin seien sie Binnenvertriebene gewesen, konnten sich also am neuen Ort verständigen. Und später wieder nach Hause zurückkehren, erzählt er. «Aber wir hatten Verwandte, die auf der Flucht oder im Flüchtlingscamp starben.»
Nach Europa kam er Jahre später, um zu studieren. Und er entschied, in der Schweiz zu leben. Heute kümmert er sich als Flüchtlings- und Migrationsseelsorger der katholischen Kirche St. Gallen unter anderem um geflüchtete Menschen. Dabei hat er einige kennen gelernt, die auf ihrem Weg nach Europa Kolleginnen oder Kollegen oder Angehörige verloren haben. «Viele sind traumatisiert, sprechen kaum über ihre Erlebnisse. Und manche haben Schlafprobleme.»
Der Seelsorger zeigt sich überzeugt: Die Kirche darf bei Schutzbedürftigen nicht wegschauen. «Sie muss aktiver, proaktiver auftreten – und sich für Schutzbedürftige einsetzen und ihr Sprachrohr sein.»
Kirchenasyl als ziviler Ungehorsam
Deshalb engagierten sich er und weitere Theologinnen und Theologen im Netzwerk Migrationscharta – darunter auch Pfarrerin Birke Müller. Das Netzwerk wolle das Bewusstsein schärfen, dass es bibel-theologische Imperative für das Einstehen für geflüchtete und asylsuchende Menschen gebe, sagt Uzor. Das Kirchenasyl hat in seinen Augen eine Berechtigung. «Das ist ziviler Ungehorsam. Der zielt darauf ab, den Staat an seine Schutzaufgabe für die Menschen in seinem Gebiet zu erinnern.»
«Die christliche, islamische und jüdische Religion haben alle Flucht und Migration im Kern ihrer Entstehung», sagt Uzor und erklärt: «Ohne die Flucht von Jesus nach Ägypten wäre das Christentum nicht entstanden, denn Jesus hätte nicht überlebt.» Deshalb wüssten die Religionsgemeinschaften, was es bedeute, Menschen Schutz zu geben.
Am 11. Juni, 18 Uhr, wird auf dem St. Galler Friedhof Feldli das Mahnmal eingeweiht. Am 20. und 21. Juni findet in und um die Kirche St. Laurenzen erneut die Aktion «Beim Namen nennen» statt – mit aufgehängten Namensstreifen und einer 24-stündigen Lesung der Namen Verstorbener. Erstmals sind diesmal auch in der Kathedrale St. Gallen Namensstreifen aufgehängt.
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