Die christliche Reisegruppe auf dem Friedhof von Bihac, rechts Nicola Neider
Schweiz

Nicola Neider: «Am schlimmsten war, den Flüchtlingsfriedhof zu sehen»

Die katholische Theologin Nicola Neider engagiert sich seit Jahren für Geflüchtete in der Schweiz. Letzten Freitag ist sie von einer Reise in den Balkan zurückgekehrt. Sie erfuhr im Gespräch von namenlosen Verstorbenen, Rückweisungen an der Grenze und traf Ausgewiesene aus der Schweiz.

Regula Pfeifer

Ein kurzes Fazit zuerst: Hat sich Ihre Reise in den Balkan gelohnt?

Nicola Neider: Unsere Reise nach Kroatien und Bosnien hat sich auf jeden Fall gelohnt. Es hat uns alle sehr betroffen, wie schwierig die Situation von geflüchteten Menschen an der EU-Aussengrenze, aber auch in Kroatien selbst ist. Uns hat das grosse Engagement von kleinen NGOs beeindruckt, die alles tun, um geflüchteten Menschen sowohl im Grenzgebiet als auch in Sarajevo und in Zagreb zu helfen. Und uns wurde deutlich vor Augen geführt, dass die sogenannte Festung Europa es schafft, Menschen, die nach Schutz suchen, ins Abseits zu drängen. Es hat uns auch hier zu denken gegeben, wie wenig selbstverständlich es für viele Geflüchtete ist, gleichberechtigt, wertgeschätzte Gesprächspartner*innen zu sein und wie viel es ihnen bedeutet, Ansehen auch in ihrer Situation zu bekommen.

«Mich hat sehr traurig gemacht, was sechs Männer im Grenzgebiet von Bihac erzählten.»

Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis?

Kranzniederlegung für die namenlosen verstorbenen Flüchtlinge
Kranzniederlegung für die namenlosen verstorbenen Flüchtlinge

Neider: Mich hat es sehr traurig gemacht, an der bosnisch-kroatischen Grenze in der Nähe von Bihac mit sechs Männern aus verschiedenen Ländern zu sprechen, die bereits bis zu 16 Mal versucht haben, nach Kroatien zu gelangen und immer wieder zurückgedrängt wurden, ohne überhaupt die Möglichkeit zu erhalten, um Schutz zu bitten. Am schlimmsten war es, auf dem Friedhof von Bihac den Flüchtlingsfriedhof zu sehen. Lokale Engagierte der Organisation SOS Balkanroute haben dort Menschen begraben, die im Grenzgebiet zur Kroatien tot aufgefunden wurden – gestorben und liegen gelassen. Menschen, die namenlos begraben wurden – um ihnen überhaupt eine Grabstätte zu geben. Wir konnten dort im Namen unserer gemeinsamen Aktion «Beim Namen nennen» in Solidarität mit allen Geflüchteten einen Kranz ablegen.

Ich fand es auch sehr bewegend, dass die Engagierten in den NGOs so um das Bestehen ihrer Initiativen kämpfen müssen. Das ist auch eine Folge der globalen Situation und der europäischen, auch deutschen Politik. Viele bangen um ihre Existenz, da sie kaum noch Spenden erhalten.

«Das Schicksal einer jungen Frau aus Kurdistan hat mich betroffen gemacht.»

Haben Sie Geflüchtete getroffen, die versucht haben, in der Schweiz Asyl zu erhalten?

Neider: Mich hat persönlich besonders das Schicksal einer jungen Frau aus Kurdistan betroffen gemacht: Sie wurde aus der Schweiz nach Kroatien ausgeschafft, obwohl ihr Partner, der in der Schweiz mit einer B-Bewilligung lebt und arbeitet, dabei war eine Heiratsbewilligung einzuholen. Ich fragte mich: Warum müssen die verantwortlichen Behörden diese junge Frau gewaltsam nach Kroatien ausschaffen, wo sie doch in der Schweiz mit ihrem Mann eine gute Perspektive hätte und sie kurz davor waren zu heiraten? Sie versucht nun auf sehr komplizierte Art und Weise von Kroatien aus eine Bewilligung zu erhalten, um ihren Partner – mit welchem sie religiös bereits lange verheiratet ist – zu heiraten.

Die christlichen Reisenden sprachen direkt mit Geflüchteten
Die christlichen Reisenden sprachen direkt mit Geflüchteten

Gaben Ihnen auch andere Geflüchtete Auskunft?

Neider: Wir haben sowohl mit Geflüchteten in Zagreb als auch in Kutina lange Gespräche geführt. Darunter waren Familien und Einzelpersonen, die beispielsweise aus Schweden, Norwegen, Österreich und Deutschland ausgeschafft wurden. Einige von ihnen wollen nun in Kroatien bleiben, vor allem Einzelpersonen, die es schaffen eine Arbeit zu finden. Die Familien und vulnerable Personen wollen aber wieder zurück in diese Länder, da sie dort in der Regel bereits Familie haben. Eine Mutter mit mehreren Kindern kann es auch nicht schaffen, eine Arbeit zu erhalten.

«Kroatien ist und bleibt ein Transitland, und das macht es für alle Beteiligten sehr schwierig.»

Was haben Sie von NGOs erfahren über die Situation der Geflüchteten?

Neider: Die NGOs beklagen die schwierige Situation von Geflüchteten in Kroatien und in Bosnien. In Kroatien sind im ganzen vergangenen Jahr 26’000 Personen eingereist. Und im selben Zeitraum wurden nur 45 Asylgesuche positiv beantwortet. Kroatien ist und bleibt ein Transitland, und das macht es für alle Beteiligten sehr schwierig. In den beiden Zentren in Zagreb und Kutina hielten sich zum Zeitpunkt unseres Besuches deutlich weniger Personen auf als vor zwei Jahren. Das liegt daran, dass immer mehr Menschen einfach durch Kroatien durchreisen und dann nach Italien, Österreich, Deutschland, Schweiz, Holland, Frankreich, Grossbritannien weiterreisen. In Kutina sagte man uns, dass die Personen, die aus der Schweiz ausgeschafft werden und in Kutina ankommen, meist schon nach zwei Tagen wieder gehen.

Haben Sie in Bihac ein Push-back miterlebt?

Neider: Nein, das wäre natürlich auch gar nicht möglich. Aber wir haben mit den schon erwähnten sechs Männern gesprochen, die sich gerade in den nächsten Tagen wieder auf das sogenannte Game begeben wollten – die Überquerung der Grenze bei Bihac.

Im Gespräch mit einer NGO, die sich für die Versorgung von Flüchtlingen einsetzt.
Im Gespräch mit einer NGO, die sich für die Versorgung von Flüchtlingen einsetzt.

Nach Ihrer Reise von 2023 haben Sie eine Überforderung und systemische Mängel im Asylwesen Kroatiens kritisiert. Was haben Sie auf dieser Reise festgestellt?

Neider: Wir konnten in diesem Jahr nicht selber in die Zentren gehen, da wir dafür keine Bewilligung erhielten. Wir haben aber mit Menschen gesprochen, die dort wohnen. Die Situation wird unterschiedlich beschrieben. Sicher ist, dass die Beteiligten sich grosse Mühe geben.

«Vor allem im Zentrum Kutina wurde über mangelnde hygienische Verhältnisse geklagt.»

Aber durchgängig wird vor allem im Zentrum Kutina über mangelnde hygienische Verhältnisse geklagt, unter denen vor allem die Kinder leiden – etwa unter Bettwanzen, Kakerlaken, Krätze und anderen Hautkrankheiten. Es kommt nur einmal pro Woche ein Arzt ins Zentrum, die Pflegefachperson ist ansonsten alleine und es gibt auch nur die einfachsten Medikamente. Bei komplexeren Erkrankungen mangelt es an der adäquaten medizinischen Versorgung.

Die christliche Reisegruppe unterwegs in Sarajevo
Die christliche Reisegruppe unterwegs in Sarajevo

Was machen Sie mit Ihren neuen Erkenntnissen?

Neider: Wir sind dabei, einen detaillierten Bericht zu erstellen und werden dafür auch noch weitere Gespräche mit NGOs führen und die entsprechenden Statistiken recherchieren. Wir werden diese den Medien zustellen und hoffen auf eine breite Resonanz. Wir erhoffen uns auch eine Resonanz seitens unserer Kirchenleitungen, um gemeinsam auf die in der Schweiz zuständigen Behörden einzuwirken, zumindest die Ausschaffung von vulnerablen Personen nach Kroatien zu unterlassen. Ausserdem möchten wir auch versuchen, Spendenmittel für die erwähnten NGOs zu generieren.

«Die Ängste kann ich den Menschen im Bundesasylzentrum Glaubenberg wohl leider nicht nehmen.»

Wie werden Sie nun mit den Ängsten der Menschen im Bundesasylzentrum Glaubenberg umgehen, die sich vor einer Rücküberführung in den Balkan fürchten?

Neider: Das ist sehr schwer zu beantworten, da sich jede Person in einer individuell immer unterschiedlichen Situation befindet. Ich kann ihnen von meinen Eindrücken berichten und ihnen wichtige Informationen geben. Die Ängste kann ich ihnen aber wohl leider nicht nehmen. Die verantwortlichen Behörden haben im vergangenen Jahr 320 Personen nach Kroatien ausgeschafft, die wenigsten von ihnen möchten in Kroatien bleiben, die meisten kehren wieder zurück oder versuchen es in einem anderen EU-Land.

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Christliche Reisegruppe aus der Schweiz

Fünf kirchlich engagierte Christinnen und Christen haben vor kurzem mehrere Orte in Kroatien und Bosnien-Herzegowina bereist, um sich über die Situation von geflüchteten Menschen zu informieren – insbesondere von jenen, die aus der Schweiz ausgewiesen wurden, wie Nicola Neider im Gespräch mit kath.ch berichtet (s. oben). An der Reise beteiligte sie sich als einzige Katholikin und als Leiterin Fachbereich Migration&Integration der katholischen Kirche Stadt Luzern.

Von reformierter Seite gingen die Pfarrerin Verena Mühlethaler und die Sozialdiakonin Benigna Wäffler von der Citykirche Offener St. Jakob in Zürich mit, zudem der Pfarrer und Theologische Leiter des Klosters Kappel am Albis Andreas Nufer sowie Susanne Karmeier, Pfarrerin an der evangelischen Stadtkirche St. Reinoldi im deutschen Dortmund. Alle sind laut Neider in der Aktion «Beim Namen nennen» engagiert, die Schweizer Reisenden zudem im Netzwerk migrationscharta.ch. (rp)


Die christliche Reisegruppe auf dem Friedhof von Bihac, rechts Nicola Neider | © zVg
21. August 2025 | 12:00
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