Niklaus Brantschen: «Ich bin mehr als mein Lebenswerk»
Er ist, was die Wissenschaft einen Super Ager nennt. Der Jesuit und Zen-Meister Niklaus Brantschen ist auch mit 88 Jahren noch überaus aktiv. Im Podcast «Laut + Leis» spricht er übers Altwerden, und er sagt, was die Schliessung des Lassalle-Hauses mit ihm gemacht hat.
Sandra Leis
Vergreist sei er noch nicht, sagt Niklaus Brantschen verschmitzt. «Noch bin ich in der Noch-Phase.» Bis 85 hat er Klettertouren mittleren Schwierigkeitsgrades absolviert; das geht heute nicht mehr.
«Doch über Zäune klettern kann ich immer noch. Solche Narrheiten lasse ich mir nicht nehmen. Noch kann ich dieses und jenes.» Und es gebe etwas, was erst jetzt möglich sei: sich zurücklehnen und zurückschauen. «Nicht im Sinne von ‹Weisst du noch?› und der Vergangenheit nachtrauern. Sondern wie viel habe ich in meinem langen Leben erleben dürfen?»
Nicht zu jammern, das sei für ihn der springende Punkt. «Meine Zukunft ist vorbei, und in einem gewissen Sinn bin ich froh, dass ich es jetzt bald geschafft habe.»
Drei Tipps für ein gutes Alter
Brantschen strahlt Dankbarkeit und Ruhe aus. Auf die Frage, wie er es bis ins hohe Alter geschafft habe, körperlich und geistig fit zu bleiben, sagt er im Podcast «Laut + Leis»: «Ich bewege mich gerne im Haus und in der Landschaft. Bewegung hält beweglich.» Der gebürtige Walliser hat im Wallis alle Viertausender bestiegen, wandert gerne und nimmt die Treppe anstelle des Lifts.
Geistig bleibt er beweglich, indem er, wenn möglich, jeden Tag ein Gedicht auswendig lernt. «Das stärkt das Gedächtnis und erfrischt meinen Geist.»
Und schliesslich: «Ich bin neugierig.» Er habe früh gelernt zu staunen. «Ich habe nie aufgehört, offen zu sein, zu staunen und mit wachen Sinnen durch die Welt zu gehen.»
Der Tod des Bruders
Aufgewachsen ist Niklaus Brantschen mit sechs Geschwistern in Randa im Mattertal in einem traditionell katholischen Haushalt. Der älteste Bruder war wie der Vater Bergführer und verunglückte mit 28 Jahren tödlich.
Brantschen war damals 18 und spricht von einer prägenden Erfahrung: «Es war ein unverschämt schöner Walliser Herbsttag, der Sarg war aufgebahrt auf dem Dorfplatz, von überall her kamen Menschen, und ich dachte bei mir: Ist das jetzt alles?»
Eine solch existentielle Erfahrung bringe Menschen dazu, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. Beim jungen Niklaus reifte der Gedanke, in den Jesuitenorden einzutreten, was er mit 22 dann auch tat.
Verlust und Krankheit
Heute schaut er auf ein langes und reiches Leben zurück, berichtet mit Freude und Begeisterung von seinen Reisen nach Japan und seinen Erfahrungen mit Buddhismus und Zen. Er spricht liebevoll über seine über 40-jährige zölibatäre Liebe zur Ordensfrau Pia Gyger.
Ihr Tod war für ihn «wie eine Amputation» und hat, so vermutet Brantschen, auch dazu geführt, dass er vor acht Jahren an einem Tumor im Magen erkrankte und sich den Magen herausoperieren lassen musste. «Nach diesem Eingriff habe ich das Leben nochmals geschenkt bekommen und weiss wieder neu, wie kostbar es ist.»
Das Ende des Lassalle-Hauses
Seit 1973 lebt Brantschen im Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn oberhalb von Zug. Er hat das Bildungshaus neu positioniert und lange Jahre geleitet. Nun ist das Haus seit dem 1. Juli 2025 geschlossen, die 79 Gästezimmer stehen leer.
Brantschens Lebenswerk gibt es nicht mehr. Wie geht er damit um? «Ich war untröstlich und musste viele Menschen trösten, für die das Haus Inspiration und Nahrung war.» Doch dann habe er sich gesagt, alles ist vergänglich. Ob das ein Haus ist, eine Arbeit oder das Leben.
Das Ende des Lassalle-Hauses sei mehr gewesen als ein heftiger Schmerz. «Es waren einige Tode.» Er spricht von einem «Einüben in den Tod, in das Sterben, in das Zurücklassen» und sagt gleichzeitig, dass die Lassalle-Kontemplationsschule, die Via integralis, und eine Zen-Linie weitergehen.
Totale Identifikation ist gefährlich
Mit dem Begriff «Lebenswerk» ist Niklaus Brantschen vorsichtig. «Ich habe sehr viel in das Lassalle-Haus investiert – in dem Sinn kann man schon von meinem Lebenswerk sprechen. Aber mein Leben ist mehr als mein Werk.»
Und weiter: «Wenn ich mich total identifiziere mit dem, was ich tue, dann ist alles, was ich nicht mehr machen kann, ein furchtbarer Verlust. Das möchte ich nicht. Mein Leben ist mehr als meine Rollen und Aktivitäten.»
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