Mathai Ottappally, neuer Dompfarrer in St. Gallen.
Schweiz

Mathai Ottappally aus Indien: «Ich hoffe, auch als Dompfarrer glücklich zu werden»

Am Sonntag wird Mathai Ottappally (49) feierlich als Dompfarrer in St. Gallen eingesetzt. Der gebürtige Inder will für die Menschen da sein, auch durch aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Das hat er bereits im Toggenburg so gehalten. In seiner Heimat werde dies von einem Priester erwartet.

Barbara Ludwig

Mathai Ottappally kommt die Treppe herunter und tritt ins Entrée des Domzentrums am Gallusplatz gegenüber der Kathedrale. Dort begrüsst der schlanke Mann im dunkelblauen Anzug zunächst eine Frau – es ist die neue Sekretärin – mit den Worten, nun sei er nicht mehr der Einzige, der noch nicht alles kenne und deshalb viele Fragen stellen müsse.

Dann führt Ottappally die Journalistin in ein Sitzungszimmer im ersten Stockwerk des Altstadthauses, in dem er auch sein Büro hat. Neben dem Fenster steht eine hölzerne Statue des heiligen Gallus mit einem Bären, an den Wänden hängen bunte Gemälde mit abstrakten Motiven. Eine Statue des Heiligen thront auch draussen über dem Gallusbrunnen.

In Vorarlberg Berufung zum Pfarreiseelsorger entdeckt

In der Tat ist für den 49-jährigen Priester noch vieles neu. Seit Anfang März erst wohnt Ottappally in St. Gallen. Am Sonntag, 8. März, wird er in einem feierlichen Gottesdienst in sein Amt als Dompfarrer von St. Gallen eingesetzt. Ottappally stammt aus dem indischen Bundesstaat Kerala und wirkt seit 13 Jahren als Seelsorger im Bistum St. Gallen. Zuletzt war er fünf Jahre lang Pfarrer der Seelsorgeeinheit Alttoggenburg.

Im Domzentrum (l.), einem der ältesten Gebäude der Stadt St. Gallen, befindet sich auch das Büro von Dompfarrer Mathai Ottappally.
Im Domzentrum (l.), einem der ältesten Gebäude der Stadt St. Gallen, befindet sich auch das Büro von Dompfarrer Mathai Ottappally.

Zum Priester geweiht wurde Ottappally 2005 in Indien. Nach Europa, konkret nach Innsbruck, kam er 2007, um auf Anregung seines damaligen Ordensoberen ein Doktorat in Theologie zu absolvieren. Unterdessen hat Ottapally seinen Orden, die Missionare des heiligen Franz von Sales, verlassen und ist Diözesanpriester: Als Aushilfspriester hat er während der Sommerferien in Vorarlberg seine Berufung zum Pfarreiseelsorger entdeckt.

Wie Jesus für die Menschen da sein

Dass er im Bistum St. Gallen nach Stationen als Kaplan im Sarganserland und Pfarrer im Toggenburg zum Dompfarrer im geschichtsträchtigen Stiftsbezirk aufsteigt, bezeichnet er bescheiden als «Fügung». Ob eine solche Karriere auch in Indien möglich gewesen wäre, könne er nicht sagen.

Blick vom Domzentrum über den Gallusplatz mit Brunnen zur Kathedrale.
Blick vom Domzentrum über den Gallusplatz mit Brunnen zur Kathedrale.

Von Beginn an sei es seine Absicht gewesen, als Priester für die Menschen da zu sein, betont Ottappally. Wie Jesus damals. Jesus habe an Leid und Freud der Menschen teilgenommen, Verständnis gezeigt, mit den Menschen gelacht und geweint.

Und auch heute noch wolle er, Ottappally, für die Menschen da sein. «Als Kaplan war ich glücklich, als Pfarrer war ich glücklich. Und ich hoffe, auch als Dompfarrer glücklich zu werden. Denn die Absicht, für die Menschen da zu sein, steht für mich an erster Stelle.»

«Ich habe beim ‹schnellschte Bazeheider› mitgemacht und dabei fast den Muskelkrampf bekommen.»

Diese Aussage ist nicht einfach eine fromme Floskel, wie sich im weiteren Gespräch mit dem neuen Dompfarrer zeigt. Berührungsängste kennt er offenbar keine.

«Bei fast jedem Dorfanlass in meiner früheren Seelsorgeeinheit war ich dabei, auch bei nichtkirchlichen Veranstaltungen», erzählt Ottappally, der selbst aus einem Dorf mit 3000 Einwohnerinnen und Einwohnern stammt. Zum Beispiel an Konzerten, dem Männerchorabend, Theatervorstellungen, aber auch Sportveranstaltungen, an denen er sich manchmal aktiv beteiligte.

«Ich habe beim ‹schnellschte Bazeheider› mitgemacht und dabei fast den Muskelkrampf bekommen», sagt der Priester mit einem Schmunzeln. Das Wettrennen für Kinder und Erwachsene wird jährlich vom Turnverein Bazenheid organisiert. Einmal hat er auch am lokalen Staffelrennen mitgemacht, seine Vierergruppe schaffte es in den ersten Rang.

Die monatlichen Seniorenanlässe in den drei Dörfern der Seelsorgeeinheit besuchte Ottappally fast immer. Es mache ihm Freude, mit den Menschen unterwegs zu sein, auch Kranke zu besuchen.

Der neue Dompfarrer strahlt Gelassenheit aus. Er spricht ruhig und überlegt, in fliessendem Schriftdeutsch. Dialekt verstehe er unterdessen zu 90 Prozent.

Dorfleben statt Yoga-Kurs

Für den Priester ist Gemeinschaft und seine Familie in Indien wichtig. Sie haben Vorrang vor persönlichen Interessen. Vor seinem Start in St. Gallen weilte Ottappally knapp zwei Monate in seiner Heimat. Eigentlich hatte er vor, dort einen Yoga-Kurs zu besuchen, weil er als Inder immer wieder darauf angesprochen werde, aber bislang keine Erfahrung mit Yoga hat, erzählt er.

Den Kurs hat er schliesslich nicht besucht. Er fand es wichtiger, Zeit mit seiner Familie und seinem Vater zu verbringen, der an einer Krebserkrankung leidet. Dann hat ihn auch sein Heimatdorf Vellamunda in Beschlag genommen.

«Wenn ein Priester ins Dorf kommt, wird erwartet, dass er an allen Anlässen teilnimmt – egal, ob er im Urlaub ist oder nicht. Das kann auch eine Hochzeit eines Paars sein, das er persönlich gar nicht kennt», erklärt Ottappally.

Mathai Ottappally leitet die St. Galler Dompfarrei, die in der Kathedrale zuhause ist.
Mathai Ottappally leitet die St. Galler Dompfarrei, die in der Kathedrale zuhause ist.

Und so ist es ihm in diesen Wochen in Indien ergangen. Ottappally nahm teil am Pfarreifest, das drei Tage dauerte. Er konnte auch drei Hochzeiten als Priester mitfeiern, und zwar im syro-malabarischen Ritus.

Ottappally ist mit diesem in Kerala beheimateten Ritus aufgewachsen. Bis zum Eintritt in die Ordensgemeinschaft gehörte er der syro-malabarischen Kirche an, einer mit Rom unierten Ostkirche.

Kühe, Reis, Kaffee und Gewürze

Ottappally ist als eines von fünf Kindern in einer katholischen Bauernfamilie aufgewachsen. Die Familie besass in den 1980er Jahren einige wenige Kühe und baute Reis, Kaffee, Ingwer sowie Gewürze wie Pfeffer und Kardamom an. Davon habe man damals als Familie gut leben können, berichtet Ottappally.

Die Kinder hätten vor und nach dem Schulunterricht in der Landwirtschaft mitgearbeitet, das sei selbstverständlich gewesen. «Auch ich habe zum Beispiel Kühe gemolken und Gras gemäht», erzählt Ottappally.

Seine Eltern hätten allerdings eine gute Schulbildung für wichtig erachtet und dies auch unterstützt, etwa durch den Kauf von Büchern. Seine Kindheit sei eine «schöne Zeit» gewesen, und er habe viel gelernt, etwa das «Füreinander da sein», Bedürfnisse anderer wahrzunehmen, spontan zu helfen.

Familie in Indien feiert via Livestream mit

Seine Geschwister und sein Vater, die Mutter ist vor eineinhalb Jahren verstorben, werden den Gottesdienst zur Amtseinsetzung kommenden Sonntag via Livestream verfolgen, sagt Ottappally. «Sie alle freuen sich sehr.» Wie auch er selbst. «Auch im Team, das mich am vorletzten Dienstag in St. Gallen willkommen hiess, ist die Freude gross. Sie haben mich mit ihrer Freude richtiggehend angesteckt.»

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Mathai Ottappally, neuer Dompfarrer in St. Gallen. | © Barbara Ludwig
6. März 2026 | 17:15
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