Ein fotografischer Blick in die Klostergeschichte von Mariastein
Bei Renovationsarbeiten wurden im Kloster Mariastein über 2000 alte Fotos auf Glasplatten gefunden. Sie wurden restauriert und sind nun in einer Ausstellung zu sehen. Sie sind auch online zugänglich. Die Fotos geben einen erstaunlichen Blick auf das Leben im Kloster im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Dominik Landwehr
Es gibt kaum eine Ordensgemeinschaft in der Schweiz, die sich seit dem 19. Jahrhundert mehr für die Fotografie interessiert hat als die Benediktiner. Wir kennen heute umfangreiche fotografische Zeugnisse aus Einsiedeln, Engelberg und Disentis. Das mag damit zu tun haben, dass die Benediktiner sich stark für Bildung, Wissenschaft und Schule engagiert haben und ein grosses Interesse an Dokumentation, Archiven und Bibliotheken hatten.
Szenen aus dem Alltagsleben der Mönche
Die Entdeckung des fotografischen Schatzes in Mariastein war ein Zufall: Man stiess bei Renovationsarbeiten auf mehrere Schachteln mit Glasplatten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. «Ein Kloster ist eine Wunderkiste» kommentierte Abt Ludwig Ziegerer den Fund anlässlich der Ausstellungsvernissage am Sonntag, 8. Februar.
Auf den Bildern waren Szenen aus dem Alltagsleben der Mönche zu sehen, allerdings musste man die Glasnegative zuerst einer sorgfältigen Restauration unterziehen. Fast schon ikonisch ist etwa ein Bild das eine Gruppe von Mönchen zeigt beim Schlitteln oder beim fröhlichen Jass in der Stube.
Spuren der Alterung
Die Glasplattennegative zeigten nach der langen Zeit deutliche Spuren der Alterung. Schmutz und Staub hatten sich angesetzt und es zeigten sich Zeichen von so genannten Aussilberungen: ein Alterungsprozess, bei dem sich das im Bild enthaltene metallische Silber aus der fotografischen Emulsion löst und an die Oberfläche oder in Randzonen wandert.
Bevor sie überhaupt digitalisiert werden konnten, mussten die Platten restauriert werden. Dabei half Memoriav. Die schweizerische Kompetenzstelle für den Erhalt des audiovisuellen Kulturgutes finanzierte die Hälfte der nötigen Summe von rund 100 000 Franken. Die andere Hälfte übernahm der Verein der Freunde des Klosters Mariastein.
Erstaunliche Qualität
Die eigentliche Restaurierung der sensiblen Glasplatten besorgte die Fotorestauratorin Regula Anklin, die Digitalisierung nahm der Wissenschafter und Bibliothekar Elias Kreyenbühl mit einer Gruppe von Studierenden des Faches Digital Humanities der Universität Basel vor.
Die Glasplatten wurden mit professionellen Kameras gescannt. Dabei zeigte sich die erstaunlich hohe Qualität vieler Fotos, die auch nach heutigen Kriterien extrem scharf und kontrastreich waren. Die Glasplatten waren in den Formaten 10 mal 15 Zentimeter oder für besonders wichtige Bilder wie etwa eine Abtweihe im Format 18 mal 24 Zentimeter. Deshalb mussten die Fotos damals auch nicht vergrössert werden, bereits sogenannte Kontaktabzüge ergaben ein brauchbares Bild. Heute lassen sich mit diesem Material auch grössere Abzüge herstellen.
Zeugen des Kulturkampfes
Wer die Bilder anschaut, wird sofort feststellen, dass längst nicht alle Fotos in Mariastein aufgenommen wurden. Das hat mit dem Kulturkampf in der Schweiz zu tun, der auch im Kanton Solothurn seine Spuren hinterlassen hat. Es geht dabei um Auseinandersetzungen zwischen dem liberalen Staat und der katholischen Kirche, die für das Kloster existenziell waren.
Entzündet hatte sich der Streit unter anderem am Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit, die das Erste Vatikanische Konzil 1870 proklamiert hatte. Eine Folge war, dass das Kloster 1874 per Volksabstimmung aufgehoben wurde und danach fast 100 Jahre im Exil weiterexistierte: Zunächst im französischen Delle (1874-1901), danach im österreichischen Dürrnberg (1901-1906). Ab 1906 übernahmen die Mariasteiner Mönche das Kollegium Karl Borromäus in Altdorf. Auch in Bregenz fanden die Mönche nur vorübergehend eine Bleibe, sie wurden hier 1941 durch die Gestapo vertrieben und erhielten dann an ihrem angestammten Ort in Mariastein Asyl.
Impressionen
1971 gab der Kanton Solothurn den Mönchen das Kloster wieder zurück. Die fotografische Sammlung legt Zeugnis von dieser Odyssee ab und macht sie deshalb auch zu einer besonderen wertvollen kulturgeschichtlichen Ressource.
Dokumente der Liturgiegeschichte
Längst nicht alle Fotos entstanden aber im Exil: Ein Foto – auf den ersten Blick unspektakulär – erlaubt einen Blick auf Mariastein im Jahr 1905 und zeigt eine weitgehend unverbaute Landschaft mit Kirche, Kloster und Ökonomiegebäuden. Weil die Wallfahrt auch nach der Aufhebung des Klosters weiterging, entstanden in Mariastein zu Beginn des 20. Jahrhunderts eindrückliche Fotos aus dem reichen liturgischen Leben der Kirche.
Auch das Leben am Kollegium Karl Borromäus in Altdorf ist umfangreich dokumentiert, sei es mit Szenen der sportlichen Beschäftigung, mit Einblicken in die Theatertätigkeit der Schule oder ins gesellschaftliche Leben der dortigen Gymnasialverbindung. Die Mariasteiner Mönche hatten in Altdorf ihre Identität bewahrt und pflegten eine Kopie ihres Gnadenbildes. 1981 mussten sie aber diese Tätigkeit aufgrund von Personalmangel aufgeben, das Kollegium war bereits 1978 in eine Kantonsschule umgewandelt worden.
Auf der Suche nach Meta-Daten
Ist allein schon die Entdeckung und Rettung der alten Fotografien ein kleines Wunder, so zeigte sich im Verlauf der Digitalisierung eine zweite Überraschung: Die Fotografien in den Kartonschachteln waren weitgehend ohne Beschreibungen, es fehlten also die Meta-Daten: Zeit, Ort und auch wer fotografiert hatte, blieb unbekannt.
Die Mönchsgemeinschaft Mariastein konnte mindestens teilweise weiterhelfen: Trotz der grossen zeitlichen Distanz von gegen 100 Jahren konnten sie einen grossen Teil der abgebildeten Orte und Personen einwandfrei identifizieren. Dabei half auch ein Blick in die Hauszeitung des Kollegiums Karl Borromäus. Ein Schlüsselrolle kam dabei dem Mariasteiner Historiker und Altabt P. Lukas Schenker OSB zu, der 1937 geboren ist. Das Beispiel zeigt, wie wichtig bei solchen Projekten der Einbezug der Gemeinschaft ist.
Grosser kulturhistorischer Wert
Fotografien erhielten erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts ihren Wert in der Geschichtsforschung. Das dürfte auch der Grund sein, dass die Fotos in Mariastein so lange unbeachtet blieben. Ihr kulturhistorischer Wert ist heute unbestritten. Die Aufarbeitung des fotografischen Erbes von Klöstern dürfte in den nächsten Jahren noch wichtiger werden, gerade dann, wenn die Aufhebung von Klostergemeinschaften absehbar ist und Archive und Sammlungen aufgelöst werde müssen.
Die Fotos aus Mariastein sind mit ganz wenigen Aufnahmen keine Schnappschüsse, sondern – nicht zuletzt aus technischen Gründen – gestellte und inszenierte Bilder, die dem Selbstverständnis des Ordens und der Protagonisten jener Zeit entsprachen. Trotzdem – oder: gerade deshalb – haben diese Bilder viel zu erzählen.
Die Fotoausstellung ist bis am 31.Oktober 2026 im Klosterhotel Kreuz in Mariastein zu sehen.
Die Bilder sind auch online unter folgender Adresse zugänglich:
https://memobase.ch/de/recordSet/kms-001
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