Vom Altar zum Smartphone: Religion und Glaube zwischen Individualismus, Apps und digitalem Jenseits

Die Religion ist nicht am Rande der digitalen Revolution stehen geblieben. Im Gegenteil, sie hat sich voll und ganz darauf eingelassen und sich an die neuen Logiken der Online-Kommunikation angepasst. Dabei kann man durchaus auch im «digitalen Jenseits» landen.

Silvia Guggiari

(catt.ch) Dies ist eines der Themen, die auf der Konferenz behandelt werden, die am Dienstag, 24. Februar, an der Theologischen Fakultät in Lugano unter dem Titel «Digitale Extremismen: Religion und Radikalisierung im Zeitalter des Internets» stattfindet (Infos und Anmeldung unter www.ftl.usi.ch).

«Digitale Religion im Zeitalter des Metaversums»

Zu den Referenten gehört Professor Enzo Pace, Dozent für Religionssoziologie an der Universität Padua, der in seinem Vortrag mit dem Titel «Digitale Religion im Zeitalter des Metaversums: Stand der Forschung und theoretische Perspektiven» darüber sprechen wird, wie der Glaube heute durch die digitale Welt und sogar im Metaversum verbreitet wird und welche tiefgreifenden Veränderungen dies mit sich bringt.

Professor Enzo Pace
Professor Enzo Pace

Ob Christentum, Islam, Buddhismus oder Hinduismus – «keine Religion», erklärt Pace, «scheint der ‹fatalen Anziehungskraft› der neuen Medien widerstehen zu können. Die Digitalisierung hat vor allem das Publikum enorm erweitert: Wir finden nicht mehr nur Gläubige, die eine Pfarrei oder eine lokale Gemeinde besuchen, sondern Nutzer, die potenziell rund um die Uhr verbunden sind, egal, wo sie sich befinden. Die Kirche, die Religion im Allgemeinen, wird zu einer App, die wir nutzen können, wann und wie wir wollen, die Predigt kann in einem Video auf Abruf gefunden werden, der spirituelle Führer wird zu einem sozialen Profil.»

Spiritualität ja, bestimmte Kirche nein

Aber was bedeutet das alles für diejenigen, die die digitale Religion nutzen? «Die neuesten Studien zeigen zwei Haupteffekte», kommentiert der Soziologe. «Der erste ist die Stärkung der individuellen Autonomie.»

Künstliche Intelligenz
Künstliche Intelligenz

Wer eine religiöse Website oder eine virtuelle Gemeinschaft besucht, entscheidet selbst, was er akzeptiert, wie sehr er sich engagiert, wann er beitritt und wann er austritt. Selbst in Traditionen mit starken hierarchischen Strukturen, wie der katholischen, verlagert sich das letzte Wort bei der Auslegung der Botschaft tendenziell von der Autorität auf das Individuum oder die Online-Gruppe.

Dieser Prozess stehe, so Pace, im Einklang mit der modernen Kultur des Individualismus: Immer mehr Menschen würden sich zur Spiritualität bekennen, erkennen sich aber nicht mehr in einer festen Institution wieder. Der Glaube werde so «massgeschneidert». Man wähle bestimmte Aspekte aus, lasse andere weg, verhandle Inhalte und Praktiken. Aber hier zeige sich, so Pace weiter, ein zweiter, vielleicht noch innovativerer Effekt: die Möglichkeit, symbolisch auf entscheidende Wendepunkte des Lebens, wie den Tod, einzuwirken.

Profile verstorbener Personen rekonstruieren

Auch beim Umgang mit dem Tod und der Trauerbewältigung, seit jeher Aspekte, die mit Spiritualität und Religion verbunden sind, kommt KI zum Einsatz.

Professor Pace: «Im Metaversum und auf digitalen Plattformen entstehen Dienste, die es ermöglichen, Profile von verstorbenen Personen anhand der online hinterlassenen Spuren zu rekonstruieren: Suchanfragen, Einkäufe, Nachrichten, Fotos. Ausgefeilte Algorithmen erstellen Avatare, die Stimme, Kommunikationsstil und Persönlichkeitsmerkmale reproduzieren können. So entsteht eine Art ‹digitales Jenseits›, eine künstliche Präsenz, mit der man weiterhin kommunizieren kann, als könnte man seinen verstorbenen Angehörigen irgendwie für immer bei sich behalten.»

Ein mit künstlicher Intelligenz erzeugtes Foto zeigt den US-Präsidenten Donald Trump als Papst.
Ein mit künstlicher Intelligenz erzeugtes Foto zeigt den US-Präsidenten Donald Trump als Papst.

«Das Risiko», so Pace, «besteht in einer fortschreitenden Privatisierung des Todesbegriffs, die der gemeinschaftlichen Dimension des Rituals Raum nimmt.»

Online-Pfarreien

Parallel dazu passen sich auch die kirchlichen Strukturen an: «In den Vereinigten Staaten und seit kurzem auch in Europa sind Online-Pfarreien entstanden, die jederzeit über das Smartphone zugänglich sind. Es ist eine ultramoderne Art, gläubig zu sein, die jedoch die physische Zugehörigkeit entmaterialisiert und das Gewicht der Autorität schwächt», berichtet Professor Pace.

In diesem Zusammenhang würden die neuen Generationen eine zentrale Rolle spielen. Pace: «Untersuchungen zeigen, dass nur eine Minderheit der Jugendlichen zwischen 13 und 20 Jahren regelmässig die Pfarrei besucht. Dabei handelt es sich nicht nur um Desinteresse, sondern auch um sprachliche Distanz: Viele geben an, die traditionelle Sprache, in der die religiöse Botschaft vermittelt wird, nicht zu verstehen.

Mit künstlicher Intelligenz erstellt: Papst in Daunenjacke.
Mit künstlicher Intelligenz erstellt: Papst in Daunenjacke.

Folglich wenden sie sich den sozialen Medien zu, wo sie virtuelle Gemeinschaften finden, denen sie ohne Einschränkungen beitreten und wieder verlassen können, sowie junge Priester, die als Digital Natives aufgewachsen sind und die Rolle religiöser Influencer übernehmen, indem sie auf Empathie, wirkungsvolle Slogans und direkte Kommunikation setzen. Es ist ein Versuch, verlorenes Terrain zurückzugewinnen, aber es erfordert ein empfindliches Gleichgewicht: sich an die Logik der sozialen Medien anzupassen, ohne die Tiefe der Botschaft des Evangeliums zu verwässern.»

Instrumente der Radikalisierung

Soziale Medien fördern laut Professor Pace nicht nur die Individualisierung des Glaubens, sondern können auch zu mächtigen Instrumenten der Radikalisierung werden, wie aus dem Bericht über die digitale Infosphäre im Tessin vom letzten Jahr hervorgeht, der auf der Konferenz vorgestellt wird.

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«Fundamentalistische Bewegungen verschiedener religiöser Traditionen haben digitale Plattformen genutzt, um neue Anhänger zu gewinnen, identitäre Ideologien zu verbreiten und traditionelle Autoritäten zu delegitimieren, denen sie Kompromisse mit der Macht vorwerfen.

Jesus im Kreis seiner Jünger - KI generiert.
Jesus im Kreis seiner Jünger - KI generiert.

In Zeiten persönlicher oder sozialer Krisen bieten diese Räume ein starkes Zugehörigkeitsgefühl, doktrinäre Klarheit und das Versprechen radikaler Veränderungen. So entsteht ein Paradoxon: Je fliessender und personalisierter die Religion wird, desto mehr reagieren bestimmte Gruppen mit einer Verhärtung und propagieren einen ‹reinen› und militanten Glauben» sagt Pace.

«Unter der Oberfläche der Säkularisierung ist das Bedürfnis nach Sinn nicht verschwunden: Es hat lediglich seine Sprache und seinen Ausdrucksort gewechselt.»

Die Herausforderung für die historischen Religionen sei daher eine doppelte: Sie müssten lernen, so Pace, im neuen Ökosystem zu kommunizieren, ohne an Tiefe zu verlieren, und sie müssten die existenziellen Fragen aufgreifen, die die jungen Generationen weiterhin beschäftigen. Denn unter der Oberfläche der Säkularisierung «ist das Bedürfnis nach Sinn nicht verschwunden: Es hat lediglich seine Sprache und seinen Ausdrucksort gewechselt».


Papst Leo XIV. setzt den Umgang mit Künstlicher Intelligenz oben auf seine Prioritätenliste. | © pixabay/geralt, Pixabay License
23. Februar 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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