Christian Walti: «Wir müssen als Landeskirchen und Persönlichkeiten auf den Markt»
Während Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen in den Landeskirchen drastisch zurückgehen, wächst der Markt für freie Rituale. Über die Gründe spricht Christian Walti, seit einem Jahr Pfarrer am Zürcher Grossmünster, im Podcast «Laut + Leis».
«Ich glaube, es hängt daran, dass das Vertrauen in die Institutionen einfach nicht mehr vorhanden ist. In die Kirche als Institution vertrauen können, das ist heute etwas völlig Abwegiges. Viele Menschen verstehen nicht mehr, was das soll.
Man vertraut Personen. Und deswegen: Menschen, die keinen Bezug zu einer Pfarrerin oder einem Pfarrer haben oder zu einer kirchlichen Person, die eine Taufe durchführen kann – diese Menschen lassen ihre Kinder nicht taufen.
Der freie Markt hat den Vorteil, dass ich mir genau anschauen, wer das Ritual durchführt. Ich nehme Kontakt auf mit einer Person und wähle dann sie gezielt aus, weil ich ihr vertraue. Viele Menschen wissen leider nicht, dass sie bei der Kirche auch eine Wahlmöglichkeit haben. Es gibt natürlich auch Kirchenmenschen, die diese Wahl bewusst verweigern.
Das ist aus meiner Perspektive falsch, denn Menschen brauchen ein Gegenüber. Ich habe mich immer wieder gestritten mit Kirchenvertreterinnen und -vertretern, die betont haben, es komme nicht darauf an, wer die Taufe durchführt. Da habe ich gesagt, ja, ich verstehe das theologisch schon. Natürlich, für Gott ist das egal, wer tauft. Für Gott zählen alle Menschen gleich viel.
Aber das Vertrauen, das ist immer persönlich und individuell. Dieses persönliche Vertrauen braucht ein klares Gegenüber. Deswegen ist der Markt wichtig, und wir müssen auch als Landeskirchen und als Persönlichkeiten auf diesen Markt. Das ist mein Votum.»
Das sagt Grossmünsterpfarrer Christian Walti im Podcast «Laut + Leis». Er debattiert mit Philipp Erne, Präsident vom Berufsverband Schweizerischer ZeremonienleiterInnen, zur Frage, inwiefern freie Rituale eine Konkurrenz sind für klassische Kasualien. (sl)
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