Homiletik-Professor: «Langweilige Predigten sind kein Einzelfall»
Sind Sie bei einer Predigt auch schon mal als Besucher oder Besucherin in einem Gottesdienst abgeschweift und haben sich mehr auf die Holzmaserung des Kirchenbanks fokussiert als auf die Worte des Predigenden? Andererseits gibt es Predigende, die die Gläubigen mit ihren Worten sehr wohl zu fesseln vermögen. Wie sieht eine gute Predigt aus? Homiletik-Professor Franziskus Knoll gibt Antworten im Interview.
Wolfgang Holz
Herr Professor Knoll, haben Sie auch schon langweilige Predigten am Sonntag in der Kirche gehört?
Franziskus Knoll*: Ja, sicherlich – das kennt wohl jeder, der regelmässig Gottesdienste besucht. Im letzten Jahr erschien eine Studie zur spirituellen Langeweile von Thomas Goetz und anderen. Sie analysierten zehn Studien mit insgesamt 1267 Teilnehmenden in fünf spirituellen Kontexten: Yoga, Meditation, Schweigeretreats, Pilgerreisen und katholische Predigten. Auf einer Skala von 1-5 lag der durchschnittliche Wert der spirituellen Praktiken bei 1,91. Den höchsten Langeweilewert hatten katholische Predigten mit 3,56. Also ja, langweilige Predigten sind kein Einzelfall, und sie können verschiedene Ursachen haben.
Woran liegt es denn Ihrer Meinung nach, dass Predigten so uninspiriert sein können, schliesslich ist doch eine Predigt eine wunderbare Gelegenheit des Seelsorgenden, sich persönlich an die Gläubigen wenden zu können?
Knoll: Ehrlich gesagt ist es nach meiner Erfahrung eine Mischung mehrerer Faktoren. Natürlich spielt rhetorisches Talent eine Rolle, aber wichtiger ist, ob die Predigt lebendig und relevant ist.
«Manchmal fehlt aber auch der mutige, persönliche Zugang – etwa wenn jemand nur vom Blatt abliest und keinen echten Kontakt zur Gemeinde sucht.»
Manchmal liegt es tatsächlich an einer zu trockenen, akademischen Auslegung, die den Bezug zum Leben vermissen lässt. Manchmal fehlt aber auch der mutige, persönliche Zugang – etwa wenn jemand nur vom Blatt abliest und keinen echten Kontakt zur Gemeinde sucht. Das kann an Unsicherheit liegen, aber auch an mangelnder Vorbereitung. Insgesamt erscheint es mir wichtig, ob ich ein Thema habe, das mich selbst motiviert und von dem ich etwas rüber bringen oder anbieten möchte. Wenn ich selbst nicht für das Thema brenne, muss ich mich nicht wundern, dass die Gottesdienstbesucher abschalten. Das spürt man an der Atmosphäre.
Was macht denn aus Ihrer Sicht eine gute, ansprechende Predigt aus?
Knoll: Eine gute Predigt hat drei Elemente: erstens biblische Tiefe. Das heisst, die Predigt sollte theologisch fundiert sein, aber nicht im Elfenbeinturm stecken bleiben. Zweitens sollte sie einen Lebensbezug haben. Sie muss die Brücke schlagen zwischen dem biblischen Text und der Lebenswirklichkeit der Zuhörenden.
«Die predigende Person predigt sich immer auch selbst und sollte hinter dem, was sie predigt, stehen – dafür brennen.»
Drittens sollte eine Predigt authentisch sein. Die predigende Person predigt sich immer auch selbst und sollte hinter dem, was sie predigt, stehen – dafür brennen. Zudem ist der Einstieg in eine Predigt wichtig: Wenn das Thema und das Grundgerüst stehen, sollte ich mir Gedanken um einen pfiffigen Einstieg machen, der die Lebenswirklichkeit der Gläubigen trifft und in die hinein die Botschaft verkündet wird.
Das hört sich gut an. Wie persönlich sollte und darf denn eine Predigt sein?
Knoll: Persönliche Elemente sind wichtig, aber mit Mass! Eine Predigt ist keine Autobiografie, sondern soll Gottes Wort für die Gemeinde erschliessen und Impulse zum Weiterdenken anbieten. Umgekehrt kann die Botschaft manchmal greifbarer werden, wenn die Predigerin oder der Prediger eigene Erfahrungen, Zweifel oder Freuden einfliessen lässt. Entscheidendes Kriterium wäre für mich, dass das Persönliche dem Gemeindebezug dient – und nicht zur Selbstinszenierung wird.
Könnte es denn auch sein, dass auf die Predigtausbildung bei Seelsorgenden zu wenig Gewicht gelegt wird?
Knoll: Dem kann ich nicht allgemein zustimmen, da ich dazu keine Erhebungen an anderen Fakultäten oder in Berufseinführungskursen durchgeführt habe. Nach meiner Wahrnehmung dominieren in der theologischen Grundausbildung sicherlich exegetisch-systematische und auch philosophische Reflexionen, während die homiletische und kommunikative Praxis ein wesentlich geringeres Stundenkontingent hat. Für mich ist die Predigt rhetorisch eine Sonderform der Überzeugungsrede – das kann man theoretisch lernen. Tatsächlich zu predigen, lernt man aber nur durch Übung, Feedback und den Mut, sich auszuprobieren.
«Die Liturgie ist kein Museum.»
Wie machen Sie das an der Theologischen Hochschule in Chur?
Knoll: Wir machen das in Chur im Rahmen eines Gottesdienstes in der Pfarrei Heiligkreuz. So erproben sich die Studierenden in einem realen Setting und erhalten hinterher nicht nur ein Feedback von den Mitstudierenden und mir, sondern auch von den anwesenden Gottesdienstbesuchenden. Im Rahmen der Berufseinführung werden die angehenden Seelsorgenden in ihren Ausbildungspfarreien vor Ort in Sachen Predigt begleitet, und es gibt zwei Predigtwerkstatt-Tage an der Theologischen Hochschule Chur.
Wie wichtig sind grundsätzlich eine lebendige Pastoral und Liturgie für die religiöse Erbauung der Gottesdienstbesuchenden?
Knoll: Das ist absolut zentral! Die Liturgie ist kein Museum, sondern der lebendige Ausdruck des Glaubens einer Gemeinde. Wenn sie die Lebenswelten der Menschen ignoriert, wird sie zur leeren Hülle. Pastoral muss da anknüpfen, wo die Menschen stehen – etwas «blumig» nennt das Zweite Vatikanische Konzil Freuden, Hoffnung, Trauer und Angst. Das heisst nicht, jedem Trend nachzulaufen, aber doch eine zeitgemässe Sprache zu verwenden und pfiffige Beispiele einzuflechten.
*Professor Franziskus Knoll OP ist Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie und Homiletik an der Theologischen Hochschule in Chur.
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