Bischof Grögli wirbt für Religionsfreiheit: «Ich will keinen christlichen Gottesstaat»
Der St. Galler Bischof Beat Grögli hat sich für einen christlichen Glauben in Freiheit ausgesprochen. Er wolle nicht, dass «ein Staat mit Macht und Gewalt den christlichen Glauben durchsetzt», sagte Grögli als Prediger im Gedenkgottesdienst für verfolgte Christen von Kirche in Not in Luzern.
Barbara Ludwig
Am Sonntag feierte «Kirche in Not» (ACN) den traditionellen Gedenkgottesdienst für verfolgte Christen in der Luzerner Jesuitenkirche. Der Anlass stiess auf Interesse bei Gläubigen und Sympathisanten des Hilfswerks. Die Bänke der grossen Barockkirche waren bis zuhinterst besetzt.
Da war etwa Charlotte Scheidegger aus dem Kanton Obwalden. Sie wolle bei dem Gottesdienst mitfeiern, weil ihre Tochter bei «Kirche in Not» arbeite und weil der Jodlerklub Alpnach auftrete, sagte die Dame vor Beginn der Feier zu kath.ch. Sie sei Mitglied im Kirchenchor derselben Gemeinde. Menschen, die wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt werden, kenne sie persönlich nicht. «Aber mir ist es ein Anliegen, dass man verfolgte Christen moralisch unterstützt – nicht nur finanziell», so Scheidegger.
Den «Speckpater» als Kind kennengelernt
Martha Leuthard aus Schwyz hingegen hatte schon Kontakt zu verfolgten Christinnen und Christen. Sie habe vor einigen Jahren eine syrische Flüchtlingsfamilie in ihrem Haus wohnen lassen und während dieser Zeit anderswo gewohnt, sagte die 84-Jährige. Sie besuche jedes Jahr den Gedenkgottesdienst von ACN. «Ich bin mit ‹Kirche in Not› verbunden durch den ‹Speckpater›, den Gründer des Hilfswerks (Werenfried van Straaten, 1913-2003, d.Red.), den ich persönlich noch als Kind kennengelernt habe.»
«Der junge Bischof interessiert mich»
Chantal Jansen aus Gelfingen sagte, sie spende regelmässig für «Kirche in Not». Auf die Frage, ob sie das Schicksal verfolgter Christen beschäftige, erwiderte die 81-Jährige: «Natürlich! Ich habe lange eine Gebetsgruppe in der Pfarrei geleitet. Es ist nicht selbstverständlich, dass man gemeinsam beten kann.» Doch nach Luzern komme sie dieses Mal aus einem anderen Grund, gab sie mit einem verschmitzten Lächeln zu: «Weil der Bischof von St. Gallen eingeladen ist. Der junge Bischof interessiert mich.»
Als Ehrengast und Prediger wurde der im vergangenen Jahr zum Bischof von St. Gallen gewählte Beat Grögli vom Präfekten der Jesuitenkirche, Pater Hansruedi Kleiber, und dann etwas ausführlicher auch von Jan Probst, Geschäftsführer von «Kirche in Not (ACN) Schweiz Liechtenstein» begrüsst.
«Es geschieht automatisch, dass wir alle zu Jahresbeginn unsere Agenda mit dem Vorjahr abgleichen und das Jahr planen. Die Christinnen und Christen in Nigeria tun dies auch – aber voller Trauer und Traumata», sagte Probst in seiner thematischen Ansprache und zählte eine Reihe von Gewaltakten auf, die im vergangenen Jahr auf Christinnen und Christen in dem afrikanischen Land verübt wurden.
Alle fünf Minuten wird ein Christ oder eine Christin ermordet
«Kirche in Not» stelle besorgt fest, dass die religiöse Verfolgung weltweit zunehme – nicht nur gegen Christen – und das Menschenrecht auf Religionsfreiheit weiter geschwächt werde, so Probst. Das Christentum sei die am meisten gefährdete Religion, betroffen sind demnach über 400 Millionen Christinnen und Christen. «Schätzungen zufolge wird alle fünf Minuten ein Christ oder eine Christin ermordet.»
Als Reaktion auf diese Situation habe «Kirche in Not» die Projektarbeit in 130 Ländern intensiviert, durch den Bau von Kirchen, die Unterstützung von Priestern. 18’000 Ordensschwestern erhalten laut dem Geschäftsführer Existenzhilfe, damit sie an Orten dienen, so sonst niemand hinschaue. «Wir verstehen uns als ‹Brücke der Liebe›, der konkreten Hilfe und des Gebets zwischen Ihnen und den verfolgten Christen», wandte sich Probst an die den Anwesenden.
«Brückenbauer»
Jemand, der als «Brückenbauer» ebenfalls hinschaue, sei Beat Grögli. Dieser sei nun 197 Tage im Amt. «Und schon gilt er als volksnah und geniesst einen ausgezeichneten Ruf als Seelsorger», sagte Probst, bevor er nebst anderen die Luzerner Regierungspräsidentin Michaela Tschuor, Frida Steffen-Regli und Gunthard Orglmeister von der Urner Landeskirche sowie Vorstandsmitglieder von «Kirche in Not» begrüsste.
Musikalisch gestaltet wurde der feierliche Gottesdienst vom bereits erwähnten Jodlerklub Alpnach – Frauen und Männer in Trachten – und der Solosängerin und Jodlerin Nicole Flühler. Eindringlich das berühmte Lied und berührende Glaubenszeugnis von Dietrich Bonhoeffer mit dem Titel «Von guten Mächten treu und still umgeben». Die Obwaldnerin, auch vertraut mit Popularmusik, sang es zwischen der ersten und der zweiten Lesung, im Popstil und begleitet von der Orgel.
Das Heil für alle
Bischof Beat Grögli widmete seine Predigt der Lesung aus dem Propheten-Buch Jesaja, wo es unter anderem heisst: «Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht der Nationen, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.»
Gott wolle das Heil der ganzen Welt, «nicht nur exklusiv, für einige wenige, sondern für alle», erklärte der Bischof. Dieser «weite Glaube» sei für das Volk Israel nicht von Anfang an selbstverständlich gewesen. Auch der Gott Israels sei zuerst «ein Stammes-Gott» gewesen.
Doch im babylonischen Exil, als das Volk Israel eine Niederlage erlitt, sei diese Vorstellung «in eine grosse Krise» gekommen, so Grögli. Das Volk Israel habe gelernt, dass «die Geschichte, die Gott mit uns schreibt», nicht exklusiv, nur für uns, sondern inklusiv, für alle sei. Diesen Weg sei Jesus weiter gegangen.
«Gott will kein erzwungenes Bekenntnis»
Von der Deutung des Bibeltextes leitete der Bischof über zu einem persönlichen Bekenntnis: «Ich bin überzeugt, dass der christliche Glaube wahr ist, dass er der Welt und dem Menschen gut tut.» Gewalt und Zwang lehnt er jedoch ab. «Gott will kein erzwungenes Bekenntnis, keine gewaltsame Bekehrung.»
Glauben könne man nur in Freiheit, so Grögli. «Ich will deshalb nicht, dass ein Staat mit Macht und Gewalt den christlichen Glauben durchsetzt. Ich will keinen christlichen Gottesstaat.» Der Bischof plädierte vielmehr für einen Staat, der die Religionsfreiheit für alle respektiert und schützt. Er wolle auch keine Kirche, die den religiösen Anspruch mit Gewalt durchsetze.
Weltpolitik und Machtmenschen
Und der Bischof fuhr fort: «Ich sage all das so deutlich, weil die Weltpolitik anders läuft, weil auch heute wieder das Recht des Stärkeren gilt: Machtmenschen setzen ihre eigenen Interessen unverfroren durch und foutieren sich um das internationale Recht», kritisierte Grögli – ohne Namen zu nennen.
«Kirche in Not» wisse, wohin fehlender Respekt der Religionsfreiheit führe. Das Hilfswerk lenke «unseren Blick auf die Not der verfolgten Christinnen und Christen in so vielen Ländern dieser Erde». Es sorge dafür, dass man sie sehe und nicht vergesse, dass sie in ihrer Not konkrete Hilfe und Unterstützung erfahren. Und es setze sich für Religionsfreiheit ein. Schliesslich dankte Beat Grögli allen, die die «Kirche in Not» in diesem Anliegen unterstützen.
Ikone auf Munitionskiste
Zum Ende der Eucharistiefeier schenkte «Kirche in Not» dem St. Galler Bischof eine Ikone, die ein Künstler im Ukraine-Krieg auf eine Munitionskiste gemalt hatte. «Der Ikonenmaler wollte ein Objekt des Tötens in einen Träger von Hoffnung, Liebe und Heil verwandeln», erklärte Jan Probst dazu. Man wisse, dass er, Bischof Grögli, Freunde in der Ukraine habe und ihm die Menschen dort am Herzen lägen. «In tiefer Dankbarkeit für Ihr Zeugnis möge diese Ikone auch Ihnen Hoffnung und Heil schenken.»
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