Ann-Katrin Gässlein, Liturgiewissenschaftlerin und Mitarbeiterin der Cityseelsorge St. Gallen
Schweiz

Ann-Katrin Gässlein: «Bei Kirchenumnutzungen sind Sakralräume eine Last»

Was soll mit Kirchen geschehen, die nicht mehr gebraucht werden? Vermieten, verkaufen oder abreissen? Darüber spricht Ann-Katrin Gässlein im Podcast «Laut + Leis». Sie ist Liturgiewissenschaftlerin, Mitarbeiterin der Cityseelsorge St. Gallen und Herausgeberin eines neuen Buches zum Thema.

Sandra Leis

Aus Kirchen werden Hotels, Schwimmbäder oder gar Einkaufszentren. Zumindest im Ausland. Das seien Extrembeispiele, sagen hiesige Fachleute übereinstimmend. Doch das Problem mit kirchlichen Gebäuden, die zu gross geworden sind, ist real.

«Schlecht genutzte Räume, die höchstens noch einmal wöchentlich von einer sehr kleinen Gottesdienstgemeinde besucht werden, sind ein Zeichen der Dekadenz», sagt Ann-Katrin Gässlein. «Das entspricht nicht dem Auftrag, was Kirche will und tun soll.» 

Die Theologin betont: «Zwischen ‹Es soll alles so bleiben, wie es ist› und ‹Wir müssen unsere Kirche jetzt verkaufen› gibt es ein ganz grosses Feld. Hier werden die interessanten Ideen entwickelt.»

Der Maihof in Luzern – ein Vorzeigebeispiel

Für ihr jüngstes Buch «KirchenRaum. Begegnung neu denken» hat Gässlein mit Fachpersonen gesprochen aus Theologie und Kunstgeschichte, Archäologie und Denkmalschutz, Architektur und Stadtentwicklung. Auffallend ist, dass mehrfach der sogenannte «Maihof» in Luzern erwähnt wird.

Eigentlich habe die zuständige Kirchgemeinde anfänglich kein grosses Interesse daran gehabt, erzählt die katholische Theologin im Podcast «Laut + Leis». Doch Umfragen unter der Bevölkerung des Quartiers hätten gezeigt, dass die Identifikation mit der Kirche und insbesondere mit dem Kirchturm sehr gross gewesen sei.

Der MaiHof in Luzern.
Der MaiHof in Luzern.

«Das hat den Verantwortlichen die Augen geöffnet. Sie haben für Umbaumassnahmen Gelder gesprochen unter der Bedingung einer nachhaltigen Finanzierung für die Zukunft.»

Das hat geklappt: Man konnte das Untergeschoss der Kirche an den Kindergarten vermieten und bei Teilen des Pfarreiheims mit Vereinen zusammenspannen. Heute gibt es dort ein Quartiercafé, das von Freiwilligen geführt wird. Und: Man hat auch den Kirchenraum für andere Nutzungen nach und nach zur Verfügung gestellt.

Ein Kritikpunkt

Heute finden in diesem Kirchenraum Kleiderbörsen statt, Public Viewing, Konzerte, Maturaprüfungen und anderes mehr. Verändert habe sich auch die Gottesdienstkultur, so Gässlein. «Man hält interreligiöse Feiern und überlässt den Kirchenraum manchmal auch anderen Glaubensgemeinschaften. Auch Apéros finden häufig in diesem Kirchenraum statt.»

Doch Hand aufs Herz: Ist das für eine Liturgiewissenschaftlerin, wie Ann-Katrin Gässlein eine ist, nicht auch etwas befremdend? Dazu sagt sie: «Ich beobachte manchmal einen hemdsärmligen Umgang mit Altar und Tabernakel. Der Altar im Maihof ist ein mobiler Altar, der zur Seite geschoben wird, was kirchenrechtlich so eigentlich nicht vorgesehen ist.»

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Wenn die Entwicklung so weit voranschreite, dass die Eucharistiefeier, für die der Kirchenraum ursprünglich gebaut und auch geweiht wurde, ins Verschwinden gerate, dann dürfe man schon die Frage stellen, ob nicht ein sauberer Schnitt die bessere Option und eine Profanisierung angezeigt wäre. Für Eucharistiefeiern liesse sich dann auf die Kapelle im gleichen Gebäude oder andere Kirchen der Stadt ausweichen.

Unterschied katholisch und reformiert

Eine Kirche weihen und gegebenenfalls entweihen: Das kennen die Evangelisch-Reformierten nicht. Auch Essen in der Kirche ist kein Problem.

Ganz anders in den römisch-katholischen Kirchen. «Auch wenn Kirchenräume in der Geschichte immer für unterschiedliche Zwecke verwendet wurden, so war der Sakralraum im 19. und 20. Jahrhundert praktisch ausschliesslich für Gottesdienste, vor allem für die heilige Messe vorgesehen», sagt Gässlein. «Hinzu kommen die verschiedenen Zonen mit dem Altarraum, wo es bis zum Konzil Frauen und Laien gar nicht gestattet war, ihn im Rahmen des Gottesdienstes zu betreten.»

Altarraum in der Kathedrale von Vaduz.
Altarraum in der Kathedrale von Vaduz.

Dieses Erbe wirke bis heute nach. Das müsse man bedenken. «Es gibt in der Gemeinde vielleicht nur eine Minderheit, die nicht möchte, dass vor dem Allerheiligsten ein Kaffeeautomat eingerichtet wird.» Doch auch diese Haltung gelte es zu respektieren.

Die Rolle des Denkmalschutzes

Insgesamt sind die gesellschaftlichen Entwicklungen und die damit verbundenen Herausforderungen für die Kirchgemeinden dieselben, egal ob katholisch oder reformiert. «Bei Umnutzungen sind Sakralräume eher eine Last», sagt Gässlein. «Sie sind oft 200 oder 300 Jahre alt, haben einen hohen Sanierungsbedarf, und die Instandhaltungskosten sind enorm. Wer kann das stemmen?»

Kirchenbänke sorgen regelmässig für Diskussionen mit dem Denkmalschutz.
Kirchenbänke sorgen regelmässig für Diskussionen mit dem Denkmalschutz.

Manchmal gebe es finanziell tragbare Lösungen für Büros und Coworking Spaces dank eines gut isolierbaren Kubus, der in den Kirchenraum integriert werde. Die Denkmalpflege akzeptiere diesen Weg meistens, wie Beispiele im Ausland zeigen, weil der Würfel reversibel sei und die Kirche äusserlich unverändert bleibe.

Doch manch einer Idee hat der Denkmalschutz, der in der Schweiz kantonal geregelt ist, auch schon ein jähes Ende gesetzt: Umstrittene Massnahmen reichen vom Einsetzen von Sonnenkollektoren auf dem Dach bis zum Entfernen von Kirchenbänken. 

Vielleicht empfiehlt die Schweizer Bischofskonferenz deshalb in ihren Leitlinien («Wenn der Kirchenraum nicht mehr passt»), von Anfang an auch eine Fachperson aus der Denkmalpflege an Bord zu holen. 

Blick in die Zukunft

«In Deutschland ist die Situation um einiges akuter als in der Schweiz», sagt Ann-Katrin Gässlein. «Dort gibt es im ganzen Land rund 40’000 Kirchen, und die Prognosen sagen, dass ein Drittel bis die Hälfte mittelfristig nicht mehr gebraucht wird.»

Ann-Katrin Gässlein: «Ich beobachte manchmal einen hemdsärmligen Umgang mit Altar und Tabernakel.»
Ann-Katrin Gässlein: «Ich beobachte manchmal einen hemdsärmligen Umgang mit Altar und Tabernakel.»

Zur Kirchenlandschaft in der Schweiz in zwanzig Jahren sagt sie: «Wir werden einige Kirchen verkauft haben. Es wird einige im Baurecht geben und einige mit abgetrennten Zonen, die anders genutzt werden, und es wird leider auch leerstehende Kirchen geben.» Dabei denkt sie insbesondere an die vielen kleinen Kapellen auf dem Land. «Auch für diese sind Ideen willkommen.»

Buch und Datenbank
Ann-Katrin Gässlein (Hg.): «KirchenRaum. Begegnung neu denken. 196 Seiten. Theologischer Verlag Zürich.
Zugang zur Datenbank mit Informationen zu über 200 umgenutzten Kirchen, Kapellen und Klöstern in der Schweiz: https://www.schweizerkirchenbautag.unibe.ch




Ann-Katrin Gässlein, Liturgiewissenschaftlerin und Mitarbeiterin der Cityseelsorge St. Gallen | © Sandra Leis
16. Januar 2026 | 07:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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