Die Reichsstadt Zürich auf einem Holzschnitt von Jos Murer 1576.
Schweiz

Das Frauenkloster Oetenbach – ein vergessenes geistlich-kulturelles Zentrum des Alten Zürich

Vor der Reformation gab es in Zürich ein Frauenkloster, das als kulturelles Zentrum überaus bedeutend war. Nicht nur als Schriftstellerinnen, auch als Musikerinnen waren die Nonnen des Frauenklosters Oetenbach berühmt. In einem von der Predigerkirche und der Pfarrei Liebfrauen organisierten Vortrag schilderte die Historikerin Magdalen Bless anschaulich Entstehung, Blüte und Ende dieses so wichtigen geistlich-geistigen Ortes.

Francesco Papagni

Im Film «Zwingli», der vor Jahren ein grosses Publikum erreichte, malt Regisseur Stefan Haupt ein düsteres Bild von Zürich vor der Reformation. Da zieht eine Prozession durch die Strassen, während die Armen am Rand ignoriert werden. Aber stimmt dieses Bild?

Eine neue Zeit

Zürich zählt ungefähr fünftausend Einwohner, darunter zahlreiche Priester und Ordensleute. Innerhalb der Stadtmauern gibt es sieben Klöster. Die gerade erst gegründeten Bettelorden – die Franziskaner und Dominikaner – bereichern das städtische Glaubensleben. Es entstehen auch Beginen- und Begardenhäuser – spirituelle Gemeinschaften ohne Ordensregel.

In Zürich gründen Gertrud von Hilzingen und Mechthild von Wollishofen um 1231 ein erstes Beginenhaus. 1237 kaufen sie ein Grundstück am Oetenbach, dem heutigen Hornbach in Zürich-Seefeld. Für die Seelsorge sind die Dominikaner zuständig. Der gelehrte Prior Hugo Ripelin unterstützt die Beginen.

Die Wende

Die Lebensverhältnisse sind mehr als bescheiden: Als Graf Rudolf IV von Rapperswil und seine Frau Mechthild von der Not der Frauen erfahren, schicken sie an Festtagen ein Schiff über den See mit Lebensmitteln. Die Wende kommt mit Uta von Hohenfels, die Erkundungen einholt über geistliche Gemeinschaften. Das Kloster Oetenbach hat den besten Ruf, sodass sie dort eintritt – zusammen mit drei Dienerinnen, die Bücher schreiben und illuminieren (bemalen) konnten.

Das Kloster richtet eine Schreibstube ein, eine von nur zwei Schreibwerkstätten im damaligen Zürich. Die andere betrieben die Dominikaner. Ihre Bücher waren weniger ausgeschmückt. Deshalb vermutet Magdalen Bless, dass die berühmte Manessische Liederhandschrift, das wohl schönste profane Buch seiner Zeit, in der Oetenbacher Werkstätte entstanden ist.

Ein geistlich-kulturelles Zentrum

Da die Nonnen lesen mussten, richtete das Kloster eine hauseigene Schule ein, wo auch Latein unterrichtet wurde. In Sachen Frauenbildung wurden die Oetenbacher Schwestern damit zu Pionierinnen. 1278 kommen die Güter des Kirche St. Peter in Bludenz durch Schenkung zum Kloster. Mit diesen Mitteln ist ein Neubau möglich, denn der Standort am See wurde regelmässig überflutet.

Es entsteht der Bau im Gebiet der heutigen Urania, das weiterhin den Namen Oetenbach trägt. Bald zählt das Kloster an die zweihundert Nonnen. Als man in Bern am Ort des heutigen Inselspitals ein Kloster gründen will, holt man vier Nonnen aus Zürich. Das zeigt das Renommee von Oetenbach.

Das Kloster war auch für seine Pflege der Musik berühmt, es hatte das höchste Niveau in der ganzen Stadt. Ein Reisender aus Halle machte 1474 in Zürich Halt und war begeistert: Eine solche Meisterschaft hätte er nirgends angetroffen, schreibt er in sein Tagebuch. Die Schwestern waren nicht nur Sängerinnen, sie waren Autorinnen und gebildete Gesprächspartnerinnen. Meister Eckhard und Heinrich Seuse, zwei der wichtigsten Mystiker des Mittelalters, haben das Kloster besucht.

Der Beginn von Frauenliteratur

Im Kloster Oetenbach entwickelt sich eine für die Zeit typische Mystik. In gewagten literarischen Bildern wird Jesus Christus gehuldigt – die Nonnen stellen sich als Bräute Christi dar, als Frauen, die Christus folgen. Dieses Compassio-Ideal, demgemäss der Mensch Gott ähnlich werden will, führt zu einer Verinnerlichung des Glaubens.

Die aus dem Kloster Oetenbach erhaltenen Zeugnisse sind so wertvoll, weil hier zum ersten Mal im schweizerisch-süddeutschen Raum die Gefühlswelt von Frauen schriftlich festgehalten wird. Mit Elisabeth von Oye aus dem Kloster Oetenbach und Elisabeth Stadel aus dem Dominikanerinnenkloster Töss bei Winterthur – beide lebten in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts – haben wir zwei Namen der frühesten eigenständig schreibenden Frauen der Schweiz.

Lebten zu Beginn arme Frauen und Patrizierinnen zusammen, wird im 14. und 15. Jahrhundert der Zugang zum Kloster zunehmend reglementiert, sodass dann die meisten Nonnen aus begüterten Familien stammen. Die Beginenhäuser existieren aber weiter und werden vom Kloster protegiert.

Die Reformation bricht ein

In Zürich beginnt die Reformation im Jahr 1525. Die Klöster werden aufgehoben, die Nonnen und Mönche vertrieben. Im Kloster Oetenbach leistet eine Mehrheit der Nonnen Widerstand. Am Ende macht der Rat von Zürich eine Konzession: Diejenigen, die bleiben wollen, können bleiben, aber als weltliche Privatpersonen.

Doch bald erfasst der Zürcher Bildersturm auch dieses Kloster. Kostbare Altäre und andere Kultgegenstände werden zerstört. Noch grösser wiegt der Verlust der unschätzbar wertvollen Klosterbibliothek. Denn die Bilderstürmer hatten es auch auf Bücher abgesehen.

Das Ende

Nach der Vertreibung der Frauen wird das Gebäude gleichzeitig als Zuchthaus und als Waisenhaus genutzt. Schliesslich wurde es zu einem Kornspeicher.  Die markante Klosterkirche mit den Konventsgebäuden, die den grössten gotischen Kreuzgang der Schweiz umschliessen, überlebte bis 1902/1903. Dann wurde der Komplex im Zuge des Neubaus der Uraniastrasse und der Amtsgebäude abgerissen. Die Gebäude wurden vor dem Abbruch nicht einmal ordentlich dokumentiert. Heute steht an jenem Ort  das Parkhaus Urania.

Neben dem Frauenkloster Oetenbach war das Predigerkloster auf dem Areal der heutigen Zentralbibliothek ein geistig-geistliches Zentrum und beherbergte zeitweise eine ordenseigene theologische Hochschule – dies zu einer Zeit, in der es keine Universitäten in der Schweiz gab. Das spätmittelalterliche Zürich war also alles andere als ein grauer Ort.

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Die Reichsstadt Zürich auf einem Holzschnitt von Jos Murer 1576.
30. Dezember 2025 | 12:00
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