Erfolgreicher Religionsdialog – unschöne Vorfälle am Rande
Der jüngste Gelehrtenkongress an der Universität Gregoriana zum 60. Jubiläum des Konzilsdokuments «Notra aetate» zeigte: Die damalige Kompromissformel ist bis heute anschlussfähig. Doch ein Schweizer Theologe und ein Schweizergardist trübten die Idylle.
Ludwig Ring-Eifel
(KNA) Vom 27. bis 29. Oktober debattierten Fachleute in Rom über den Text, der vor 60 Jahren das Verhältnis der katholischen Kirche zu den anderen Religionen nicht nur in der Theorie grundlegend veränderte. Die kürzeste aller Konzilserklärungen hat, das wurde in Rom deutlich, das Miteinander der Religionen auch auf praktischer Ebene nachhaltig verändert.
Ursprung im Verhältnis Katholizismus-Judentum
Dabei wirken, auch das zeigte sich bei dem Kongress, die Entstehungsgeschichte und die inhaltlich wenig homogene Struktur des Dokuments «Nostra aetate» bis heute nach. Die Erklärung des Konzils war ursprünglich als eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum initiiert worden. Doch dann wurde sie – auch aus politisch-diplomatischen Gründen – umgeschrieben und ausgeweitet zu einem Text, der die Beziehungen der Kirche zu allen Weltreligionen auf eine neue Grundlage stellt.
Dies zeigt sich im Konzils-Text an den sehr unterschiedlichen Längen und Gewichtungen: Dem Verhältnis zum Judentum ist ein ausführliches und theologisch gründlich durchdachtes Kapitel gewidmet. Der Islam kommt immerhin noch in einem eigenen kurzen Kapitel mit einigen Sätzen vor; doch die übrigen Weltreligionen wie Hinduismus und Buddhismus werden nur sehr kurz abgehandelt. Andere, wie etwa der Sikhismus oder der Jainismus, finden überhaupt keine Erwähnung.
Lücken im Text sind kein Hindernis
Mit diesen «Lücken» im bis heute wichtigsten Grundlagentext der katholischen Kirche für ihr Verhältnis zu anderen Glaubensgemeinschaften befassten sich bei dem Kongress in Rom eigene Vorträge. Dabei wurde überraschend deutlich, dass die vor 60 Jahren gefundene Kompromissformel bis heute anschlussfähig ist. Sie lautet, dass die Kirche «nichts von alledem ablehnt, was in diesen Religionen wahr und heilig ist» und dass sie anerkennt, dass «die Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet».
In diesen Worten können sich auch die nicht ausdrücklich genannten Religionen ohne grössere Verrenkungen wiederfinden. Mehrere Vorträge brachten das Paradox zum Ausdruck, dass diese Formeln, obwohl (oder gerade weil) sie eher kurz und «nebulös» gehalten sind, ihr Potenzial bis heute entfalten und als tragfähige Grundlage auch im 21. Jahrhundert taugen.
Dies gilt auch für das derzeit in manchen Ländern sehr schwierige Verhältnis von Islam und Christentum. Hier machte die Tagung deutlich, dass das im Koran enthaltene Potenzial der positiven islamischen Würdigung von Maria und Jesus noch bei weitem nicht ausgeschöpft ist.
Christlich-jüdische Sonderbeziehung
Die mit Abstand spannendsten Debatten, aber auch scharfe Konflikte, entwickelten sich in den Teilen des Kongresses, die dem christlich-jüdischen Verhältnis gewidmet waren. Das Judentum nimmt aus Sicht der Christen unter den Religionen eine Sonderstellung ein.
Denn es gehört aus Sicht der Christen, wie es ein Kongress-Teilnehmer formulierte, «zur Familie» – oder, um es mit den Worten von Johannes Paul II. zu sagen: «Sie sind unsere älteren Brüder im Glauben.»
Heftiger Streit wegen Tessiner Theologen
Aber so, wie es innerhalb von Familien oft zu heftigerem Streit kommt als zwischen entfernteren Nachbarn, waren es beim Kongress in Rom die christlich-jüdischen Konflikte, die sich am lautesten bemerkbar machten.
Das begann gleich am ersten Tag mit einem Vortrag des in Neapel lehrenden Tessiner Theologen Mario Imperatori. Er zog eine Parallele zwischen der Schoah und dem, was israelische Truppen («als Enkel der Opfer der Schoah») nach dem 7. Oktober 2023 im Gaza-Streifen anrichteten und provozierte damit erzürnte Reaktionen jüdischer Teilnehmer.
Gleich auf mehreren Ebenen versuchte die katholische Seite die Wogen zu glätten: Das Tagungspräsidium distanzierte sich unverzüglich von den Ausführungen des Schweizer Jesuiten. Und am letzten Tag griff der in Salzburg lehrende Theologe Gregor Maria Hoff den Eklat nochmals auf und bescheinigte «denen, die solche Thesen vertreten», dass sie nichts von dem verstanden hätten, worum es in «Nostra aetate» gehe.
Der Papst bedauert Missverständnisse
Papst Leo XIV. persönlich äusserte sich auf grosser Bühne in einer Weise, die den Schluss zulässt, dass auch er über den Vorfall informiert worden war. Bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz, an dem die jüdische Kongress-Delegation in herausgehobener Position teilnahm, betonte er, dass seit «Nostra aetate» alle seine Vorgänger «den Antisemitismus mit klaren Worten verurteilt» hätten und fuhr fort: «Und so bestätige auch ich, dass die Kirche den Antisemitismus nicht toleriert und ihn bekämpft – und das aufgrund des Evangeliums selbst!»
Gleichzeitig räumte der Papst ein, «dass es in der gegenwärtigen Phase Missverständnisse, Schwierigkeiten und Konflikte gab». Diese hätten aber nie die Fortsetzung des Dialogs verhindert. Er fügte hinzu: «Auch heute dürfen wir nicht zulassen, dass politische Umstände und die Ungerechtigkeiten einiger diese Freundschaft gefährden, zumal wir schon so viel erreicht haben. Der Geist von ‘Nostra aetate’ erleuchtet weiterhin den Weg der Kirche.»
Vorfall mit einem Schweizergardisten
Unklar ist, ob der Papst zu diesem Zeitpunkt auch über einen weiteren Vorfall informiert war, der sich nach Aussagen von Kongressteilnehmern am Tag zuvor ereignet haben soll, als die mit Kippa bekleideten jüdischen Delegierten zur vatikanischen Audienzhalle kamen, um dort den Papst in einer geschlossenen Veranstaltung zu treffen. Laut Aussagen des Salzburger Theologen Hoff soll ein Schweizergardist in Richtung der Delegierten ausgespuckt und auf Französisch «Juifs» (Juden) ausgerufen haben.
Die Sache wird derzeit vatikanintern untersucht. Bemerkenswert ist, dass ungeachtet der beiden Vorfälle die Stimmung unter den jüdischen und christlichen Kongressteilnehmern am Ende der drei Tage positiv bis euphorisch war. In ihren Schlussansprachen betonten Teilnehmer beider Glaubensgemeinschaften, dass das Netz der persönlichen Beziehungen und der akademische Austausch eine so belastungs- und tragfähige Basis bilde, wie dies 60 Jahre zuvor noch niemand zu hoffen gewagt habe.
Dies war nicht zuletzt im freundschaftlichen Umgang der Delegierten miteinander zu spüren. Allerdings zeigen die beiden unschönen Vorfälle am Rande, dass ausserhalb der gut gepflegten «Blase der Dialog-Spezialisten» noch viel zu tun ist, um alte und neue Vorurteile zu überwinden.
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