Regula Knecht-Rüst, SRF-Radiopredigerin.
Radiopredigt

Regula Knecht-Rüst: Shalom

Radiopredigerin Knecht-Rüst berichtet von einem kindlichen Albtraum. Krass ist, dass sich dabei Traum und Realität vermischen. Nicht nur am Tag nach dem Traum, sondern immer wieder in der Geschichte der Menschheit. Nur ein umfassender Shalom könnte diesem Albtraum entgegenwirken.

Regula Knecht-Rüst*

Als ich Kind war, hatte ich einen schrecklichen Albtraum, der mich immer wieder plagte: Im Traum war ich einerseits im riesigen Weltall völlig allein, schwebte schwerelos umher und um mich herum war nur Dunkelheit und unendliche Weite. Gleichzeitig war ich in einem sehr kleinen Raum eingesperrt. Die viel zu nahen Mauern drohten mich zu erdrücken.  Mir fehlte Luft zum Atmen und mich zu bewegen. Und es wurde immer enger und enger. Diese zwei gegensätzlichen Traumbilder waren stets begleitet von einem hohen Piepen in meinem Ohr. Ein Piepen, das mich rasend machte und in mir gleichzeitig ein Gefühl von Ohnmacht und ausgeliefert sein hervorrief.

Traum und Realität vermischen sich.

Wenn ich aufwachte, ging der Traum weiter – das war das Schlimmste.  Es piepte und die Dunkelheit um mich her machte mir Angst. Traum und Realität vermischten sich. Ich war einerseits eingesperrt in dieser engen Kammer, zeitgleich verloren im unendlichen Weit, im Nichts und andererseits lag ich im Bett in meinem Kinderzimmer. Um dem Grauen ein Ende zu setzen, knipste ich jeweils das Licht an und kniff mich in die Arme. Manchmal liess ich kaltes Wasser über mein Gesicht und die Arme laufen, um den Schrecken abzuspülen oder wenn es möglich war, ging ich zu meinen Eltern. Legte ich mich zu früh wieder ins Bett, um weiterzuschlafen, dann ging der Traum oft nahtlos weiter.

Verloren in der Enge und in der Weite

Meine Eltern realisierten damals nicht, was ich träumte, weil ich es nicht mit Worten erklären konnte. Es war ein sehr dunkles, unheimliches Gefühl.  Erst viele Jahre später konnte ich dieses Gefühl in Bilder und Worte fassen. Rückblickend würde ich den Traum als «Verlorenheit» betiteln. Ich fühlte mich verloren. Verloren in der Weite der Welt und der gleichzeitigen Enge, der Begrenztheit des eigenen Lebens.

Der Albtraum vom 9. November 1938

Heute ist der 9. November. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es in Deutschland und Österreich zu systematischer Gewalt gegen Juden und Jüdinnen.  Synagogen wurden in Brand gesetzt, tausende Juden verhaftet, jüdisches Eigentum wurde geplündert und Wohnhäuser zerstört. Diese Nacht war nur der Auftakt der grausamen Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten und gehört bis heute zu einem der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte.  Die Reichskristallnacht.

Reichspogrome in Hamburg: SS- und SA-Männer stellen eine Jüdin und einen Juden bloss.
Reichspogrome in Hamburg: SS- und SA-Männer stellen eine Jüdin und einen Juden bloss.

Vielleicht wundern Sie sich, was der Albtraum eines Kindes und jener vom 9.November 1938 gemeinsam haben und ich Ihnen heute davon erzähle. Der gemeinsame Nenner dieser beiden so unterschiedlichen Erfahrungen ist die völlige Abwesenheit von Frieden.

Kampf um Friede

Friede wird an vielen Orten dieser Welt verzweifelt erhofft, erkämpft, vergeblich gesucht oder leider auch immer wieder fallengelassen. Der kürzlich verliehene Friedensnobelpreis zeigt, wie einflussreiche Machthaber viel darum geben, diesen Preis zu bekommen.  Wer Frieden erlangt hat mehr als nur Macht.

Die erhoffte Waffenruhe im Krieg zwischen Israel und Palästina steht auf wackeligen Füssen. Israel fliegt immer wieder Angriffe. Die palästinensische Seite habe israelische Soldaten attackiert.  Die zuletzt von den Hamas übergebenen Leichen waren keine Geiseln. Was auch immer dort genau passiert, klar ist, so gestaltet sich Frieden nicht. Zu unsicher und angespannt ist die ganze Situation.

Gleichzeitig werden im Konflikt Russland-Ukraine verzweifelt Friedensbemühungen unternommen – bisher – ohne Erfolg.

Fernab der Weltbühne

Weitab von den Medien toben zig andere Konflikte, wie zum Beispiel der Krieg im Sudan mit ungefähr Zehntausenden von Toten. Eine der schlimmsten humanitären Krisen der Welt mit über 10 Millionen Menschen auf der Flucht, Hungersnöten, Krankheiten und eine immense Zerstörung von Infrastruktur. Wer bemüht sich dort um Frieden? Ein Journalist von SRF News Plus meint dazu: «Die Welt schaut nicht hin.»

Alle von Krieg betroffenen Menschen hungern nach Frieden. Die einen in erster Linie nach der Abwesenheit von Angriffen. Ist diese möglich, zeigt sich wieviel tiefgreifender der Friedenshunger der Menschheit tatsächlich ist: allein die Abwesenheit von Bombenalarmen und Beschuss macht noch keinen Frieden aus.

Das hebräische Wort «Shalom»

In der Bibel wird das Wort «Frieden» auf Hebräisch mit «Shalom» bezeichnet.  Im Nahen Osten wird Shalom oder ein ähnlicher Wortlaut immer noch als Gruss verwendet. Als Jesus lebte, begrüsste er seine Freunde mit Shalom. Shalombeinhaltet viel mehr als nur die Abwesenheit oder das Ende von Krieg und anderen Konflikten. Shalom bedeutet ein ganzheitliches Wohlbefinden. Ein Angekommen sein.

Friedensfahnen
Friedensfahnen

Friede, der unabhängig davon ist, was ich habe und auch unabhängig von äussern Umständen. Shalom ist mehr als ein ruhiges Gewissen. Shalom ist das Gegenteil von Leere und Verlorenheit. Shalom ist das, was mir, der kleinen Regula, fehlte damals im dunklen Kinderzimmer.

Shalom zu erklären, kann nicht in einen Satz gepackt werden, sondern ist vielmehr ein ganzheitlicher Zustand, der sich am ehesten mittels Bilder erklären lässt. Malcolm Muggeridge, ehemaliger Kommunist, Philosoph und journalistische Entdecker von Mutter Theresa, beschrieb diesen Frieden so: «Er ist eine Heimkehr, das Auflesen der Fäden eines verlorengegangenen Lebens, das Antworten auf eine Glocke, die schon lange läutet, das Einnehmen eines Platzes an einem Tisch, der lange unbesetzt war.»

Jesus verheisst Frieden

Auch Jesus sprach über diesen Shalom. Zum Beispiel sagte er seinen Jüngern kurz bevor er endgültig zu seinem Vater im Himmel zurückkehrte (Johannes 14,27): «Ich lasse euch ein Geschenk zurück – meinen Frieden. Und der Friede, den ich schenke, ist nicht wie der Friede, den die Welt gibt.

Deshalb sorgt euch nicht und habt keine Angst.» Der Friede, den Jesus damals seinen Jüngern versprach, überstieg also die menschlichen Möglichkeiten bei weitem.  Dieser Frieden ist beim Urheber dieses Gedankens – bei Jesus zu finden.

Ein Geschenk Gottes

Shalom zu erleben ist für mich eine Gemeinschaftserfahrung mit Gott. Wenn ich aus meiner eigenen Kraft nach Frieden strebe, dann ist das nur Symptombekämpfung. Oder ein Ablenkungsmanöver. Shalom kann ich nicht aus mir selbst bewirken, sondern ist ein Geschenk von Gott an mich, so wie es Jesus seinen Jüngern erklärte:  Ich lasse euch ein Geschenk zurück – meinen Frieden.

Shalom liegt aber nicht jeden Morgen automatisch neben meinem Bett bereit, wartet, bis ich aufwache und ist selbstverständlich Teil meines Lebens. Shalomist zwar ein Geschenk von Jesus an mich, aber wenn ich mich nicht immer wieder an dieses göttliche Geschenk erinnere, dann geht es vergessen – mindestens mir geht es so.

Friede ist auch Aufgabe

Ich mache es mir darum zur Aufgabe, diesen Frieden nicht zu vergessen oder als selbstverständlich hinzunehmen, habe ich ihn einmal gefunden. Ich möchte ihn immer wieder erleben – weil er einen Einfluss hat auf mein eigenes Innenleben und auch darauf, wie ich handle in meinem Umfeld. Im Psalm 34,15 steht: Suche Frieden und jage ihm nach!

Bunte Jungschi-Demo in Bern
Bunte Jungschi-Demo in Bern

Im Nachjagen ist mir unsere Jungschi ein Vorbild. Das ist eine christliche Jungschar Gruppe bei uns in der Kirche der Heilsarmee. Sie treffen sich alle 14 Tage und sind bei Wind und Wetter zusammen draussen. Zu Beginn und am Ende jedes Nachmittages halten sich die Kinder und Leitenden mit überkreuzten Händen fest und schreien voller Begeisterung den Begrüssung- und Abschiedsgruss.

Shalom, Shalom, Shalom!

Gewohnheiten einüben

Wenn die Kinder aus dem Jungschialter rauswachsen, wenn sie irgendwann vielleicht schmerzliche und verlorene Momente erleben, dann wünsche ich mir sehnlichst, dass sie sich wieder an den Shalom-Gruss erinnern.

Vielleicht machen Sie es sich auch zur Gewohnheit, wenn Sie sich verloren, leer, heimatlos und haltlos fühlen, dass Sie leise (oder auch laut) Shalomsagen. Ich bin überzeugt – es zeigt Wirkung. Es erinnert an den Frieden, den Gott allen bereithält, die ihn suchen. Dieses Geschenk ist auch Ihnen – liebe Radiohörerin, lieber Radiohörer – zugänglich.

Am Ende sind es die kleinen persönlichen Shalom-Momente, die einen Impact haben auf das grosse Geschehen in dieser Welt. Ich lasse euch ein Geschenk zurück – meinen Frieden. Und der Friede, den ich schenke, ist nicht wie der Friede, den die Welt gibt. Deshalb sorgt euch nicht und habt keine Angst.

*Regula Knecht-Rüst ist Wachtmeisterin bei der Heilsarmee und arbeitet in Winterthur.

Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.

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Regula Knecht-Rüst, SRF-Radiopredigerin. | © SRF/Gian Vaitl
9. November 2025 | 11:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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