Barbara Kückelmann: Gottes Blick zulassen
Das Sonntagsevangelium aus dem 18. Kapitel des Lukas erzählt vom Pharisäer und Zöllner. Sie stehen als zwei Prototypen des Menschen. Radiopredigerin Barbara Kückelmann wirft in ihrer Predigt einen Blick auf diese Prototypen.
Barbara Kückelmann*
Manche Sätze bleiben einfach hängen. Sätze, die Mut gemacht haben, genauso wie jene, die klein gemacht oder verängstigt haben. Und es gibt Sätze, die haben Geschichte geschrieben – etwa die Antwort des damaligen Sprechers des SED-Regimes auf die Rückfrage eines Journalisten, wann denn die neuen Reiseregelungen der DDR in Kraft treten würden: «Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort – ,unverzüglich›.» Es war dieser Satz, der in jener Nacht die Berliner Mauer geöffnet hat.
Sätze, die Perspektiven öffnen
Vielleicht schwirren jetzt auch Ihnen, liebe Hörerinnen, liebe Hörer, Sätze durch den Kopf, welche die Kraft hatten, in Ihrem Leben Mauern zu öffnen; Sätze, die Ihnen neue Perspektiven gezeigt und Sie ermutigt haben. Dazu gehören für mich auch biblische Sätze.
Doch in derselben Bibel stosse ich ebenso auf Sätze, die mich ziemlich ratlos machen. So wie jener Satz im Lukas-Evangelium, im 18. Kapitel, den Jesus an den Schluss einer kurzen Gleichniserzählung setzt. Dieses Gleichnis ist das heutige Sonntagsevangelium in den katholischen Gottesdiensten.
Zöllner und Pharisäer
In diesem Gleichnis geht es um zwei Menschen, einen Pharisäer und einen Zöllner. Jesus stellt sie nicht als individuelle Persönlichkeiten vor. Zöllner und Pharisäer werden hier grob überzeichnet und als «Prototypen» einander gegenübergestellt.
Ein Pharisäer und ein Zöllner, so erzählt Jesus, gehen zum Tempel hinauf, um zu beten. Sie beten auf sehr unterschiedliche Weise. Der einer, der Pharisäer, stellt sich vorne hin und macht Worte über Worte. Er zählt auf, was er alles richtig macht und wie genau er sich an die Gebote hält. Vor allem dankt er Gott, dass er nicht so ist wie … der da hinten, der lügt und betrügt, dass er nicht so ist wie all diese Ehebrecher und Räuber.
Partei für den Sünder
Der da hinten, das ist der Zöllner. Er drückt sich hinten herum, weil seine Lebensführung alles andere als vorzeigbar ist. Das weiss der Zöllner. Darum kommt ihm nur ein einziger Satz über die Lippen: «Gott, sei mir Sünder gnädig». (Lk 18,13)
Hier der Hochmütige, dort der Demütige – eine Geschichte gewissermassen in schwarz-weiss. Gut und schlecht sind schnell verteilt. Offensichtlich auch für Jesus. Denn er stellt sich keineswegs auf der Seite des so tadellos Frommen. Jesus ergreift Partei für den Sünder, der Gott um Erbarmen bittet: «Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab», sagt Jesus, «der andere nicht.» (Lk 18,14a).
«Erniedrigen und erhöhen» erzeugt Ratlosigkeit
Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte. An das Ende dieses Gleichnisses stellt Jesus den Satz: «Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden». (Lk 18,14b). Wahrlich kein Satz, der die Kraft hätte, Mauern zu öffnen. Keine Worte, die mich weiterführen könnten. «Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden».
Ich bin ratlos, ich verstehe nicht, worauf Jesus eigentlich hinaus will. Mich selbst zu erniedrigen ist seine Aufforderung an mich? Haben die Spötter also doch Recht, die behaupten, Religion und besonders das Christentum mache die Menschen klein und duckmäuserisch?
Sympathien für den Zöllner
Im Gleichnis hatte sich Jesus auf die Seite des Zöllners gestellt. So hat er Gottes Vorliebe für die Sünder, für die nicht-so-Perfekten durchscheinen lassen. Ich frage mich, ob das auch für mich gilt, mit meinen Fehlern, meinem Versagen, mit allem, das ich schuldig bleibe? Ständig bleibe ich hinter meinen Idealen zurück. Deshalb geht auch meine Sympathie an den Zöllner.
Ich würde mich nie so weit aus dem Fenster lehnen wie der Pharisäer. So hat es auch, gereimt und in Versform, der Dichter Eugen Roth auf den Punkt gebracht: «Ein Mensch betrachtete einst näher die Fabel von dem Pharisäer, der Gott gedankt voll Heuchelei dafür, dass er kein Zöllner sei. Gottlob! rief er in eitlem Sinn, dass ich kein Pharisäer bin!»
Der Pharisäer
Ich fühle mich ertappt. Ohne es zu merken, habe ich die Rollen vertauscht: Zum Glück bin ich nicht so wie dieser heuchlerische Pharisäer. Jetzt beginnt mich dieses Gleichnis zu interessieren!
Da ist auf der einen Seite der sprichwörtliche Pharisäer; ihm klebt das Etikett des Heuchlers an, bis in unseren heutigen Sprachgebrauch hinein. Dabei waren die Pharisäer zur Zeit Jesu keineswegs sture Gesetzesfanatiker. Ihnen war es wirklich ernst mit der religiösen Praxis. Und sie gehen mit gutem Beispiel voran.
Jesus geht es aber um etwas anderes. Der Pharisäer dankt Gott dafür, nicht so zu sein wie die anderen. Und schon ist es um seine Frömmigkeit geschehen! Der Pharisäer macht die anderen klein, er verurteilt sie und spricht sich selbst gerecht. Dieses Urteil Gott zu überlassen, das kommt ihm gar nicht in den Sinn. In seinem Gebet dreht sich alles um ihn selbst. Für ihn ist es ausgemacht: Als Meistbietender wird er wohl den Zuschlag der göttlichen Gnade erhalten.
Der Zöllner
Dagegen steht der Zöllner. Die Aufgabe der Zöllner zur Zeit Jesu bestand darin, im Auftrag der römischen Besatzungsmacht die Steuern einzutreiben. Dafür mussten sie – wohl oder übel – mit den verhassten Römern kollaborieren. Kommt hinzu, dass sich viele Zöllner dazu verleiten liessen, über den regulären Tarif hinaus in die eigene Tasche zu wirtschaften.
In der Schilderung bei Lukas schwingt dieser Hintergrund mit. Der Zöllner ist ein mieser Kerl, anders kann man das nicht sagen. Und er weiß es. Deswegen macht er eines nicht: auf andere herabsehen und sie verachten. Der Zöllner fällt kein Urteil, weder über andere noch über sich selbst. Er setzt allein auf Gottes Gnade: «Gott, sei mir Sünder gnädig». (Lk 18,13)
Platz machen für Gott
Ich ahne, dass das kein unterwürfiger Satz ist. Mit dieser Bitte macht der Zöllner Platz für Gott und für Gottes grössere Möglichkeiten. Deshalb geht die Geschichte für ihn gut aus. Auch ich muss nicht etwa ein schlechter Mensch werden, um bei Gott Anerkennung zu finden. Ich darf mein ehrliches Bemühen in den Blick nehmen. Ich muss mich nicht klein machen vor Gott.
Das macht interessanterweise der Zöllner auch nicht. Aber er überlässt es Gott, wie es nun weitergehen könnte. Er weiss, dass er Gottes Zuwendung nicht verdient. Dennoch vertraut er. Er rechnet damit, dass Gott in seinem verkorksten Leben wirken kann. Und wirken wird.
Dem Blick Gottes aussetzen
Und noch etwas unterscheidet diese beiden. Der Zöllner setzt sich mit seiner Bitte dem Blick Gottes aus. Er stellt sich aufrecht hin und lässt sich von Gott ansehen. Deshalb muss er sich auch nicht wortreich erklären. Der Pharisäer hingegen macht Worte über Worte. Er scheint gar nicht damit zu rechnen, dass Gott ihn ansieht. Was würde ihm passieren, wenn er Gottes Blick zuliesse?
Was würde mir passieren – und Ihnen, die Sie jetzt zuhören – wenn wir Gottes Blick zuliessen?
*Barbara Kückelmann ist römisch-katholische Theologin.
Bibelstelle: Gedanken zu Lk 18, 9-14
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