Gunda Brüske
Schweiz

Kann Liturgie zur Kirchenerneuerung beitragen?

Kirchenerneuerung durch Liturgie geschieht schon heute: Immer dort, wo Menschen aus der Erfahrung gemeinsamen Feierns neu oder tiefer als zuvor geistliche Gemeinschaft bilden, sagt Gunda Brüske, Leiterin des Liturgischen Instituts der deutschsprachigen Schweiz.

Jacqueline Straub

Wie muss heute Liturgie gefeiert werden, damit sie Kraft ausstrahlt und Menschen berührt?

Gunda Brüske*: Auf diese Frage würden wohl viele mit dem Adjektiv «authentisch» antworten. Das drückt ein Bedürfnis aus, kann auch ein Defizit anzeigen, weil etwas als nicht-authentisch empfunden wird. Aber solche Adjektive greifen oft zu kurz. Mir ist wichtig, dass wir realisieren: «die» Menschen oder «den modernen Menschen» gibt es nicht in einer pluralisierten Gesellschaft, die längst eine Pluralisierung in der Kirche nach sich gezogen hat. Was die einen «berührt», um das Modewort aus Ihrer Frage aufzunehmen, spricht andere nicht automatisch an. Es gibt unterschiedliche Stile und Geschmäcker – nicht nur beim Essen, sondern auch beim gottesdienstlichen Feiern – und in beiden Fällen ist die Angebotspalette grösser als vor 50 Jahren. Dennoch kann man einige Punkte nennen: klangvoller gemeinsamer Gesang, ansprechende Predigten, Erfahrung von Gemeinschaft. Welche Gesänge das sind, was genau anspricht, wer zur Gemeinschaft dazugehören soll – das wird eben unterschiedlich beantwortet.

«Dort, wo Menschen ganz normal miteinander feiern, wird Kirche von Gott her neu.»

Wie kann Liturgie zur Quelle für Prozesse von Kirchenerneuerung werden?

Brüske: Wir könnten jetzt über die Deutschschweiz hinausblicken etwa nach Frankreich, wo junge Menschen u.a. durch Gottesdienste einen ersten Zugang zum Christsein fanden und sich dann auf einen katechumenalen Weg machten. Der Katechumenat gliedert sich u.a. durch liturgische Feiern und er ist ein Weg in Gemeinschaft von Getauften und Taufbewerberinnen und Taufbewerbern, was auch auf die schon vor längerer Zeit Getauften inspirierend wirkt. Oder wir realisieren ganz schlicht: Überall dort, wo Menschen ganz normal miteinander feiern, wird Kirche von Gott her neu – auch wenn dieser geistliche Prozess nach aussen hin nicht sichtbar sein mag. Oder es passiert dort, wo sich Menschen gemeinsam auf den Weg machen und auf ihrem Weg zusammen Gottesdienste feiern – man denke an synodale Treffen, an Menschen, die nicht nur zusammen in der Kirche arbeiten, sondern auch zusammen Gott feiern und sich vom ihm beschenken lassen, oder an die Projektgruppen der «Werkstatt für Wandlung», die das Liturgische Institut bereits zweimal durchgeführt hat und im kommenden Jahr wieder anbietet.

Was braucht es hierfür?

Brüske: Entscheidend sind Menschen mit einem geistlichen Zugang zur Liturgie und ansteckender Begeisterung, man spricht auch von «burning persons». Wenn Menschen Glauben und Leben im Feiern miteinander teilen möchten, und sich deshalb gemeinsam auf den Weg machen – mit Commitment und mit gemeinsamer Reflexion des Weges – geschieht etwas.

Junge Menschen bei einem Gottesdienst am 27. April 2025 auf dem Petersplatz im Vatikan.
Junge Menschen bei einem Gottesdienst am 27. April 2025 auf dem Petersplatz im Vatikan.

Was hilft sonst noch?

Brüske: Ich würde sagen: Gemeinschaft stiftendes, leidenschaftliches Singen und Musizieren, Genährtwerden aus den Worten der Heiligen Schrift sowie Vertrauen, Mut, Kommunikationsfähigkeit, Kreativität – und Durchhaltevermögen, denn kurze Wege oder Abkürzungen gibt es in diesem Feld wohl kaum.

In einem Beitrag des Buches «Liturgie und Ekklesiologie» zitieren Sie Kardinal Basil Hume, der davon sprach, dass viele Gläubige «sakramentalisiert nicht evangelisiert» sind. Sie resümieren daraus, dass der Weg zur Liturgie weit ausserhalb des Kirchenraumes beginnt. Was fordern Sie?

Brüske: Sind Forderungen wirklich hilfreich? Die Kardinal Hume zugeschriebene und oft ohne Namensnennung zitierte Formel kann, so meine ich, den Blick weiten: Was passiert, wenn Menschen zwar den sakramentalen Weg der Initiation mit Taufe, Firmung und Kommunion durchlaufen haben, aber keinen persönlichen, ihrer Lebensform als Erwachsene entsprechenden Zugang zur Botschaft des Evangeliums und zu Gott bzw. zu Jesus gefunden haben? Vielleicht haben die sogenannten Sakramentalisierten nicht gelernt, zugleich frei und regelmässig zu beten. Vielleicht sagt ihnen das biblische Wort wenig oder nichts. Vielleicht spüren sie den äusseren Druck eines irgendwie christlich Gesollten, aber es fehlt ihnen die grundlegende Erfahrung der befreienden Wirkung des Könnens und des Dürfens eines christlichen Lebensstils. Die Liturgie in einer Vielfalt von Feierformen kann dazu natürlich einen Beitrag liefern, aber es ist illusorisch alles von der Liturgie zu erwarten. Es tut der Liturgie und denen, die sie feiern, nicht gut, wenn sich das Geschehen im Kirchenraum loslöst vom Leben drumherum.

«Deshalb ist im Kern Gott die Quelle der Erneuerung von Kirche.»

Ein zweiter Gesichtspunkt: Sie sprechen den Weg-Charakter an. Selbst jene, die das für sich persönlich gefunden haben, was ich eben andeutete, und ihren Glauben als mündige Christinnen und Christen in Gemeinschaft mit anderen feiern können, stehen nicht am Ende des Weges. Keine, keiner. Gott ist immer neu und immer reicher, uns zugewandter, näher als wir schon erkannt oder erfahren haben. Deshalb ist im Kern Gott die Quelle der Erneuerung von Kirche, nicht Menschen oder Strukturen, die stehen an anderer Stelle, wo sie dann natürlich auch wichtig sind und gebraucht werden.

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Wo gelingt schon heute Kirchenerneuerung durch Liturgie?

Brüske: Überall dort, wo Menschen aus der Erfahrung gemeinsamen Feierns neu oder tiefer als zuvor geistliche Gemeinschaft bilden, also an weitaus mehr Orten als ich selber kenne. Ich verzichte darauf Beispiele zu nennen, obwohl mir einige einfallen, weil es einfach ungerecht wäre gegenüber jenen, die ich zufällig nicht kenne. Allen, die sich da engagieren, möchte ich gerne ein Wort von Michael Moynagh zurufen: «Der Blick voraus ist wichtig, weil das Reich Gottes von der Zukunft her zu uns kommt.»

*Gunda Brüske ist Leiterin Liturgisches Institut der deutschsprachigen Schweiz in Freiburg. Sie hat in der Publikation «Liturgie und Ekklesiologie. Reform des Gottesdienstes als Reform der Kirche» zum Interviewthema einen Beitrag geschrieben.


Gunda Brüske | © Regula Pfeifer
5. November 2025 | 17:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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