Hildegard Scherer: «Persönliche Begegnung lässt sich in heutigen Eucharistiefeiern schwer abbilden»
Das Neue Testament zeigt, dass «persönliche Begegnung ein Ernstfall von Nächstenliebe» ist, sagt Hildegard Scherer, Professorin für Neues Testament. So war es Paulus wichtig, dass in der Gestalt der Mahlfeier Gemeinschaft, nicht aber Ausgrenzung und Herabwürdigung erlebt wird.
Jacqueline Straub
Welche sozialen Konzeptionen der Eucharistiefeier gibt es im Neuen Testament?
Hildegard Scherer*: Im Neuen Testament sind Zusammenkunft der Gemeinde und «Brotbrechen» von der sozialen Konzeption des Mahles aus gedacht. Es findet in Häusern statt oder in anderen Räumen, die sich für eine Gruppe eignen. Die Teilnehmenden begegnen sich persönlich, tauschen sich aus. Ritus, Lobpreis und Gebet gehören damals auch andernorts selbstverständlich zum Mahl, doch hier setzen die Christusgläubigen ihre inhaltlichen Akzente. Wenn Brot und Wein an die Hingabe Jesu erinnern, so legt sich vielleicht der Gedanke an ein Opfer nahe. Doch zeigten sich Opfer in einer anderen Sozialgestalt.
Und wie?
Scherer: Sie fanden mit kultischem Personal an Altären statt. Doch solche Terminologie verwenden neutestamentliche Texte nicht in Bezug auf das Gemeindemahl.
«Die Jerusalemer Christusgläubigen besuchten regenmässig den Tempel.»
Was sagen diese Konzeptionen über das Verständnis der ersten Christinnen und Christen aus?
Scherer: Zum einen zeigten die ersten Christinnen und Christen (wie auch die jüdische Diaspora) damit gerade innerhalb der offiziellen Religion der Städte Profil. Sie konnten nicht wie ein weiterer, vielleicht exotischer, Kult in die polytheistische Praxis eingereiht werden. Vielmehr machten die engen Verbindungen der Gemeindemitglieder, sogar in überregionalen Netzwerken, sie nach aussen verdächtig. Zum anderen bewährt sich im Mahl auch das eigene Ethos. Persönliche Begegnung ist ein Ernstfall von Nächstenliebe. Paulus ist es enorm wichtig, dass in der Gestalt der Mahlfeier tatsächlich Gemeinschaft, nicht aber Ausgrenzung und Herabwürdigung erlebt wird.
Die ersten Christinnen und Christen meiden keinesfalls den Kult- und Tempeldiskurs. Doch sie gestalten ihn kreativ und metaphorisch um. Können Sie Beispiele nennen?
Scherer: Der Apostelgeschichte zufolge besuchten die Jerusalemer Christusgläubigen regenmässig den Tempel. In der Diaspora war dies dagegen kaum möglich. Nach der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. findet zudem allenthalben eine eingehende Reflexion statt. Schon Paulus spricht der Gemeinde in Korinth zu, sie seien «Tempelinnerstes» Gottes und der Geist Gottes wohne in ihnen (1 Kor 3,16). Damit verdeutlicht er den unermesslichen Wert vor Gott. Nach Röm 12,1 bringen die Christusgläubigen Gott ihr eigenes Wirken als «lebendiges» Opfer dar. Im Hebräerbrief wird der Tod Jesu als einmaliges Versöhnungsopfer gedeutet.
Was zeigt sich, wenn man mit neutestamentlicher Perspektive auf die Sozialgestalt der heutigen Eucharistiefeier blickt?
Scherer: In der heutigen Eucharistiefeier werden die Vorstellungen von Opfer, Mahl und Herrscherlob aufgerufen: Das Mahl scheint dabei aber in den Hintergrund zu treten, die Sozialgestalten des Opferrituals und des Herrscherlobes mit seinen Rufen und Gesängen, die auf grosse Gruppen zugeschnitten sind, sind dagegen präsent. Persönliche Begegnung lässt sich in heutigen Eucharistiefeiern schwer abbilden. Das ist sicher dem starken Wachstum der Gemeinden seit den ersten Jahrhunderten geschuldet und auch abhängig vom Raum der Feier. Doch angesichts der schrumpfenden Besucherzahlen lässt sich fragen, ob vielleicht in den kleinen Ursprüngen auch ein Potenzial steckt, das heute wieder erfahrbar gemacht werden kann.
Sind jene Bilder und Motive, die das Neue Testament mit Eucharistiefeier verknüpft, hierzulande noch kulturell etabliert?
Scherer: Das ist schwer zu sagen. Würde man einmal in Zürich herumfragen, was Menschen unter einem gelungenen Essen in Gemeinschaft verstehen, wie viele verschiedene Antworten würde man wohl bekommen? Ohne Zweifel hat sich die politische und private Kultur stark verändert. Doch glaube ich, dass das Neue Testament gerade bei der Frage der Sozialgestalt der Feier auch menschlichen Grundbedürfnissen Rechnung trägt, die Zeit und Umstände überdauern. Neben dem Gottesbezug geht es auch um gemeinsame Bestärkung, um das Bedürfnis, gesehen und respektiert zu werden.
Wie lässt sich das Erinnerte so bewahren, dass es kulturell vermittelbar bleibt?
Scherer: Vielleicht stellt sich gerade dabei die Frage nach den Grundhaltungen, die sich in verschiedenen Formen ausdrücken lassen. Die Eucharistiefeier selbst hat sich ja im Lauf der Zeit verändert. Auch heute wird ein bischöfliches Hochamt andere Eindrücke schaffen als die Gruppenmesse auf der Pilgerwanderung. Die ersten Gemeinden nehmen sehr ernst, was Menschen bei den Zusammenkünften tatsächlich erleben. Wie die ersten Christinnen und Christen können auch wir uns fragen, was sich von unserer aktuellen Umgebung lernen lässt und wo es den eigenen, ungewöhnlichen Akzent braucht, um das Erinnerte lebendig zu halten.
*Hildegard Scherer ist Professorin für Neues Testament am Institut für Katholische Theologie an der Universität Duisburg-Essen. Seit 2015 war sie zunächst als Lehrstuhlvertreterin, ab Oktober 2019 als Professorin für Neutestamentliche Wissenschaften an der Theologischen Hochschule Chur tätig. In der Publikation «Liturgie und Ekklesiologie. Reform des Gottesdienstes als Reform der Kirche» hat Scherer über das Interviewthema einen Beitrag geschrieben.
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