Mit Bestsellerautor William Paul Young nach Gott suchen
Das Buch «Die Hütte» von William Paul Young wurde über 23 Millionen Mal verkauft. Darin verbringt der Protagonist ein Wochenende mit Gott. Nun hat der Autor in Zürich über seine fundamentalistisch geprägte Kindheit und sein Verständnis von Gott als bedingungsloser Liebe gesprochen.
Jacqueline Straub
An dem verregneten Montagmorgen kommen etwas mehr als 20 Personen mit Regenschirmen in das Bethaus in Zürich Wiedikon eingetrudelt. Sie alle wollen den Kanadier William Paul Young hören – und mit ihm die Tageskonferenz unter dem Motto «Gott neu sehen» erleben. Er ist für eine Europatour aus den USA angereist, seiner Wahlheimat. Ein Zwischenstopp, bevor es für ihn nach Deutschland geht, ist in Zürich.
William Paul Young ist als Kind von Missionars-Eltern in Papua-Neuguinea im Stamm Dani aufgewachsen. Bis er im Alter von sechs Jahren in ein Internat geschickt wurde, hielt er sich selbst für ein Mitglied der Dani. Er wuchs in einem streng fundamentalistischen, evangelikalen Umfeld auf, das stark leistungsorientiert war. «Man musste bestimmte Dinge tun, um Gottes Zuneigung zu gewinnen». Etwa das richtige Gebet sprechen. Und: Schon als Kind erlebt er sexuellen Missbrauch.
Den Zuhörenden berichtet er, dass sein Glaube sehr «eng geführt» worden sei. Man durfte die Stimme Gottes selbst nicht hören. Dennoch fand er in sich «sichere Orte», in denen er Gottes Nähe erlebte. Ein «Safe Space» war für ihn das Stehen unter einem Blechdach im Monsunregen. Denn dort hörte er seinen aggressiven Vater nicht schreien.
In seinem Vortrag geht er auf das Verständnis der Trinität ein. «Alles entspringt der Beziehung zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist», so William Paul Young. Gott sei ein Wesen, das sich von Natur aus hingebe, weil gegenseitige Hingabe absolut zentral für unser Wesen sei. Der Buchautor kritisiert zugleich, dass «wir die Schönheit der Dreieinigkeit verlassen und stattdessen eine Vorstellung aufgebaut haben, die sich an den Werten einer Welt orientiert, die Liebe und Macht nicht versteht und Hierarchien errichtet, um Macht zu bewahren». Er betont, dass die Liebe die Macht sei – Liebe, die selbsthingebend, mitleidend und sich aufopfernd ist. Und dass der Mensch als Ebenbild Gottes auf Gemeinschaft angelegt sei und Gott keine Einsamkeit kenne.
Liebe, nicht Macht
«Nur Jesus ist in die Täuschung der Einsamkeit hineingegangen, in die illusorische Trennung – und mitten in unserer Täuschung hat er sich entschieden, Gott zu vertrauen», sagt William Paul Young. In seiner Auferstehung habe er diese Täuschung zerstört, denn sie gehöre zum Tod. Eindringlich blickt er in die kleine Runde und sagt: «Wenn du isoliert bleibst und alles in deinem Leben versteckst, stirbst du. Du bist nicht dafür geschaffen, allein zu sein.»
Gott kenne keine Hierarchie, so William Paul Young. Innerhalb der Dreieinigkeit herrsche gegenseitige Hingabe und Unterordnung aus Liebe, ist sich der Autor sicher. Darum sei auch unser Leben auf Selbsthingabe und kooperative Liebe angelegt, nicht auf Macht und Kontrolle.
Gottes Güte gibt Grund zum Glauben
Die Glocken einer Kirche in der Nähe läuten und erschallen das Bethaus. Trotz Mikrophon ist der Buchautor kaum noch zu verstehen. «Ein Zeichen, um aufzuhören», meint William Paul Young mit einem Lächeln. Als es wieder etwas ruhiger im Raum ist, will ein Zuhörer wissen, wie William Paul Young zur Überzeugung kam, dass Gott reine Liebe ist. «Das bezeugt die Schrift, die frühe Kirche und meine eigene Seele», sagt er mit einem Strahlen im Gesicht und fügt hinzu: «Wenn Gott nicht reine, bedingungslose Liebe wäre, könnte man ihm nicht vertrauen. Dann haben wir keine Hoffnung.»
Weil Gott «Agape» sei, ist er «freundlich, geduldig und führt kein Buch über Fehler». William Paul Young führt aus, dass Gott nie einen Menschen verletzt, sondern dass die Menschen Zerstörung bringen. «Gott nimmt sie auf sich, am Kreuz und in unserem Leben. Er nimmt uns die Freiheit nicht weg – sonst gäbe es keine Liebe. Auch das ‹Nein› gehört dazu. Darum gibt es im Paradies die Möglichkeit zur falschen Wahl.» Mit Nachdruck betont der Buchautor, dass er überzeugt ist, dass Gottes Güte der einzige Grund sei, warum er noch glauben könne.
Freikirchen distanzierten sich
Ein anderer Zuhörer will von ihm wissen, warum viele Christinnen und Christen nicht so eine persönliche und dialogische Beziehung mit Gott haben, wie es der Kanadier in seinem Buch «Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott» beschreibt. Darauf kann William Paul Young keine genaue Antwort liefern: «Ich selbst habe Gott nicht immer so erlebt.» Dennoch: «Gott will, dass wir lernen, seiner Gegenwart zu vertrauen, auch ohne fühlbare Zeichen.» Er sagt, dass Lieder und Gebet noch stark um «Trennung» drehen, etwa wenn «Jesus, komm zu uns» gebetet wird. «Wir versuchen, Gott von irgendwo anders hierher zu holen. Das ist heidnisch.» Und widerspreche der biblischen Vorstellung.
Dass William Paul Young in der Schweiz ist, ist Ben Jakob zu verdanken. In der Pause erzählt der langjährige CEO der internationalen Hilfsorganisation World Vision, dass er über 40 Kirchen – evangelische Landes- und Freikirchen – kontaktiert hat. «Die einzige Person, welche auf unsere Anfrage positiv reagiert hat, war die reformierte Landeskirchen-Pfarrerin Priscilla Schwendimann, welche in Zürich die Mosaic Church leitet», sagt er. Zusammen mit dem Zweig «Focus Theologie» der Reformierten Erwachsenenbildung hat sie dann zwei Events mit dem Bestsellerautor in Zürich initiiert.
Ben Jakob zeigt sich überrascht, dass so wenig christliche Gemeinden auf das Angebot eingegangen sind. «Ich befürchte, dass viele Leiter aus freikirchlichen Kreisen sich mit der Theologie von Paul Young schwertun.» Ein anderer Mann fügt hinzu, dass William Paul Young in gewissen evangelikalen Kreisen gar als Antichrist gilt. «Die konservativen Katholiken haben da wesentlich weniger Probleme mit ihm, als unsere ‹Fundis›», sagt er, der selbst bei einer Freikirche engagiert ist.
In Roman «Die Hütte» wird Gott nämlich in einer sehr ungewöhnlichen, symbolischen Weise dargestellt, die viele traditionelle Gottesbilder herausfordert. Gott Vater (»Papa») wird als eine grosse afroamerikanische Frau dargestellt und bricht mit dem klassischen Bild des alten, weissen, männlichen Patriarchen. Der Heilige Geist ist eine geheimnisvolle, asiatisch wirkende Frau. Einzig Jesus ist dem «Original» sehr nah, er wird als jüdischer Handwerker verkörpert. Insgesamt wird Gott also nicht als ferne, autoritäre Instanz gezeigt, sondern als liebevolle, persönliche Beziehung.
Nach einem Stehlunch und der Möglichkeit mit anderen ins Gespräch zu kommen, findet ein Workshop statt, bei dem die Teilnehmenden lernen, sich gedanklich in einen «sicheren Ort» zu begeben und genau diesem liebevollen Gott zu begegnen. William Paul Young sagt, dass er Menschen kenne, die sich Gott nicht männlich oder weiblich vorstellen können, da sie etwa von einem Mann missbraucht wurden. «Ihnen begegnet Gott vielleicht in Form eines Hundes.»
Gottes Bild von uns
In einer ersten Übung schreiben alle ihre grösste Angst auf ein Stück Papier. Nach einer kurzen geführten Übung übergeben die Teilnehmenden in Stille den Brief mit den Ängsten an Gott. Beim Austausch danach zeigt sich, wie unterschiedlich diese Begegnungen sind und wie erleichtert gewisse Teilnehmende nun sind. Gott als Hund ist keinem in der Runde erschienen. Vielmehr berichten viele von Jesus, der einem zulächelte oder umarmte. Zum Schluss stellt William Paul Young die Frage: «Welches Bild trägt Gott von euch in seinem Portemonnaie?» und lässt die Teilnehmenden untereinander darüber austauschen.
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