Bischof Beat Grögli: «Papst Leo konnte zu jeder spontanen Frage etwas Hilfreiches sagen»
Der Bischof von St. Gallen hat vor kurzem den «Baby-Bischofs-Kurs» in Rom besucht. Den Einführungskurs für neue Bischöfe hat er als Netzwerk-Anlass mit spirituellen Momenten wahrgenommen. Die Begegnung mit Papst Leo XIV. machte ihm «unglaublich Eindruck».
Regula Pfeifer
Wie haben Sie den Einführungskurs für Bischöfe* in Rom erlebt?
Beat Grögli: Es waren für mich spannende Tage mit vielen Bischöfen aus der ganzen Welt. Der krönende Abschluss war die Begegnung mit Papst Leo XIV., das hat mir unglaublich Eindruck gemacht.
Darauf kommen wir gern zurück. Welche spannenden Informationen haben Sie an den Einführungstagen erhalten?
Grögli: Wir hörten sehr viele Referate. Die meisten Referate waren persönliche Zeugnisse. Es ging darum, dass wir die verschiedenen Verantwortlichen der Dikasterien als Persönlichkeiten erleben. Und nicht darum, dass sie uns einen Vortrag über ihr Dikasterium gehalten hätten.
«Ich fand sehr interessant, wie sich das Dikasterium fürs Ordensleben vorstellte.»
Ich fand sehr interessant, wie sich das Dikasterium fürs Ordensleben vorstellte. Da war die erste Präfektin der katholischen Kirche überhaupt, die Ordensschwester Simona Brambilla. Sie wurde begleitet von zwei Mitarbeitern. Durch den Dreierauftritt des Dikasteriums fürs Ordensleben spürte ich, wie gut sie zusammenarbeiten, wie gut ihre Gesprächskultur ist, wie sehr sie der Weltkirche und den Bischöfen einen Dienst leisten wollen. Das machte mir Eindruck.
Ich musste dann früher gehen, um fürs Ministrantenfest und andere Gottesdienste rechtzeitig zurück in der Schweiz zu sein. Und wen traf ich am Flughafen, der den gleichen Flug von Rom nach Zürich nahm? Den Sotto-Segretario des Dikasteriums fürs Ordensleben. Ich nutzte natürlich die Gelegenheit, ihm noch ein paar Fragen zu stellen. Das wäre ohne den Kontakt aus dem Kurs nicht möglich gewesen.
Was haben Sie dabei erfahren?
Grögli: Ich hatte Fragen zu den Klöstern im Bistum, zu den Diözesan-Eremitinnen, zu Gemeinschaften, die vielleicht ins Bistum kommen werden. Ich fragte, wie ich zu Informationen zu diesen Gemeinschaften komme.
Was für nützliche Informationen haben Sie sonst erhalten für Ihr Bischofsamt?
Grögli: Der Einführungskurs für neue Bischöfe war keine eigentliche Informationsveranstaltung. In der Politik würde man sagen: Das war ein Netzwerk-Anlass. Interessant war, andere Bischöfe zu treffen und die Verantwortlichen der Dikasterien – und am Schluss auch den Papst. Interessant und wichtig waren die Begegnungen. Informationen kann ich auch im Internet nachlesen.
«Mit den Bischöfen Freitag und Krämer ergaben sich gute Gespräche.»
Begegnungen öffnen ja auch Türen, falls man eine Frage hat…
Grögli: Ja, man hat sich schon mal gesehen, hat einen ersten Kontakt. Aus dem deutschsprachigen Raum waren wir zu dritt: neben mir noch Weihbischof Johannes Freitag von Graz-Seckau und Bischof Klaus Krämer von Rottenburg-Stuttgart. Wir haben uns ab und zu beim Essen zusammengesetzt und sind auch einmal auswärts essen gegangen. Das ergab gute Gespräche, weil unsere Situationen vergleichbar sind. Solche Kontakte können weitergehen.
Offenbar wurde in diesen Kurstagen auch über Missbrauch, Kinderschutz und Krisenmanagement gesprochen. Haben Sie da etwas Neues erfahren?
Grögli: Den Vortrag hat der Sekretär der Kinderschutzkommission, Luis Manuel Alí Herrera, gehalten. Er ist ein langjähriger Freund, wir haben zusammen in Rom studiert. Mich freute, dass nachher viele sagten, dass dies der beste Vortrag war, auch didaktisch sehr ansprechend. Spannend fand ich, was er mir anschliessend in einer Pause sagte. Nämlich: Aus der Missbrauchskrise sei in verschiedenen Regionen der Weltkirche viel Gutes entstanden. Zum Beispiel in der US-amerikanischen Erzdiözese Boston: Dort haben sie aus der Krise gelernt, es entstand ein Aufbruch.
Worüber hätten Sie gern mehr erfahren?
Grögli: Ich ging nicht mit grossen Erwartungen nach Rom, deshalb bin ich positiv überrascht, auch organisatorisch klappte alles gut. Was sich sagen lässt: Gewisse Dikasterien kamen in diesen Tagen gar nicht vor. Aber innerhalb einer Woche ist das auch nicht möglich. Das Programm war sehr dicht: Vier Vorträge am Tag, das genügt.
«Papst Leo hörte sehr gut zu und beantwortete wirklich jede Frage.»
Wie war die Audienz vom Donnerstag mit Papst Leo?
Grögli: Die Präsenz von Papst Leo machte mir grossen Eindruck. Die Audienz begann um 9 Uhr morgens und dauerte bis nach 12 Uhr. Unterdessen beantwortete er während einer guten Stunde spontane Fragen. Man konnte einfach die Hand heben und, sobald man an der Reihe war, die Frage stellen. Er hörte sehr gut zu und beantwortete wirklich jede Frage. Dies in einer grossen Bescheidenheit, nicht im Sinne: Ich weiss alles. Er konnte zu jeder Frage etwas Hilfreiches, Sachgemässes sagen. Das beeindruckte mich.
Haben Sie selbst eine Frage gestellt?
Grögli: Ja, ich nahm meinen Mut zusammen und sagte ihm, ich käme aus einem Bistum, das das Privileg hat, dass bei der Bischofswahl das Volk Gottes und der Klerus mitwirken. Ich habe das so vereinfacht formuliert. Es gibt ja bei uns eine Mitwirkung des Volkes Gottes, also seitens des Katholischen Konfessionsteils, und eine Mitwirkung des Klerus – über das Domkapitel. Ich sagte dem Papst: Es würde mich interessieren, wie er das beurteile. Er gab eine sehr gute Antwort, die mir einleuchtete. Er meinte, die Situationen weltweit seien sehr unterschiedlich. Je nachdem könne eine Mitwirkungsmöglichkeit dazu führen, dass Politiker Druck auf die Kirche ausübten, was durchaus gefährlich werden könnte.
«Papst Leo kennt unseren Bischofswahlprozess sehr gut.»
Aber er sagte auch, dass man über eine gewisse Mitwirkung des Volkes Gottes und des Klerus weiterdenken sollte. Das ist auch im Schlussdokument der Synode vom Oktober 2024 so formuliert. Papst Leo kennt übrigens unseren Bischofswahlprozess sehr gut. Er war zuvor Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe. Er wusste also genau, wovon ich rede.
Wie haben Sie Kollegialität und Geselligkeit in diesen Tagen in Rom erlebt?
Grögli: Ich habe die Bischöfe als sehr kollegial erlebt, einige anfangs noch zurückhaltend. So blieben die rund zehn neuen US-amerikanischen Bischöfe anfangs unter sich. Das änderte sich im Verlauf des Kurses. Ich schätzte in diesen Tagen meine Sprachkenntnisse. Ich konnte beim Essen an irgendeinen Tisch sitzen, und wir fanden immer eine Sprache, in der wir miteinander reden konnten. Ich spürte ein grosses gegenseitiges Interesse.
Haben Sie das Gefühl, da wird etwas weiterleben?
Grögli: Unter uns deutschsprachigen Bischöfen sicher. Aber man muss realistisch sein: Unser Zeitbudget ist beschränkt. Aber es kann gut sein, dass wir uns einmal via Mail austauschen, und der Kontakt weitergeht. Viele der Bischöfe kennen die Schweiz, etwa von einem touristischen Besuch, oder weil hier viele Ordensgemeinschaften daheim sind. Da kann es durchaus sein, dass man sich wiederbegegnet.
Was hat Sie als Bischöfe miteinander verbunden?
Grögli: Das gemeinsame Gottesdienst-Feiern und Beten war eine wichtige Erfahrung in diesen Tagen. Wir feierten auch einmal Eucharistie im Petersdom und einmal in Santa Maria Maggiore. Wir waren also nicht einfach für eine Konferenz in Rom. Wir waren auch geistlich miteinander unterwegs.
Möchten Sie noch etwas anfügen?
Grögli: Ich möchte darauf hinweisen, dass es zwei Einführungskurse für Bischöfe waren, die parallel in Rom stattfanden: Einerseits der Kurs des Dikasteriums für die Bischöfe, an dem Bischöfe von Nordamerika, Südamerika, Europa, Australien, den Philippinen und von den orientalischen Kirchen teilnahmen. Andererseits gab es einen separaten Kurs mit etwa 80 Bischöfen aus Afrika und Asien.
«Ein Bischof von Samoa sagte: In 15 Jahren wird es meine Insel nicht mehr geben.»
Zwei Tage verbrachten wir alle miteinander. Diese Begegnungen waren auf eine andere Art interessant. Wenn ich einen Bischof von Samoa höre, der sagt: In 15 Jahren wird es meine Insel nicht mehr geben, weil sie unter dem Meeresspiegel versunken sein wird. Das sind andere Realitäten. Oder wenn ein Bischof von Myanmar, wo die Militärdiktatur herrscht, erzählt, wie das Militär die Kathedrale zusammengeschossen hat und die Bevölkerung in die Wälder flüchten musste. Das eins zu eins zu hören, berührte mich. Für sie wiederum ist es eine starke Erfahrung, das sagen zu können und wahrgenommen zu werden.
*Der Einführungskurs für neue Bischöfe fand vom 4. bis 11. September in Rom statt. 192 Bischöfe nahmen daran teil.
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