Urs Brosi, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz
Schweiz

Urs Brosi: «Ich kenne kein monarchisches System, bei dem der Monarch aus Überzeugung Macht abgegeben hat»

Vor zwei Jahren hat die Universität Zürich die Pilotstudie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche veröffentlicht. Wo steht die Kirche heute? Antworten von Urs Brosi, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz, im Podcast «Laut + Leis».

Sandra Leis

Die Ergebnisse waren schockierend: Das Team um die beiden Historikerinnen Monika Dommann und Marietta Meier hat im Umfeld der katholischen Kirche über tausend Fälle von sexuellem Missbrauch aufgedeckt in den Jahren 1950 bis 2020. Und gesagt, das sei in der Schweiz erst die Spitze des Eisbergs.

Überrascht sei er nicht gewesen, sagt Urs Brosi, «denn fünf Jahre zuvor ist in Deutschland die MHG-Studie publiziert worden mit ähnlich schrecklichen Ergebnissen. Doch die Pilotstudie hat einfach enorm weh getan.»

Offiziell kein Aufsichtsorgan

Er ist seit Dezember 2022 Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ), dem Dachverband der Kantonalkirchen. Zum Verhältnis von RKZ und Schweizer Bischofskonferenz (SBK), welche die Studie gemeinsam mit der Kovos in Auftrag gegeben haben, sagt Brosi: «Es gab Friktionen, das ist öffentlich bekannt. Doch im Moment sind wir sehr konstruktiv unterwegs.»

V.l.: Damalige RKZ-Präsidentin Renata Asal-Steger, Bischof Joseph Bonnemain, Beat Müller, Medienverantwortlicher Universität Zürich, und die Projektleiterinnen Marietta Müller und Monika Dommann an der Pressekonferenz vom 12.9.23 zur Pilotstudie Missbrauch.
V.l.: Damalige RKZ-Präsidentin Renata Asal-Steger, Bischof Joseph Bonnemain, Beat Müller, Medienverantwortlicher Universität Zürich, und die Projektleiterinnen Marietta Müller und Monika Dommann an der Pressekonferenz vom 12.9.23 zur Pilotstudie Missbrauch.

Auf die Frage, ob sich die RKZ als eine Art Aufsichtsorgan der SBK versteht, schmunzelt Brosi und sagt: «Offiziell sicher nicht. Wir können keine Aufsicht verhandeln, wenn es nicht wie im unternehmerischen Bereich Checks and Balances gibt.»

Die römisch-katholische Kirche ist hierarchisch organisiert und kennt keine Gewaltenteilung. «In dieser Situation nimmt die RKZ ein Stück weit die Rolle als kritisches Gegenüber wahr.»

Arbeitgeberin Kirchgemeinde

Klar: Die Bischöfe stehen in der Pflicht, die neuen Massnahmen und Richtlinien umzusetzen. Doch die Kirchgemeinden und Landeskirchen können die Verantwortung nicht einfach an die Bischöfe delegieren. Denn die Kirchgemeinden sind auch Arbeitgeberinnen.

Vreni Peterer, Präsidentin IG MikU und Betroffene, spricht an der Pressekonferenz zur Missbrauchstudie.
Vreni Peterer, Präsidentin IG MikU und Betroffene, spricht an der Pressekonferenz zur Missbrauchstudie.

«Sie müssen sorgfältig prüfen, wen sie anstellen, und sind verpflichtet, Referenzen einzuholen. Gegebenenfalls haften sie auch für den Schaden, den die Mitarbeitenden verursachen», so Brosi. Hinzu komme eine Fürsorgepflicht für jene Menschen, die sich in einer Pfarrei aufhalten.

Akuter Personalmangel

Die Arbeit der Kirchgemeinden erleichtern und schweizweit vereinheitlichen soll ein Leitfaden, der Ende Jahr parat sein soll. Dabei geht es um die Führung von Personaldossiers und die Erteilung von Referenzauskünften. Seit April 2025 durchleuchten Assessments angehendes Kirchenpersonal.

Urs Brosi: «Gerade weil wir Personalmangel haben, sollten wir nicht jede Person nehmen, die wir bekommen können.»
Urs Brosi: «Gerade weil wir Personalmangel haben, sollten wir nicht jede Person nehmen, die wir bekommen können.»

Nur: Drückt man nicht ein Auge zu, wenn akuter Personalmangel herrscht? Diese Gefahr bestehe durchaus, sagt Brosi. «Doch gerade weil wir Personalmangel haben, sollten wir nicht jede Person nehmen, die wir bekommen können. Das würde die negative Situation nur beschleunigen.»

Es brauche einen gewissen Standard, ist Brosi überzeugt. «Aus meiner Sicht erreichen wir diesen Standard nicht alleine durch die akademische Ausbildung. Es gibt Personen, die sehr gute pastorale Arbeit leisten ohne ein Hochschulstudium.»

Personalausweis mit QR-Code

Die Kirche darf sich keine personellen Fehlentscheide mehr leisten. Dessen sind sich auch die Bischöfe bewusst. Im Juli hat Charles Morerod, Präsident der SBK, in der NZZ verlauten lassen, dass er im Bistum Lausanne, Genf, Freiburg nach französischem Vorbild einen Personalausweis mit QR-Code einführt. Via Smartphone könne sich die anstellende Behörde dann informieren. 

Bischof Charles Morerod führt in seinem Bistum Lausanne, Genf, Freiburg einen Personalausweis mit QR-Code ein.
Bischof Charles Morerod führt in seinem Bistum Lausanne, Genf, Freiburg einen Personalausweis mit QR-Code ein.

Dieser Idee steht Urs Brosi grundsätzlich sehr positiv gegenüber. «Entscheidend werden die Überlegungen zum Datenschutz sein: Wer gibt die Daten ein? Wer kontrolliert, ob sie aktuell sind? Und wer hat Zugang zu diesen Daten?

Weisse Flächen bei Opferberatungsstellen

Ein Meilenstein ist seit Anfang Jahr geschafft: Die Opferberatung erfolgt unabhängig von den kirchlichen Stellen durch die kantonalen Opferberatungsstellen. Die Kirche bezahlt dafür eine Fallpauschale und bietet für kirchenspezifische Fragen Unterstützung an.

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Flächendeckend ist das neue System in der Schweiz noch nicht eingeführt, erklärt Urs Brosi im Podcast «Laut + Leis»: «Wir haben noch zwei grosse weisse Flächen auf der Landkarte – die ganze Zentralschweiz, wo wir noch keine einzige Vereinbarung abgeschlossen haben. Und die Romandie inklusive Tessin.» Gespräche und Verhandlungen würden laufend geführt, so Brosi.

Braucht echter Kulturwandel Veränderungen im System?

Nach wie vor kultiviert die Kirche das Bild, dass sie systemisch eigentlich nichts zum Missbrauch beiträgt. Nur: Braucht echter Kulturwandel Veränderungen im System?

Wie lässt sich die römisch-katholische Kirche verändern?
Wie lässt sich die römisch-katholische Kirche verändern?

«Unbedingt», ist Brosi überzeugt. «Wir müssen die kirchlichen Strukturen dahingehend verändern und Kontrollmechanismen etablieren, dass ein Rückfall in alte Muster nicht mehr möglich ist.»

Kultur kann sich jederzeit wieder ändern

Solange es in der römisch-katholischen Kirche keine Gewaltenteilung gebe, sei es schwierig, echte Kontrollmechanismen zu implementieren. «Ohne Kontrolle besteht jedoch die Gefahr, dass sich die Kultur jederzeit wieder zum Schlechten verändern kann.»

Veränderung müsse ein Stück weit auch «abgetrotzt werden», sagt Brosi mit Nachdruck. «Ich kenne kein monarchisches System, bei dem der Monarch aus innerer Reife und Überzeugung Macht abgegeben hat.»

In der Schweiz stünden die Zeichen im Moment gut: «Anders als in früheren Jahren ist die SBK jetzt so zusammengesetzt, dass wir an einem Strang ziehen und einiges bewegen können.»


Urs Brosi, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz | © Sandra Leis
12. September 2025 | 07:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!