Der Hünenberger Seelsorger Christian Kelter
Schweiz

Christian Kelter: «Der Impuls zur Pfarreigründung kam aus dem Volk»

Am Wochenende lädt die Pfarrei Heilig Geist in Hünenberg zu einem besonderen Jubiläumsfest anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens ein. Unter der Leitung von Diakon Christian Kelter soll ein Dorffest nicht nur die Geschichte und Tradition der Pfarrei würdigen, sondern vor allem die Gemeinschaft des Dorfes feiern.

Wolfgang Holz

Herr Kelter, die Pfarrei Heilig Geist Hünenberg feiert ihr 50-Jahr-Jubiläum? Freuen Sie sich schon darauf?

Christian Kelter*: Ja, ich freue mich sehr. Im November 2023 haben wir zu dritt in einer Küche angefangen zu überlegen, wie wir diesen Meilenstein in der Pfarreigeschichte feiern können. Jetzt ist es ein richtig grosses Fest, auf das wir uns freuen dürfen. Das OK umfasst inzwischen zehn Personen. Es war und ist eine grosse Arbeit, aber auch eine riesige Freude. 

«Es ist bewusst kein Fest für den Inner-Circle.»

Sie feiern das Jubiläum der Pfarrei in Gestalt eines Dorffests unter dem Motto: «Es-Zäme-schön-ha». Wollen Sie damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, indem Sie möglichst viele Hünenbergerinnen und Hünenberger einladen und gleichzeitig die katholische Pfarrei in den Fokus rücken?

Der Hünenberger Seelsorger segnet Kinder an Ostern.
Der Hünenberger Seelsorger segnet Kinder an Ostern.

Kelter: Der Impuls zur Pfarreigründung kam Ende der sechziger Jahre aus dem Volk. Hünenberg ist also quasi eine Gründung von unten. Da gab es von Anfang an ein grosses Wir-Gefühl. Das hat damals im Dorf niemanden kalt gelassen. Genau das soll sich jetzt im Fest widerspiegeln. Es ist bewusst kein Fest für den Inner-Circle. Es ist ein Fest für alle. Eigentlich so, wie es auch mit der Kirche insgesamt sein soll. Wir sollen Kirche in der Welt sein und nicht für einen irgendwie gearteten «heiligen Rest». 

«Das widerspiegelt der Innenraum der Heilig Geist Kirche: Gemeinschaft auf Augenhöhe.»

Die Hünenberger mussten lange Jahre in die Kirche nach Cham zum Gottesdienst gehen, weil es keine eigene Kirche im Dorf gab – obwohl Hünenberg als Dorf schon lange autonom war. Hat die eigene Kirche in Hünenberg inzwischen eine eigene sakrale Identität entwickelt?

Kelter: Die Kirche entsprang dem Geist des II. Vatikanischen Konzils. Man ging weg von einer ständisch verfassten Kirche hin zur Gemeindekirche. Das widerspiegelt der Innenraum der Heilig Geist Kirche: Gemeinschaft auf Augenhöhe. Räume wirken ja auf Menschen. Und ich meine, das spüren und erleben heute auch viele in unseren Gottesdiensten: ein Gemeinschaftsgefühl.

«Ich glaube, unsere Kirche entspricht dem, was Menschen in ihr suchen und hoffentlich auch ein bisschen finden: Gemeinschaft, Geborgenheit, Trost und Hoffnung.»

Die Hünenberger Pfarrkirche gilt als ein eindrückliches Beispiel moderner Sakralarchitektur: ein markanter Bau aus Beton und Schiefer, der sich eindrucksvoll in die Höhe streckt. Im Inneren bietet sie mit ihrem weiten Raum Platz für bis zu 600 Personen. Wie akzeptiert ist das moderne Hünenberger Gotteshaus im Dorf mittlerweile, und wie viele Gottesdienstbesucher haben Sie so im Schnitt – oder ist das nicht so wichtig?

Moderne Kirche mit 600 Plätzen: Die katholische Heiliggeist-Pfarrei in Hünenberg
Moderne Kirche mit 600 Plätzen: Die katholische Heiliggeist-Pfarrei in Hünenberg

Kelter: Ich kann es nur vorsichtig formulieren, aber ich glaube, unsere Kirche entspricht dem, was Menschen in ihr suchen und hoffentlich auch ein bisschen finden: Gemeinschaft, Geborgenheit, Trost und Hoffnung. Ich persönlich mag den Raum sehr. Er lässt sich liturgisch so vielfältig bespielen.

Und ja, wie wichtig sind Zahlen? Gemessen an der Zahl der 5’800 Hünenberger Katholikinnen und Katholiken haben wir im Normalfall vielleicht 4 Prozent Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Gottesdienst. Vier- bis fünfmal im Jahr sind es auch über 10 Prozent. Ist das nun viel oder wenig? Viel wichtiger ist mir allerdings die Frage, ob die, die da feiern, etwas von Gottes Gegenwart spüren, ob sie berührt werden und einen Impuls erhalten. In dieser Hinsicht sind Zahlen dann sehr relativ. 

«Wir versuchen, Ermöglicher zu sein.»

Es ist schweizweit bekannt, dass Sie, Herr Kelter, ein aufgeschlossener und sehr empathischer Seelsorger sind. Wie lebendig ist denn das Gemeindeleben in Hünenberg?

Kelter: Es wäre schlimm, wenn das Gemeindeleben von mir abhängig wäre. Das wäre eine Bürde, die ich nicht tragen könnte und auch nicht tragen wollte. Wir sind ein Team von 16 hauptamtlich Angestellten und wir sehen unsere Aufgabe darin, dass wir Menschen ermutigen und begleiten, dass sie ihre Talente, Fähigkeiten, Sehnsüchte und Fragestellungen ins Grosse und Ganze einbringen. Dass sie sich weiterentwickeln und daran wachsen können.

Die Kirche von innen: hell und geräumig
Die Kirche von innen: hell und geräumig

Wir versuchen Ermöglicher zu sein. Und ich bin einer davon. Ob das gelingt, da müssten wir die anderen fragen. Mir jedenfalls ist es ein Anliegen. Und es macht Spass. 

«Wir sind als Kirche und als kirchliche Gemeinschaften in einem fundamentalen Transformationsprozess. Und ich frage mich, wie wir den gestalten.»

Gibt es im weitgehend gut-bürgerlich situierten Hünenberg überhaupt irgendwelche Brennpunkte im sozialen Zusammenleben?

Kelter: Gibt es nicht in jedem Leben und Zusammenleben Brennpunkte? Die Frage ist, inwieweit der christliche Glaube hier Unterstützung bieten kann. Fakt ist, und das nicht nur in Hünenberg, dass immer weniger Menschen dies nachfragen. Das ist in unserer säkularen Gesellschaft auch normal; für mich persönlich auch ok so. Wir sind als Kirche und als kirchliche Gemeinschaften in einem fundamentalen Transformationsprozess. Und ich frage mich, wie wir den gestalten. Aber das ist ein Thema für sich.

«Rituale und Sakramente spielen weiterhin eine grosse Rolle – selbst bei Menschen, für die ihr Glaube an den anderen 364 Tagen im Jahr kaum eine Relevanz hat.»

Wie stark sind denn Spiritualität, Glaube und Religion im Dorf nachgefragt? Oder sind es eben vor allem Rituale wie Hochzeit, Taufe oder Beerdigung, die die Gegenwart Gottes spürbar werden lassen im Dorf?

Kelter: Glaube lässt sich schwer in Zahlen messen. Und Spiritualität ist nicht nur christlich konnotiert. Das gilt es zu akzeptieren. Rituale, Kasualien und Sakramente spielen aber tatsächlich weiterhin eine grosse Rolle – selbst bei Menschen, für die ihr Glaube an den anderen 364 Tagen im Jahr kaum eine Relevanz hat. Mir ist dabei wichtig, dass wir das dann nicht missionarisch verzwecken. Vielmehr sollten wir unsere ganze Kraft darauf verwenden, dass Menschen in diesem für sie wichtigen Moment, eine Ahnung von Gott bekommen.

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*Christian Kelter (Jahrgang 1969) wurde in Bad Neuenahr-Ahrweiler (D) geboren. Er studierte Theologie und Philosophie in Bonn und Innsbruck. Als Diakon leitet er die Pfarrei Heilig Geist, Hünenberg, im Kanton Zug in der Schweiz.

«Hübiläum – 50 Jahre im Dorf»: am 23. August von 14 bis 2 Uhr und am 24. August von 10.15 bis 15 Uhr. Es wird allen Besuchern empfohlen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen, da die Parkplätze sehr begrenzt sind. Mehr Infos auf der Website der Pfarrei.


Der Hünenberger Seelsorger Christian Kelter | © Heike Witzgall
22. August 2025 | 17:00
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