Barbara Dietz-Stilli
Schweiz

Barbara Dietz-Stilli: «Stille ist Geheimnis, dessen Schätze sich jedem anders öffnen»

Die Autorin Barbara Dietz-Stilli hat sich auf das Experiment Stille eingelassen – und darüber ein Buch mit Gedichten und Impulsen geschrieben. Die Entdeckung der Stille war für sie eine «existentielle Erfahrung», die zur «kostbaren Ressource» im Alltag wurde.

Jacqueline Straub

Sie haben ein Buch mit dem Titel «Experiment Stille. Impulse und Gedichte» geschrieben. Was bedeutet Ihnen Stille im hektischen Alltag?

Barbara Dietz-Stilli*: Die Entdeckung der Stille war für mich eine existentielle Erfahrung und wurde eine kostbare Ressource, die ich jederzeit «anzapfen» kann. In der Stille finde ich tiefen Zugang zu mir selbst, zu Gott, zu meinem Umfeld. Stillwerden hilft mir, Gefühle und Gedanken bewusster wahrzunehmen, Prioritäten zu sortieren und das Wesentliche in meinem Leben achtsam zu pflegen. Stille ist mir zugleich Ruhe-Oase, Time-out, Sinn-Abenteuer, Reiseproviant, Entscheidungscoachin, Friedensstifterin – je nach Situation und Lebenslage. Mittlerweile kann ich mich auch mitten im Lärm und Stress an diese unerschöpfliche Quelle in meinem Innern «setzen».

«Vom Typ her bin ich mehr ein «Macher» und ruhelos.»

Welche Erfahrungen haben Sie beim Experimentieren mit Stille gemacht?

Dietz-Stilli: Zu Anfang bin ich erschrocken, wieviel Unruhe und Negatives in mir hochkam, als ich mal nichts tat und «nur» still war. Die Erfahrung der eigenen inneren Bedürftigkeit wurde jedoch zu einem kostbaren Weg für meine Sehnsucht nach tieferer Verbundenheit mit allem, was Leben bedeuten kann. Zu den Erfahrungen gehören auch überraschend auftauchende «Lösungen» für existentielle Fragen, emotional berührende Momente mitten im Alltag oder verblüffende Einheit in gemeinsamer «Hör-Stille» mit andern zusammen.

Sie beschreiben das Stillwerden als kontemplativen Weg. Wie hat dieser Sie verändert?

Dietz-Stilli: Vom Typ her bin ich mehr ein «Macher» und ruhelos. Kontemplation öffnete mir einen Weg, wie die Spannung zwischen dem Wunsch nach zielorientiertem Engagement und zweckfreiem Dasein fruchtbar werden kann.

Wenn Gott von sich sagt:

Ich bin, der ich bin –

Wer bin ich zu sagen:

Ich bin, was ich leiste?

Die Dimensionen der Beziehung zu Gott, zu Mitmenschen und zu mir selbst fanden in eine wachsende Versöhntheit, die mich begeistert und zugleich nach immer mehr ausstrecken lässt. Heute prägen Zeiten der Stille den Klang meines Lebens, so wie Musik ohne Pausen und Rhythmus nicht vorstellbar ist. Auch wenn Stillwerden nicht immer leicht ist, werde ich doch nicht müde, die Geheimnisse dieses Wegs weiter zu entdecken. Statt wie früher nach einem «mehr» von diesem und jenem zu suchen, führt mich die Stille über Reduktion in die Tiefe der Relationen und bewirkt eine Lebensqualität, die nicht von Umständen abhängig ist.

Stille entgiftet,

was auf Dauer nicht nährt,

und lässt dafür

satte Gegenwart wachsen.

Und wie kann Stille jeden einzelnen von uns verändern?

Stellen Sie sich vor, welche Kreise es ziehen könnte, wenn jeder täglich eine Viertelstunde der Stille widmen würde. Kierkegaard formulierte das so: «Der Zustand der Welt ist krank. Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte: Was rätst du? Ich würde antworten: Schaffe Schweigen». So könnte gelingendes Miteinander in Gerechtigkeit und Frieden wachsen.

Handy aus.

Klappe zu.

Tauchgang ins Schweigen.

Tiefgang zum Grund.

Stille aufsuchen,

um allein

mit Gott zu sein,

hebt den Schatz

meines Lebens

täglich eine

Schaufel höher.

Wie kommen Sie, wie kann ich gut in die Stille kommen?

Dietz-Stilli: Es gibt so viele Wege wie Menschen. Gleichzeitig gibt es Zugänge, die sich für viele bewährt haben. Im 2. Kapitel meines Buches stelle ich etwa die Natur, den Atem, das Jesus-Gebet, die Schale der leeren Hände oder auch das stille Betrachten meines Verhaltens gegenüber Mitmenschen als «Türen» zur Stille vor. In weiteren Kapiteln werden Fragen wie «Wie beginne ich?» oder der Umgang mit Zeit und Prioritäten thematisiert. Ein Kapitel ist der Kombination von Stille und Bibelworten gewidmet, diesem Powerpack der «lectio divina», das langfristig tiefe Veränderung bewirkt. Auch die Texte der Mystik sind eine Fundgrube für die Reise zum Geheimnis des unsichtbaren Beziehungsgeschehens, das den Kern des kontemplativen Wegs ausmacht.

Hände zum Gebet gefaltet
Hände zum Gebet gefaltet

In Ihrem Büchlein wechseln sich lyrische Miniaturen mit Impulsen ab, die konkret zum Experimentieren mit Stille einladen. Warum haben Sie sich für diesen «Mix» entschieden?

Dietz-Stilli: Stille ist ein Geheimnis, dessen Schätze sich jedem anders öffnen. Deshalb habe ich eine Kombination von Sachinformation und persönlichem Erzählen einerseits mit verschieden langen Gedichten andererseits gewählt. Diese laden assoziativ, meditativ oder anekdotisch zu stillen Momenten im Denken und im Gemüt ein.

Was erhoffen Sie sich für die Lesenden?

Dietz-Stilli: Ich wünsche den Lesenden, dass sie je nach Zeit und Lust und in freier Reihenfolge verschiedene Facetten des kontemplativen Wegs kennenlernen und so ihr ganz eigenes Experiment mit Stille entwickeln können.

*Barbara Dietz-Stilli hat Anglistik, Pädagogik und Theologie studiert. Ihr neuster Gedichtband heisst «Experiment Stille. Impulse und Gedichte», erschienen beim Echter Verlag.

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Barbara Dietz-Stilli | © zVg
6. August 2025 | 17:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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