Die Kathedrale von Vaduz.
Schweiz

Missbrauch: Personaldossiers aus Erzbistum Vaduz sind noch erhalten

Akten, die Auskunft über Missbrauch geben können, befinden sich noch im Erzbistum Vaduz. Das hat das Forschungsteam aus Zürich vor wenigen Tagen erfahren. Der Apostolische Administrator, Bischof Benno Elbs, wird «prüfen, inwieweit eine Einsichtnahme gewährt werden kann». Der Verein für eine offene Kirche ist erleichtert und hofft auf Transparenz.

Jacqueline Straub

Als im September 2023 die Pilotstudie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche Schweiz veröffentlicht wurde, lagen den Forscherinnen der Universität Zürich keine Daten zu Missbrauchsfällen im Erzbistum Vaduz vor. Die Forschungsgruppe interessiert sich aber für die Personaldossiers jener Priester, die bis 1997 in Chur inkardiniert waren und im Zuge der Abspaltung nach Vaduz gewechselt sind.

Doch: «Die Abklärungen, was nach der Gründung des Erzbistums Vaduz mit den Personaldossiers, die vorher in Chur waren, geschehen ist, waren langwierig», sagt Lucas Federer aus dem Forschungsteam gegenüber dem «Vaterland».

Gesuch auf Akteneinsicht

Nun wurde dem Forschungsteam bestätigt: Die Akten, die zuvor im Bistum Chur waren, sind im Erzbistum Vaduz. Dies hat ihnen der Feldkircher Bischof Benno Elbs, der seit 2023 Apostolischer Administrator des Erzbistums Vaduz ist, mitgeteilt. «Wir werden nun unverzüglich ein Akteneinsichtsgesuch für diesen Bestand stellen», sagt die Projektleiterin Marietta Meier gegenüber dem «Vaterland».

Marietta Meier
Marietta Meier

«Zum aktuellen Zeitpunkt liegt noch keine Anfrage zur Akteneinsicht vor», schreibt Veronika Fehle, Kommunikationsleiterin des Bistums Feldkirch, auf Anfrage von kath.ch. «Sollte diese eingehen, werden wir im Rahmen der staats- und kirchenrechtlichen Möglichkeiten prüfen, inwieweit eine Auskunft bzw. Einsichtnahme gewährt werden kann.»

Der Verein für eine offene Kirche ist erleichtert, dass sich die Akten noch in Liechtenstein befinden und nicht vernichtet wurden. «Es ist wichtig, dass das Zürcher Forscherteam Einsicht in die Akten erhält», sagt Barbara Konrad-Büchel vom Vorstand des Vereins für eine offene Kirche gegenüber kath.ch. Denn: «Die Frage, wie im Bistum Chur und später im Erzbistum Vaduz in der Vergangenheit der Umgang mit sexuellen Missbrauchsopfern aus Liechtenstein war, ist von grossem Interesse für die Gläubigen.»

Bekannter Fall aus Ruggell

Das Forschungsteam der Universität Zürich hat bereits vage Hinweise erhalten, dass auch im Erzbistum Vaduz Missbrauch stattgefunden hat. Ein Fall, der über das Fürstentum hinaus hohe Wellen schlug, war das Vergehen des Priesters Thomas Jäger an einem Mädchen. Der Priester hat im Jahr 2019 eine achtjährige Ministrantin in seinem Pfarrhaus in Ruggell missbraucht. Er wurde im März 2025 von einem deutschen Gericht zu einer achtmonatigen bedingten Haftstrafe verurteilt. Sein Verteidiger kündigte nach dem Prozess an, in Berufung zu gehen. Im April 2025 teilte ein Gerichtssprecher der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) mit, dass auch die Koblenzer Staatsanwaltschaft Berufung gegen das Urteil eingelegt hat.

Damit sich Betroffene von sexuellem Missbrauch melden können, hat der Apostolische Administrator Benno Elbs bei der Übernahme seines Amtes eine unabhängige Ombudsstelle für das Erzbistum Vaduz eingerichtet. Diese ist an die Beratungsstelle des Bistums Feldkirch angeschlossen. Seither sind dort «unserer Information zufolge keine Meldungen eingegangen», sagt Pressesprecherin Veronika Fehle.

Hohe Dunkelziffer möglich

Die Ombudsstelle bezeichnet Barbara Konrad-Büchel vom Verein für eine offene Kirche als einen «wichtigen, ersten Schritt für eine Aufarbeitung dieser Frage». Dennoch sei der Umfang und das wahre Ausmass der Missbrauchstragödie in Liechtenstein nicht bekannt. «Es ist gut möglich, dass die Dunkelziffer viel höher ist. Viele Opfer schämen sich bestimmt und sind von grossen Zweifeln geplagt», sagt Barbara Konrad-Büchel.

Archivbild von 2005: Erzbischof Wolfgang Haas reicht dem Erbprinzen Alois II. von Liechtenstein die Kommunion.
Archivbild von 2005: Erzbischof Wolfgang Haas reicht dem Erbprinzen Alois II. von Liechtenstein die Kommunion.

Sie findet es schade, dass der emeritierte Erzbischof Wolfgang Haas sich nicht schon vor Jahren für eine Untersuchung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche aussprach und Schritte zur Aufklärung und Prävention unternommen hat. Sobald die Akten vorliegen, erhofft sich der Verein für eine offene Kirche Transparenz.

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Die Kathedrale von Vaduz. | © Christian Merz
29. Juli 2025 | 17:00
Lesezeit : ca. 2  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!