Die Heilige Maria Magdalena - auf der Postkarte von "Reformen jetzt"
Kommentar

Das Enigma Maria Magdalena

Abgesehen von der Muttergottes hat keine Frauenfigur des Neuen Testaments die Phantasie der Menschen so sehr beschäftigt wie Maria Magdalena. Jedes Jahrhundert glaubte diese Frau neu entdecken zu können, neu entdecken zu müssen.

Stefan Betschon

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Maria Magdalena hat sich jüngst stark belebt. Trotzdem dürfte wohl noch lange gelten, was Marco Frenschkoswki 1993 im ersten Satz seines Beitrags für das Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon festgehalten hat: «Maria Magdalena ist eine der rätselhaftesten Frauengestalten des Neuen Testaments.» Weil sie Jesus nahegestanden hat, hätten bereits die vier Evangelisten ihr vergleichsweise viel Aufmerksamkeit geschenkt. Doch schon in den ältesten Auslegetradtionen hätten sich «Vermischungen und Verwechslungen» mit anderen biblischen Frauengestalten angekündigt. Viele der Bilder, die sich Künstlerinnen und Künstler von dieser Frau machen, verdanken sich solchen «Kontaminationen».

Vor knapp zehn Jahren hat sich Papst Franziskus der Heiligen angenommen und ihr alle Verruchtheit genommen. Sie gilt nun offiziell als Apostelin. Ihr Gedenktag am 22. Juli wurde liturgisch aufgewertet und in der römisch-katholischen Kirche seither als «Fest» gefeiert. So gab es die römisch-katholische Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung am 3. Juni 2016 bekannt.

Jenseits der Mythen

Es lagern in Schweizer Bibliotheken etwas mehr als 1000 Bücher, die im Titel oder durch die Verschlagwortung auf Maria Magdalena verweisen. Zwei Drittel davon wurden in den vergangenen 30 Jahren geschrieben. Viele Sachbücher erheben im Titel den Anspruch, endlich die wahre Maria Magdalena vorzuführen: «Unveiling Mary Magdalene: Discover the Truth About a Not-So-Bad Girl of the Bible», «The Mary Magdalene Cover-Up: The Sources Behind the Myth» oder schlicht: «Mary Magdalene: Beyond the Myth». Es gibt auch mehrere auflagenstarke Romane zum Thema, neben dem «Da Vinci Code» von Dan Brown etwa das Werk der schwedischen Autorin Marianne Fredriksson, das als «ergreifendes und eindringliches Buch über die Liebe» angepriesen wird, das einen «faszinierend spannenden Blick für ein weibliches Christentum» eröffne.

Die ältesten Texte über Maria Magdalena finden sich im Neuen Testament. Diese Frau wird von allen Evangelisten an zentraler Stelle als wichtige Figur mehrmals namentlich erwähnt. Sie ist da, als Jesus hingerichtet wird. Sie ist da, in Sichtweite des Gekreuzigten, als dieser seine letzten Worte spricht. Sie hält zu Jesus, während sich seine Anhänger aus Angst versteckt halten aus, als Mittäter ebenfalls verhaftet und bestraft zu werden.

Maria Magdalena geht voran

Auch Frauen mussten damals den Tod am Kreuz befürchten, doch Maria Magdalena scheint keine Angst gehabt zu haben vor der Obrigkeit. Wo die Apostel zögern und zagen, geht Maria Magdalena voran. Sie ist da, als Jesus stirbt, sie ist da, als er begraben wird. Sie gehört zu den ersten, die sein Grab besuchen und dem Auferstandenen begegnen. Von ihm empfängt sie den Auftrag, die Osterbotschaft in die Welt hinaus zu tragen. Sie ist die Botschafterin, die den Botschaftern die frohe Botschaft überbrachte. Sie ist die «Apostola Apostolorum», wie schon Hippolyt von Rom im dritten Jahrhundert die Frau an der Seite Jesu bezeichnete.

Auch wenn alle vier Evangelisten sich mit Maria Magdalena beschäftigen, ist es gar nicht so einfach, die in diesen kanonischen Schriften in Fragmenten enthaltene Lebensgeschichte mit wenigen Worten so wiederzugeben, dass sie jedem einzelnen Bericht gerecht wird. Denn es gibt bezüglich dieser Lebensgeschichte in den vier Evangelien zwar grosse Übereinstimmungen aber auch Unterschiede und sogar Widersprüche. Die lukanische Maria Magdalena hat etwa mit der johanneischen nicht sehr viel gemein. Für Johannes ist sie bei den Ereignissen am Karfreitag und an Ostern die Hauptfigur neben Jesus. Lukas hingegen schildert diese Ereignisse grösstenteils ohne Maria Magdalena zu erwähnen. Sie ist hier Teil einer anonymen Gruppe von Nebendarstellerinnen. Erst am Schluss fällt ihr Name, erst jetzt wird klar, dass sie als Augenzeugin die ganze Zeit dabei war.

Archäologische Entdeckungen

Maria Magdalena: Nur schon der Name ist etwas Besonderes. Wo im Neuen Testament andere Frauen durch ihren Platz in der Familie, etwa «die Ehefrau des …» oder «die Schwester von …» – kenntlich gemacht werden, ist Maria Magdalena geografisch verortet: Sie ist die Frau, die aus Magdala kommt, einer Stadt in Galiläa, die offenbar wegen eines hohen Bauwerks bekannt war. Denn das aramäische Wort Magdala bedeutet Turm. Weil Magdala eine reiche Stadt war und weil Maria Magdalena bei ihrem ersten Auftritt im neuen Testament mit reichen Gönnerinnen der Urchristengemeinde in Verbindung gebracht wird, ist es naheliegend, sie sich als wohlhabende, unabhängige Frau vorzustellen.

Magdala war zu Beginn unserer Zeitrechnung eine vergleichsweise grosse Stadt mit mehr als tausend Einwohnern. Der jüdische Feldherr Flavius Josephus hatte Magdala zur Festung ausgebaut, doch er verlor die Schlacht gegen die Römer. Die Stadt wurde im Jahr 66 zerstört. Was die römischen Soldaten stehen liessen, wurde 363 durch ein Erdbeben vernichtet. Später liessen sich arabische Bauern hier nieder, errichteten ein Dorf, das el-Mejdel hiess. Nach der Gründung des israelischen Staates wurden diese Bauernhütten von Bulldozern weggeräumt, russische Immigranten bauten eine Siedlung, die sie Migdal nannten.

Ferien bei Maria Magdalena

Dieses Migdal war noch Ende des 20. Jahrhundert ein verschlafenes, vergessenes Dörfchen. Doch dann gelangen hier bedeutende archäologische Entdeckungen. Eine Archäologin der Israel Antiquity Authority – Dina Avshalom-Gorni – konnte 2009 mit Mitarbeitern die Überreste einer Synagoge freilegen. Es war das erste Mal, dass in Galiläa eine Synagoge aus der Zeit vor der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 70 entdeckt worden war.

Am nördlichen Rand der Stadt gelegen und 120 Quadratmeter gross, umfasste sie drei Räume, kleinere für die Aufbewahrung der Schriftenrollen und für das Studium, einen grossen als Versammlungsraum. Hier konnten Schätzungen zufolge auf zwei Reihen mit Bänken entlang den Wänden 120 Menschen gemeinsam Gottesdiensts feiern. Auf die vielbeachtete Entdeckung einer Synagoge im Jahr 2009 folgte 2021 ein weiterer bedeutender Fund, eine zweite Synagoge.

2021 wurde in unmittelbarer Nähe zu den Grabungsstätten und direkt am See ein grosses Hotel mit 150 Zimmern eröffnet. Neben Restaurants und Bars gibt es hier auch ein Freibad und ein Fitness-Zentrum. Direkt am See befindet sich ein Duc in Altum genanntes Kirchengebäude, das mehrere Kapellen und Versammlungsräume umfasst und das als «ein Ort des Gebets, der Lehre und des Gottesdienstes für Christen aller Hintergründe und Konfessionen» angepriesen wird. Es gibt hier auch ein besonderen «Frauen Atrium», das den Frauen der Bibel gewidmet ist und darüber hinaus eine «Hommage» sein soll «an Frauen, die Gott lieben und aus dem Glauben leben». In diesem Frauen-Atrium gibt es auch eine Maria-Magdalena-Säule. Denn diese Frau ist die Hauptattraktion hier am Ort.

Blick in den Spiegel

Was ist es, was diese Frau so anziehend macht? Es ist das Rätselhafte, es sind die Leerstellen, in denen sich die Betrachter spiegeln. Nachdem das Heiligenbild oder das Sexsymbol frühere Jahrhunderte bereits ausgiebig beschäftigt hatten – welche Magdalena könnte als Gegenüber das 21. Jahrhundert sich wünschen?

Vielleicht eine Non-binäre Magdalena, eine Männin, die jene Lücke ausfüllt, die jetzt noch durch Gender-Sterne markiert werden muss. Eine Maria Magdalena, die – ein bisschen David Bowie, ein bisschen Grace Jones – die Geschlechterdifferenz überwunden hätte, die sich nicht mehr zu outen brauchte, weil sie sich aller Binarität entledigt hätte.

Eine solche Magdalena gab es schon einmal: Menschen, die der Gnosis zugerechnet werden, hatten sie sich im 2. und 3. Jahrhundert ausgedacht und in apokryphen Schriften festgehalten. Die Gnostiker erachteten es als erstrebenswert, die Weiblichkeit und damit auch die Körperlichkeit zu überwinden und einen Zustand der Vergeistigung zu erreichen.

Eva und Magdalena als Gegenspielerinnen

Als Papst Franziskus 2016 beschloss, den Gedenktag der heiligen Magdalena liturgisch aufzuwerten, verfasste der Erzbischof Arthur Roche, Sekretär der Liturgiekongregation, dazu ein Begleitschreiben, das im «L’Osservatore Romano» veröffentlicht wurde. «Christus hat eine besondere Rücksicht und Barmherzigkeit für diese Frau», so der Erzbischof, dem inzwischen die Kardinalswürde verliehen wurde. Er stellt Magdalena Eva gegenüber: «Die erste verbreitete den Tod, wo es Leben gab; die zweite verkündete das Leben von einem Grab aus, einem Ort des Todes.»

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Die besondere Sendung der Maria Magdalena müsse hervorgehoben werden. Es sei daher richtig, dass die liturgische Feier Maria Magdalena den gleichen Grad an Festlichkeit habe, wie die Feier der Apostel. Laut Roche entspreche die Gleichstellung Maria Magdalenas mit den Aposteln dem ausdrücklichen Wunsch von Papst Franziskus und solle das kirchliche Nachdenken über die Würde der Frau anregen. «Ein kleiner Schritt aufwärts im ‹Who is who› der Heiligen» so kommentierte damals Radio Vatikan, «aber ein grosser Schritt für die Wertschätzung der Rolle von Frauen in der Kirche».


Die Heilige Maria Magdalena – auf der Postkarte von «Reformen jetzt» | © zVg
22. Juli 2025 | 17:13
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