Andrea Taschl-Erber, Professorin für neutestamentliche Bibelwissenschaft an der KU Linz.
Schweiz

Andrea Taschl-Erber: Am Gedenktag Marias von Magdala an wichtige Rolle von Frauen erinnern

Maria Magdalena wurde vom Auferstandenen beauftragt, die Frohe Botschaft den Jüngerinnen und Jüngern zu verkünden. Das macht sie zur ersten Apostelin, sagt die Neutestamentlerin Andrea Taschl-Erber. Dies müsste Folgen für die heutige kirchliche Praxis haben.

Jacqueline Straub

Heute ist der Gedenktag von Maria Magdalena. Was bedeutet Ihnen persönlich diese Frau?

Andrea Taschl-Erber*: Maria von Magdala habe ich sehr viel Forschungszeit gewidmet, ihre Figur hat mich über viele Jahre begleitet. Als enge Jüngerin Jesu, österliche Prophetin und Apostelin zählt sie zu den wichtigsten Gestalten in den Evangelien. Die Ostergeschichten reflektieren ihre fundamentale Rolle für die sich nach Jesu Tod entwickelnde Gemeinschaft.

Maria von Magdala wird oft als «Apostelin der Apostel» bezeichnet. Weswegen hat sie diesen Titel erhalten?

Taschl-Erber: In der johanneischen Ostererzählung wird sie ausdrücklich vom Auferstandenen mit einer Botschaft gesandt – dies macht einen Apostel bzw. eine Apostelin aus, einen «Gesandten» bzw. eine «Gesandte» Jesu. Dabei wird sie hier nicht zu den Zwölf gesandt, sondern zu der Gemeinschaft seiner Jünger und Jüngerinnen, der sie die Osterbotschaft verkündet (vgl. Joh 20,17f.). Als Erste mit einer Erscheinung des Auferstandenen gewürdigt und von ihm zur Verkündigung beauftragt, fungiert sie als die erste Apostelin. In der Tradition erhält sie daher den ehrenden Titel apostola apostolorum.

«Hier wurden mehrere Frauengestalten in eins gesetzt.»

Was müsste daraus heute in der Kirche resultieren?

Taschl-Erber: Die Führungspositionen und Leitungsfunktionen der Frauen am Anfang ernst zu nehmen und danach die kirchliche Praxis auszurichten.

Die Kirchengeschichte hat aus der mutigen Frau eine Sünderin gemacht. Wie verlief dieser Prozess und warum kam es dazu?

Taschl-Erber: Hier wurden mehrere Frauengestalten in eins gesetzt. Klassisches Attribut Marias von Magdala ist das Salbgefäss: Am Ostermorgen kommt eine Frauengruppe zum Grab, um Jesus zu salben (Mk 16,1; vgl. Lk 24,1). Es gibt aber auch weitere Salbungserzählungen in den Evangelien: Während in Mk 14,3-9 (par. Mt 26,6-13) eine anonyme Prophetin Jesus zum Messias salbt, vollzieht in Lk 7,36-50 eine «Sünderin» eine Salbung der Füsse Jesu. Unmittelbar darauf betritt in Lk 8,2 Maria von Magdala die Erzählbühne, die gegen die Konventionen der Zeit nicht über einen Mann definiert wird und deren sieben Dämonen, die der Evangelist Lukas erwähnt, die Phantasien der Ausleger über die Jahrhunderte angeregt haben. In Joh 12,1-8 erhält die Salbende den Namen Maria – die Namensgleichheit bewirkt eine Vermischung der Frauenfiguren. Als Motor für die «Verwechslung» mit der Sünderin fungiert jedoch auch das Eva-Motiv in der Auslegung der Osterevangelien durch die Kirchenväter, die mit der Sündenfallgeschichte Frauen an ihren traditionellen Platz erinnern wollten und in der österlichen Verkündigung eine Wiedergutmachung der Verfehlung der ersten Frau sahen.

Die Heilige Maria Magdalena - auf der Postkarte von "Reformen jetzt"
Die Heilige Maria Magdalena - auf der Postkarte von "Reformen jetzt"

Als Bibelwissenschaftlerin haben Sie sich intensiv mit Maria Magdalena auseinandergesetzt. Was hat Sie bei der Forschung zu diesem Thema erstaunt?

Taschl-Erber: Dass diese bedeutende Frauengestalt durch patriarchale Projektionen und Strategien zur Sünderin abgestempelt wurde, ruft natürlich eine Reihe negativer Emotionen hervor.

Und was freut Sie?

Taschl-Erber: Dass es mittlerweile viel mehr Aufmerksamkeit in Bezug auf Maria von Magdala als Apostelin sowie die Geschichten auch anderer biblischer Frauengestalten gibt. Dass nun aber das sich verbreitende Wissen um die grundlegenden Rollen dieser Frauen noch immer nur bedingt Wirkung in der Verteilung kirchlicher Leitungsaufgaben erzielt, lässt erstaunen. Daher gilt es sich am Gedenktag Marias von Magdala an die wichtige Rolle von Frauen in der Gründungsgeschichte zu erinnern und den Tag «zu ihrem Gedächtnis» (vgl. Mk 14,9) zu feiern.

Andrea Taschl-Erber ist Professorin für neutestamentliche Bibelwissenschaft an der Katholischen Privat-Universität Linz. Sie hat sich intensiv mit Maria Magdalena beschäftigt und dazu die Publikation «Maria von Magdala – erste Apostolin? Joh 20,1–18: Tradition und Relecture» veröffentlicht.

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Andrea Taschl-Erber, Professorin für neutestamentliche Bibelwissenschaft an der KU Linz. | © KU Linz / Hermine Eder
22. Juli 2025 | 11:55
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