Der «Mariastein»: Religiöses Zeichen oder Vandalismus?
Wer im glasklaren Ägerisee im Kanton Zug schwimmen geht, für den fühlt sich dies fast so rein an, als ob man in Weihwasser eintaucht. Dabei hat das Baden dort tatsächlich spirituelle Momente der überraschenden Art zu bieten.
Wolfgang Holz
Es ist ein schmaler Strand am Ägerisee in Unterägeri. Eigentlich wirkt der Badestreifen auf den ersten Blick wenig erquicklich – braust doch hier unmittelbar der laute, dichte Autoverkehr von Ausflüglern und Einheimischen an dieser Stelle an den Badenden vorbei. Dort, wo sich in diesen sommerlichen Tagen viele Menschen in den kühlen Fluten des Ägerisees erfrischen.
Mächtige Forellen
Der Ägerisee fasziniert die Badenden dabei an dieser Stelle nicht nur durch die Reinheit des Gewässers, die fast wie Weihwasser wirkt. Auch die mächtigen Forellen, die vom Uferrand sichtbar wie kleine U-Boote majestätisch durchs Wasser navigieren, erinnern an den neutestamentlichen Fischreichtum im See Genezareth.
Wer dort bei den grossen Sandsteinblöcken dann zum Schwimmen ins Wasser geht, dem sticht plötzlich eine in den Stein gravierte Wortfolge ins Auge, die sehr sakral daherkommt: «Ave Maria Mutter Gottes», steht da deutlich lesbar auf einem der Blöcke.
Paradiesische Atmosphäre
Zuerst verblüffend, dann spontan begeisternd wirken die akkurat und gekonnt in den Stein geritzten, religiösen Vokabeln auf den gläubigen Badegast – schliesslich fühlt man sich irgendwie göttlich geborgen angesichts dieser paradiesischen Szenerie aus Wasser, Sonne und Bergen ringsum.
Auch Urs Stierli, seines Zeichens Diakon und Gemeindeleiter von Oberägeri, ist der Stein an diesem Unterägerer Badestrand, an dem man keinen Eintritt bezahlen muss, schon aufgefallen. «Ich habe ihn neutral zur Kenntnis genommen», bekennt der Seelsorger gegenüber kath.ch.
Viele religiöse Zeichen im Ägerital
Aus seiner Sicht sei es grundsätzlich schön, dass es noch so viele religiöse Zeichen, wie etwa Wegkreuze, im Ägerital gebe, die erhalten werden. «Wobei nicht alle dieser Zeichen von kirchlicher Seite stammen und unterhalten werden, sondern auch auf private Initiative zurückgehen.»
«Erstaunlicher Weise muss ich gestehen, dass mir diese eingeritzten Worte am Ufer bislang noch nicht aufgefallen sind», bekennt die reformierte Unterägerer Pfarrerin Bettina Mittelbach. Und das, obwohl sie dort an dieser Stelle häufig am Ägerisee spazieren gehe. «Erstaunlich und ungewöhnlich sind diese Worte an dieser Stelle allerdings schon.»
Doch was hat es nun mit dem «Ave Maria Mutter Gottes» eigentlich genau auf sich, das an besagter Stelle am Strand des Ägerisees in den Stein geritzt wurde? Badende, die hier täglich ins Wasser gehen, sind sich sicher, dass es diese Inschrift auf diesem «Mariastein», die wie eine geheimnisvoll hinterlassene Botschaft wirkt, schon seit einigen Jahren gebe. Hat sich hier womöglich ein bislang unbekanntes Marienwunder ereignet?
Vandalismus?
Genaueres weiss Nathalie Barth vom Tiefbauamt der Gemeinde Unterägeri. «Die besagten Steinblöcke wurden bei der Umgebungsgestaltung rund um das «Haus am See» zwischen 1989 und 1997 platziert.» Es gebe allerdings keine Hinweise darauf, dass es sich bei den Steinblöcken um wiederverwendete Steine, etwa einer Kirche, handele.
«Bei der Inschrift handelt es sich deshalb nicht um eine historische Arbeit, sondern eher um Sachbeschädigung beziehungsweise Vandalismus, da diese unerlaubterweise in den Sandstein geritzt wurde», so Barth gegenüber kath.ch.
Vandalismus klingt hart. Angesichts der himmlischen Worte «Ave Maria Mutter Gottes». Wie reagieren andere Badigäste im Feierabend auf diese überraschende biblische Botschaft?
Ein Mann, der entspannt an einer Bierdose nippt, meint diplomatisch: «Nach 20 Uhr äussere ich mich nicht mehr zu solchen Themen wie Politik und Religion.» Sagts und lächelt, nimmt einen weiteren Schluck und blinzelt in die Sonne.
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